Der Literaturkritiker und sein Untersuchungsobjekt
Lesen ohne Notizen zu machen – undenkbar
Zuhörerzahlen im fünfstelligen Bereich – jetzt besser kein Versprecher
Die Technik im Griff zu haben, beruhigt die Nerven.
Dem britischen Humor ist Alf Mentzer besonders zugeneigt.

Alf Mentzer, Literaturkritiker und Redaktionsleiter, hr2

Der Reiz des Rotlichtfaktors

Beim Hessischen Rundfunk leitet er die Literaturredaktion der Radiowelle hr2-kultur. Er moderiert die Römerberggespräche, ist fester Bestandteil des Frankfurter Literaturgesprächs und liest im Jahr mindestens 150 Bücher – ob aus beruflicher Notwendigkeit oder zum persönlichen Genuss, lässt sich dabei kaum unterscheiden. Alf Mentzer beobachtet und prägt gleichermaßen die Frankfurter Literaturszene.

Zwischen Literaturkritikern und Autoren besteht oft eine ganz besondere Beziehung. Solche Auseinandersetzungen wie zwischen Marcel Reich-Ranicki und Martin Walser sind für das Publikum natürlich interessant. Und auch Verrisse wie sie Dennis Scheck regelmäßig in seiner Sendung vornimmt, kommen an. Was halten Sie von solcher Art Literaturkritik?

Ich bin grundsätzlich nicht auf Verrisse aus, weil ich meinen Hörern Büchern näherbringen will. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich unkritisch bin, aber ich bin nicht darauf aus, Stimmung zu machen.

Welchen Fokus haben Sie beim Lesen?

Ich interessiere mich hauptsächlich dafür, wie ein Buch funktioniert. Deshalb lese ich eine Geschichte auch oft zwei Mal – zuerst mit dem Blickwinkel auf Inhalt und Sprache und dann mit dem Augenmerk darauf, wie der Autor vorgegangen ist.

Das klingt ziemlich zeitaufwendig. Wie schaffen Sie das?

Einfach schnell lesen. Nein im Ernst, das ist tatsächlich ein Problem. Ich bekomme jeden Tag ein neues Buchpaket. Das ist zwar immer ein bisschen wie Weihnachten, aber Sie sehen ja den Bücherstapel auf meinem Schreibtisch. Früher habe ich wenigstens auch mal eine Stunde im Büro gelesen, aber das ist heute kaum noch möglich. Gelesen wird also zu Hause. Und wenn es mal richtig eng wird, habe ich für mich einen ganz speziellen Trick entwickelt: Wenn es ein Buch als Hörbuch gibt, lasse ich das auf doppelter oder dreifacher Geschwindigkeit laufen und lese parallel im gleichen Tempo. Das mache ich aber wirklich nur in Notfällen.

Wie sind Sie überhaupt zum Hörfunk gekommen und was ist daran so reizvoll?

Ich habe zum Ende meines Studiums ein Praktikum beim Hessischen Rundfunk gemacht und bin dann dabei geblieben. Der besondere Reiz liegt darin, dass Radiomachen etwas Performatives hat. Man kann es auch einfach Rotlichtfaktor nennen. Fast alle Sendungen sind ja live. Insbesondere nach der Zurückgezogenheit eines Literaturstudiums war diese Unmittelbarkeit für mich faszinierend. Im Übrigen bin ich noch heute aufgeregt, wenn ich auf Sendung gehe. Das ist aber auch gut so und kommt der Konzentration zugute.

Hatten Sie denn eine spezielle Sprecherausbildung?

Nein. Und ich muss sagen, am Anfang war es schrecklich. Im Nachhinein wundert es mich, dass ich diese Phase überhaupt durchgestanden habe. Ich hatte das falsche Tempo, eine schlechte Betonung und fand meine Stimme grauenvoll – das kennt ja vielleicht jeder. Ich habe aber wirklich gelitten. Inzwischen habe ich Routine und akzeptiere, dass meine Stimme ist, wie sie ist. Ich bin einigermaßen sicher und habe nicht mehr das Gefühl, von dieser Studiotechnik getrieben zu werden. Wobei die Zeit im Studio sowieso nur etwa fünf bis zehn Prozent meiner Arbeitszeit ausmacht.

Hinzu kommen ja auch noch Moderationen wie auf der Buchmesse, bei den Römerberggesprächen und den Schönen Aussichten, dem Frankfurter Literaturgespräch. Wie erleben Sie dabei eigentlich das Frankfurter Publikum?

Sehr interessiert, aufgeschlossen und kompetent, aber auch selbstbewusst und kritisch.

Auf der Publikumsseite sehen Sie also bei der Buchstadt Frankfurt keine Auflösungserscheinungen. Wie ist es auf der Anbieterseite: Verlage, Veranstalter, Stadt?

