Herzensangelegenheit: Stadtschreiberpreis
Diese Frau hat überall ihre Hände im Spiel.
Unruhe oder Nervosität sind für Adrienne Schneider Fremdwörter.
Berlin oder Frankfurt? Die Entscheidung fiel nicht schwer.
"Autoren sind im Grunde genommen Autisten."

Adrienne Schneider, Literaturbetrieb

Hier ist viel möglich, wenn man nur will"

Adrienne Schneider auf ein Schlagwort zu reduzieren ist beinahe unmöglich. Sie ist Schriftstellertochter, langjährige Suhrkamperin, Herausgeberin, Organisatorin von Lesungen, Jurymitglied beim Stadtschreiberpreis von Bergen und vieles mehr. Der Versuch einer Annäherung.

Adrienne Schneider ist immer auf Achse. Kaum hat sie eine Veranstaltung in der Romanfabrik angesagt, ist sie auch schon wieder in Bergen auf einer kurzfristig anberaumten Jurysitzung. Wie nebenbei leitet sie das literarische Programm des Literaturhauses in Darmstadt, arbeitet für das Wiesbadener Verlagshaus Römerweg und hat in anderthalb Jahren stolze sieben Bücher herausgebracht; Anfang Dezember erscheint mit einer Peter-Bichsel-Anthologie das achte. Mit Fug und Recht lässt sich behaupten: Diese Frau hat überall ihre Hände im Spiel. Und doch bleibt Schneider gelassen – Unruhe oder Nervosität sind für sie Fremdwörter.

Auch wenn die gebürtige Frankfurterin im Literaturbetrieb heute fest verankert ist, hätte alles ganz anders kommen sollen. „Ich wollte eigentlich Beschäftigungstherapeutin für Tiere werden“, verrät die 58-Jährige. Unter anderem habe sie sich damals beim Frankfurter Zoo beworben. Jedoch ohne Erfolg. Irgendwann hat dann der Vater die Regie bei der Berufssuche übernommen, Kontakte gab es schließlich genug. Ein guter Freund und Schachpartner ihres Vaters hörte zum Beispiel nicht zufällig auf den Namen Siegfried Unseld. Und so begann Adrienne Schneider bei einem Verlag eine Lehre, dem sie 33 Jahre treu bleiben sollte.

Vermutlich kam es einfach so, wie es kommen musste. Denn wenn es eine Frankfurter Bookster-Familie gibt, dann die der Familie Schneider. Ihr Vater Franz Joseph Schneider war Autor und Mitglied der legendären Schriftstellervereinigung „Gruppe 47“. Er rief nicht nur in den 50er-Jahren den Preis der Gruppe 47 ins Leben, sondern auch in den 70ern den Literaturpreis des Stadtschreibers von Bergen. Schon ihr Vorname Adrienne verrät viel über die Literaturaffinität des Vaters. So hieß ein damals aufsehenerregendes  Buch des holländischen Schriftstellers Adriaan Morriën „Alissa und Adrienne“. „Mein Vater und Martin Walser haben das damals zusammen ausgeheckt“, erzählt sie. Walser nannte seine Tochter Alissa.

Doch zurück zu Suhrkamp. Nach ihrer Lehre arbeitete Schneider in vielen Bereichen. „Außer Lektorat habe ich bei Suhrkamp eigentlich alles gemacht“, berichtet sie. So war sie unter anderem mitverantwortlich für den Aufbau einer Verlagstochter, dem Deutschen Klassiker Verlag. Vor allem aber organisierte sie mit einer Kollegin die vielen Lesungen des Verlags, im Jahr rund 1.800. Bei so einem Pensum bleiben kleinere Katastrophen nicht aus. „Ich habe zwei Mal vergessen, einen Autor über seine eigene Lesung zu informieren“, bekennt sie. Heute kann sie darüber lachen.

