Ganz gleich, was sie macht: Es geht um grenzüberschreitende Literaturvermittlung.
Drei Jahre lang lebte sie in Peru. Heute lebt das Lama in Frankfurt.
Weltliteratur findet noch immer zu wenig, aber nicht mehr nur in der Nische statt.
Gewusst? Bei Litprom gibt es eine Präsenzbibliothek.
Mehr Welt. Mehr Emphatie.

Anita Djafari, Geschäftsleiterin, Litprom

Mehr Welt

Seit 36 Jahren setzt sich der Verein Litprom für die Förderung von Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika ein. Besuch bei einer Frau, die von Anfang an dabei ist: Geschäftsleiterin Anita Djafari.

Noch ist es Nachmittag und Anita Djafari hat Zeit. Heute Abend wird sie im „Weltempfänger-Salon“ im Haus des Buches dem Publikum Romane aus Kolumbien, Swasiland und Israel ans Herz legen. Morgen geht ihre Arbeit als Chefredakteurin der Zeitschrift LiteraturNachrichten an der Schwerpunktausgabe Flucht und Vertreibung weiter. In einigen Tagen wird sie in Seoul sein, um darüber zu sprechen, wie Literatur aus Korea auf dem deutschen Markt mehr Aufmerksamkeit erlangen kann. Zwischendurch wird sie immer mal wieder im Internet nachschauen, wie viele Stimmen Marguerite Abouet, Laksmi Pamuntjak und die anderen Anwärterinnen bei der Wahl zum LiBeraturpreis bislang erhalten haben. Ganz unterschiedliche Aufgaben also, bei denen es doch stets um das gleiche geht: Um Geschichten, Perspektiven, Erzählweisen und Menschen aus jenen Welten, die auf dem deutschen Markt noch immer die Ausnahme bilden. Um Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Djafari sagt es so: „Das treibt mich an: Literatur über Grenzen hinweg zu vermitteln und Horizonte zu erweitern.“

Zeitsprung. Zurück ins Jahr 1980, in die aufgewühlte Ära der internationalen Solidarität: gegen die Diktaturen und an der Seite der Befreiungsbewegungen in Lateinamerika; voller Wut auf die Apartheid in Südafrika und Faszination für die postkolonialen Aufbrüche in anderen Ländern des Kontinents. In Frankfurt erkundet die Buchmesse mit dem Ehrengastauftritt „Schwarzafrika“ Neuland. Das bewegt engagierte Literaturmenschen – manche von der Buchmesse, einige sind Kulturjournalisten, andere arbeiten für Entwicklungshilfeorganisationen – dazu, einen Verein zu gründen: die „Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika“. Angesichts der Sperrigkeit des Namens wird er schnell nur „die Gesellschaft“ genannt und erst mehrere Jahrzehnte später in „Litprom“ umbenannt. Gefördert wird er von der ersten Stunde an bis heute vom Evangelischen Entwicklungsdienst und der Frankfurter Buchmesse. Von Anfang an dabei ist auch die junge Literaturstudentin Anita Djafari.

„Das war Pionierarbeit. Belletristik aus der, wie es damals hieß, Dritten Welt war hier praktisch nicht zu finden.“ Das wollte Litprom ändern. Mit viel Herzblut wurden Bücher gesammelt und archiviert, Autoren und Verlage vermittelt, Übersetzer und Gutachter gesucht und schließlich sogar Geldgeber gefunden. Seit damals finanziert – vermittelt über Litprom – das Auswärtige Amt Übersetzungen von Werken zeitgenössischer Autorinnen und Autoren aus dem globalen Süden. 721 Titel sind dank dieses Programms seit 1984 bislang auf den hiesigen Markt gekommen: Literatur aus dem Libanon oder Uruguay, Romane von Frauen aus der Karibik, Kurzgeschichten aus der arabischen Welt oder Lyrik aus Südafrika.

Zweieinhalb Jahrzehnte lang ist Djafari als eines von rund 110 Mitgliedern ehrenamtlich für Litprom aktiv. 2006 ergreift sie die Chance und steigt fest ein. Ein Jahr später übernimmt sie die Chefredaktion der vom Verein herausgegebenen Zeitschrift LiteraturNachrichten, 2009 wird sie Geschäftsleiterin. Mit ihrem vierköpfigen Team setzt sie neue Akzente. Denn viele Buchtitel werden zu wenig wahrgenommen. Also leistet Litprom verstärkt auch Öffentlichkeitsarbeit. Auf Anregung des Schriftstellers Ilija Trojanow bringt der Verein seit 2008 viermal im Jahr die Bestenliste „Weltempfänger“ heraus, die eine Jury aus den Neuerscheinungen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt zusammenstellt. Der Weltempfänger wird als Plakat gedruckt, als Beilage des Börsenblatts an den Buchhandel verteilt und als Flyer im deutschsprachigen Raum ausgelegt. Seit 2010 organisiert Litprom die internationale Bühne „Weltempfang – Zentrum für Politik, Literatur und Übersetzung“ auf der Frankfurter Buchmesse. 2012, ein Jahr nach der Revolution in Ägypten, finden zudem im Literaturhaus die ersten Litprom-Literaturtage über Arabische Literatur statt, die seither Jahr für Jahr internationale Autoren nach Frankfurt bringen. Und 2013 nimmt Litprom den LiBeraturpreis unter seine Fittiche, mit dem jedes Jahr ein Buch einer Autorin aus dem globalen Süden ausgezeichnet wird.