Es gibt natürlich diesen Sog nach Berlin, das ist nicht wegzudiskutieren. Das gilt nicht nur für Verlage, sondern insbesondere für junge Autoren. Ich finde das sehr schade. Das Klima in Frankfurt ist traditionell sehr bürgerlich geprägt, und das ist eigentlich eine sehr gute Basis für Literatur und Diskussion. Es gibt hervorragende Veranstaltungen, etwa im Literaturhaus. Oder nehmen Sie das Festival literaTurm – Literaturfestivals gibt es ja viele, aber diese konzeptionelle Ausrichtung und thematische Fokussierung ist einzigartig. Und im Gegensatz zu Berlin gibt es bei den Veranstaltungen in Frankfurt auch keine Kannibalisierungseffekte. Auch die Stadt – mit der wir immer wieder kooperieren – interpretiert aus meiner Sicht ihre Rolle ganz gut. Man hat dort verstanden, dass es zwischen Wirtschaft und Kultur eine gesunde Balance geben muss.

Ist Frankfurt also nach wie vor mehr als nur eine Finanzmetropole?

Auf jeden Fall. Frankfurt ist eine Stadt der Bücher und des kritischen Geistes. Da sind die Buchmesse und der Börsenverein, aber auch die einmalige Museumslandschaft und die Uni. Für mich ist es auch kein Zufall, dass so etwas wie die Neue Frankfurter Schule hier in diesem Umfeld gedeihen konnte.

Ein schönes Plädoyer für Frankfurt. Gibt es denn gar keine Verbesserungsvorschläge?

Doch, beispielsweise vermisse ich eine junge experimentierfreudige Szene. Vielleicht gibt es die ja. Dann ist sie für mich aber nicht sichtbar.

Zurück zur Literaturredaktion des Hessischen Rundfunks: Was haben Sie dort in den letzten Jahren bewegt und vor welchen Herausforderungen stehen Sie?

Wir haben – vielleicht gezwungenermaßen – den Kulturbegriff erweitert und für uns ein Stück weit neu definiert. Es ist ja unbestritten, dass das Bildungsbürgertum, wie es einmal war, und sicherlich einmal einen großen Teil unserer Hörerschaft ausmachte, in der Form nicht mehr existiert oder zumindest immer mehr zusammenschrumpft. Welches Kind wächst denn heute noch ganz klassisch mit Oper und Theater auf? Die Herausforderung für uns ist also, unsere alten Hörerschichten nicht zu verlieren und neue hinzuzugewinnen. Dabei wollen wir weder altbacken noch oberflächlich daherkommen. Entsprechend haben wir einige populärere Themen in unser Programm eingearbeitet. Das ist dann so eine Art Mischkalkulation. Jedenfalls haben wir in den letzten Jahren neue Formate entwickelt. Ich denke da etwa an Krimi mit Mimi, unser monatliches Krimimagazin, für das wir mit Miriam Semrau eine Krimi-Bloggerin als Kritikerin gewinnen konnten. Oder die bereits erwähnten Schönen Aussichten, das Literarische Quartett im Literaturhaus. Eine ganz spannende Sache ist auch die Veranstaltungsreihe Handschriften der Romantik, neu gelesen von bekannten Autoren. Sie wählen jeweils einen Brief oder ein Manuskript ihres Lieblingsautors aus und präsentieren dem Publikum ihre Lesart. Dabei steht nicht nur der Inhalt der Schriftstücke im Mittelpunkt, sondern auch, was die Handschriften zwischen den Zeilen erzählen. Dass wir so etwas im Hörfunk hinkriegen, hat viele überrascht.

Wie schätzen Sie denn ganz allgemein die Zukunft der Buchbranche ein? Eine Zeit lang schien ja aufgrund der Digitalisierung bereits das Totenglöckchen des Buches zu schlagen. Inzwischen kann man wieder recht positive Signale aus der Branche vernehmen.

Ich blicke da recht optimistisch in die Zukunft. Es gibt viele sehr interessante junge, insbesondere internationale Autoren, die auch substanziell neue spannende Dinge präsentieren. Was die finanzielle Lage von kleineren Verlagen oder Händlern anbelangt, kann ich nur mutmaßen. Hier gibt es sicherlich Verdrängungs- und Konzentrationsentwicklungen. Aber selbst im Hinblick auf Amazon sehe ich eine immer breiter werdende kritische öffentliche Beurteilung und rechne mit einer Gegenbewegung der Verbraucher.

von Ulrich Erler (08.07.2014)

Ein Buch, das ich nie mehr vergessen werde.

Herman Melville: Moby Dick, Ueberreuter, 2009

Buchtipp von Alf Mentzer

„Ich kann mich noch sehr genau an das Leseerlebnis erinnern, als ich Moby Dick vor etwa 25 Jahren zum ersten Mal gelesen habe. Es war in Wyk auf Föhr, ich saß am Nordseestrand und der Wind wehte mir über die nackten Arme. Die Jagd nach dem weißen Wal hat mich damals total gefangen genommen. Es gibt kein besseres Buch, um dieses Meeresfeeling zu erzeugen, das Gefühl für die wunderbare Gewalt des Meeres. Wenn ich nur an den Schluss denke, als Kapitän Ahab in seinem Walboot von einer Harpunenleine erfasst und von dem abtauchenden Wal unter Wasser gezogen wird. Beim Auftauchen hebt er aber immer noch den Arm und führt seinen wahnsinnigen Kampf weiter.“