Aber auch die schönste Zeit hat mal ein Ende, für Schneider und Suhrkamp kam es Anfang 2010, als  der Verlag in die Hauptstadt zog. „Der Abgang nach Berlin war ein bitterer Schlag für alle“, sagt Schneider. Nach einem kurzen Tête-à-Tête mit Suhrkamp in Berlin kam Adrienne Schneider nach nur drei Monaten zurück. Traurig darüber, wieder in Frankfurt zu sein, war sie nicht. „Ich bin kein großer Fan von Berlin“, gesteht sie, die wahre Buchstadt ist für sie am Main. „Frankfurt wird wieder feiner, das merkt man an kleineren Initiativen oder Verlagen, die gegründet werden, wie zum Beispiel dieses Jahr der Edition Faust Verlag. Auch Buchläden eröffnen neu.“ Also kein Wehklagen darüber, dass früher alles besser war? „Ich mag das negative Gerede nicht. Frankfurt ist eine spannende Stadt. Hier ist viel möglich, wenn man nur will.“

Und Adrienne Schneider wollte. Nach ihrer Rückkehr aus Berlin, im Alter von 54 Jahren, beschloss sie, sich selbstständig zu machen. Und hatte Glück. „Ich fand direkt wieder Arbeit, der Übergang zum Darmstädter Literaturhaus gestaltete sich nahtlos.“ Das Besondere dort sei, dass sie die Lesungen zu selbst entworfenen Themen organisieren kann – zurzeit zum Beispiel das Thema „Verlust & Verrat“. „Und ich habe die Freiheit, auch Autoren mit weniger aktuellen Romanen einzuladen“, freut sich Schneider. Dabei, aber ebenso bei ihren anderen Tätigkeiten, die sie inzwischen ausübt, profitiert sie natürlich auch von ihren vielen Kontakten zu ehemaligen Suhrkamp-Mitarbeitern und -Autoren. „Zum Verlagshaus Römerweg konnte ich viele alte Kollegen vermitteln“, erzählt Schneider. Zu dem Wiesbadener Verlagshaus gehören unter anderem der Waldemar Kramer Verlag, der marixverlag und die Edition Erdmann.

Eine besondere Herzensangelegenheit ist für Schneider aber der Stadtschreiber von Bergen, das Vermächtnis ihres Vaters. Dort sitzt sie seit vielen Jahren in der Jury. Zu neunt wird ein Schriftsteller ausgewählt, der ein Jahr lang im Stadtschreiberhaus in Bergen-Enkheim wohnt und ein Preisgeld von 20.000 Euro erhält. „Der Preisträger kann sich dadurch ausschließlich auf seine literarische Arbeit konzentrieren“, erklärt Schneider das Ziel. Seit September hält Dea Loher dieses Amt inne, vor ihr waren unter anderem schon Eva Demski, Robert Gernhardt, Herta Müller und Uwe Timm Stadtschreiber. Die Festreden des Stadtschreiberpreises hat Schneider Anfang dieses Jahres gesammelt veröffentlicht.

Die Arbeit mit Autoren und Menschen aus dem Literaturbetrieb ist auch nach so vielen Jahren immer noch herausfordernd. „Autoren sind im Grunde genommen Autisten, viele sind eigen und egoman“, so Schneider. Das sei aber auch kein Wunder. Schließlich schrieben sie monate- oder gar jahrelang für sich alleine, um sich dann quasi öffentlich mit der Veröffentlichung zu outen. Aber das ist ja auch das Spannende. „Ich finde komplizierte und schräge Menschen einfach interessant.“ Noch heute, auch nach Suhrkamp, koordiniert Schneider die Lesungen von Angelika Klüssendorf und Alice Schwarzer, organisiert obendrein zusammen mit dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst Veranstaltungen wie die Büchner-Jubiläen. „Und dann rief mich irgendwann auch noch der Verlag Kiepenheuer & Witsch an und bat mich, eine Lesereise mit Harry Belafonte zu betreuen.“

Wer bei so vielen Tätigkeiten glaubt, Adrienne Schneider habe keine Einfälle für neue Veranstaltungen mehr, der irrt gewaltig. Schon während des einstündigen Gesprächs sprudelt sie über vor Ideen. Was uns noch erwartet? Wir dürfen gespannt sein.

von Isabella Caldart (18.11.2014)

Ein Buch, das ich gerade gelesen habe

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben, Hanser Berlin, 2014

Buchtipp von Adrienne Schneider

„Zugegeben, ich empfehle oft die Bücher, die ich zuletzt gelesen habe. Auch Robert Seethalers Roman habe ich erst kürzlich beendet. Der Wiener Autor erzählt – wie der Titel schon ahnen lässt – ein ganzes Leben, das von einem Mann namens Andreas Egger handelt, der zusammen mit einem Arbeitstrupp zum ersten Mal Elektrizität in ein abgeschiedenes Tal bringt. Er lernt Marie kennen, die Liebe seines Lebens, die er wieder verlieren wird. Das Buch ist sanft, unaufgeregt und leise, es beschreibt seine Protagonisten sehr zärtlich und bildreich und wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.“