Es hat sich also viel getan. Aber hat sich auch etwas verändert? Auch in der hochgradig globalisierten Welt stammt die erdrückende Mehrheit der übersetzten Belletristik aus dem europäischen und anglo-amerikanischen Bereich. „Die literarische Welt weist noch immer viele weiße Flecken auf“, bestätigt Djafari, „aber anders als früher findet Weltliteratur nicht mehr nur in der Nische und bei kleinen Verlagen statt. Fast alle großen Publikumsverlage haben entsprechende Titel im Programm.“ Schöffling etwa verlegt den Kolumbianer Juan Gabriel Vásquez, Diogenes den Südafrikaner Kenneth Bonert, S. Fischer die gebürtige Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie, deren „Americanah“ ein Bestseller wurde. Adichie steht aber auch für eine andere Entwicklung. Sie ist, ebenso wie Teju Cole oder NoViolet Bulawayo, in Afrika geboren, lebt inzwischen aber vollständig oder zum Teil in den USA. Statt von hier oder von dort zu sein, sind sie hier und dort. „Tatsächlich ist die neue Weltliteratur von Transiträumen geprägt, von Weltbürgertum, hybriden Kulturen und ästhetischer Vielstimmigkeit“, sagt Djafari.

Titel wie Americanah kommen hier aber erst auf den Markt, nachdem sie in den USA schon funktioniert haben. Das ist die andere Entwicklung: Die Spielräume für das Unbekannte und damit auch für das verlegerische Risiko sind Djafari zufolge spürbar geschrumpft. Das hat auch mit der veränderten Struktur des Buchhandels und der Dominanz der großen Ketten zu tun. Professionelles Controlling nimmt dem kleinen Titel den Platz. „Die globalisierte Welt ist auch eine der Mainstreams. Mit unseren Übersetzungen und Empfehlungen wollen wir auch Stimmen jenseits von Hypes hörbar machen.“ Zum Beleg legt Djafari einen kleinen grünen Band auf den Tisch. „Meerwüste“ heißt er und enthält Gedichte der tunesischen Lyrikerin Najet Adouani. Dank der Förderung konnte der kleine Verlag Lotos Werkstatt das Buch herausgegeben, in bescheidener Auflage zwar, aber immerhin. Im Sommer 2015 steht Meerwüste auf dem Weltempfänger, aktuell ist Adouani eine der Anwärterinnen auf den LiBeraturpreis.

Auch Adouani lebt seit drei Jahren nicht mehr in Tunesien, die Salafisten zwangen sie ins Exil nach Deutschland. Globalisierung, Migration, Flucht – vielleicht steht Litprom mit seinem beharrlichen Einsatz gegen Ignoranz und Abschottung ja erst am Anfang seiner Arbeit. Bei der Eröffnung der diesjährigen Literaturtage im Januar sagte Djafari, dass die Veranstaltung noch nie so wertvoll gewesen sei wie jetzt. Wie sie das gemeint hat? „Die Angstdebatte um die Flüchtlinge macht mir Sorgen. Auch deshalb finde ich unsere Arbeit so wichtig. Weil ich Literatur für eines der besten Mittel halte, um Interesse, Empathie und Verständnis zu wecken.“

von Christian Sälzer (08.03.2016)

Ein Buch, das nach der Verantwortung fragt

Juan Gabriel Vásquez: Die Reputation, Schöffling, 2016

Buchtipp von Anita Djafari

Ich halte Vásquez für einen der ganz großen (lateinamerikanischen) Schriftsteller aus der Generation, die die „alten Großen“ wie Márquez und Vargas Llosa längst abgelöst haben. Weltklasse! Es geht um einen politischen Karikaturisten, der sich, mit hoher „Reputation“ ausgestattet, am Ende seiner Laufbahn fragen muss, ob er mit seiner Arbeit nicht auch große Schuld auf sich geladen hat. Meisterhaft, wie der Autor seine Figuren einkreist und den Leser am Ende mit der offenen Frage nach der Verantwortung eines jeden Einzelnen zurücklässt.