Anke Kuhl ist eine "Laborantin".
Die Zeichnungen entstehen mit Tusche und Feder, koloriert wird am Computer.
Ihr jüngster Coup: ein Golem-Comic
Die Skelettsammlung zeigt ihre Vorliebe für schwarzen Humor.
Anke Kuhl mag es gerne komisch, skurril und schräg.

Anke Kuhl, Illustratorin und Autorin

Hauptsache Kugelaugen

Mit „Lehmriese lebt!“ hat die Illustratorin und Autorin Anke Kuhl gerade ihren ersten Comic veröffentlicht. Natürlich für Kinder. Natürlich etwas schräg und skurril. Und natürlich auch wieder mit riesigen Kugelaugen. Ein Atelierbesuch.

Der Morgen von Anke Kuhl beginnt mit einem schwarzen Kajalstift. Feingezogene dunkle Linien umrahmen das intensive Blau ihrer Augen. Ihren Blick, der all die Details einfängt, die sich später in ihren Zeichnungen auf dem Papier wiederfinden – wenn die Illustratorin am Schreibtisch den Schmink- gegen den Zeichenstift eingetauscht hat. Dann verwandeln sich flüchtige Impressionen des Alltags in treffsichere Bleistiftstriche. Dann sind es diese Nuancen der Wahrnehmung, die den Kuhlschen Illustrationen den ganz eigenen Strich verleihen.

In Schnürstiefeln, khakifarbener Hose und Langarm-T-Shirt der Kategorie „Lieblingsstück“ hat sie es sich in ihrem Arbeitsraum bequem gemacht. Die dicken Haare hält ein Klämmerchen mit aller Kraft aus der Stirn. Und schafft es doch nicht ganz, alle Strähnen zu bändigen. Eine riesige Gürtelschnalle zieht den Blick unweigerlich auf ihre dünne Taille. „Ach, der Gürtel? Den trage ich immer“, sagt sie und wirkt dabei, als sei sie nur versehentlich ein Mensch und ginge viel lieber wie eine ihrer drolligen Zeichenfiguren durch ein Bilderbuchleben. Aber auch das wäre kein Zuckerschlecken, wenn die Story dazu aus Kuhls Feder stammte. Die preisgekrönte Illustratorin von Bilderbüchern mag harmlos aussehen. Doch die Skelette, die in ihrem Arbeitszimmer mal in neongelb, mal kalkweiß um sie herum wie zufällig hingehängt von der Decke oder der Schreibtischlampe baumeln, erzählen eine andere Geschichte. Die von ihrem schwarzen Humor. Von ihrem Schalk im Nacken, der witzige Bilder malt zu Sprüchen wie „Alle Kinder stehen am Abgrund. Außer Peter – der geht noch‘n Meter“ aus ihrem Buch „Alle Kinder. Ein ABC der Schadenfreude“. Kuhls Zeichnungen darin brechen liebevoll das Grauen der sprachlichen Botschaft. Ihre Figuren mit den typischen Kulleraugen können gar nicht wirklich sterben. Deswegen darf man als Leser und Betrachter getrost über ihr schweres Schicksal lachen. Auch über den armen Peter, wie er kopfüber mit noch größeren Kulleraugen und ungläubigem Staunen im Blick von der Klippe ins Leere stürzt.

Anke Kuhl, geboren 1970 in Frankfurt, hat keine Angst davor, mit ihren Büchern zu polarisieren. Hinter jeder Zeichnung steht ihre Haltung zum Hier und Jetzt. So gerade sie ihren Rücken durchstreckt, wenn sie den Zeichenstift zur Hand nimmt, so ist auch ihr Gang durchs Leben. Sehr aufrecht. Unbeirrt? Nein, das vielleicht nicht. Dafür hinterfragt sie sich selbst, ihr Drumherum, zu intensiv. Sie muss Dinge immer von zwei Seiten betrachten, Widersprüche und Ambivalenzen erfassen. Und sich dann doch entscheiden für eine Perspektive. Die schließlich das Bild auf das Blatt bannt. Am liebsten macht sie das, wenn sie eigene Buchideen und Texte verwirklichen darf – wie zum Beispiel in „Höchste Zeit, Herold!“, einem Bilderbuch um einen komischen Papa-Helden, das im vergangenen Jahr erschien. Oder auch bei ihrem jüngsten Coup, „Lehmriese lebt!“, ihr erster Comic, der gerade zur Leipziger Buchmesse herausgekommen ist. Dann ist sie völlig eins mit sich, muss sich keinen Kompromissen unterwerfen. Aber auch im Team hat sie Erfolge, wie mit dem Titel „Alles Familie!“, der in Zusammenarbeit mit der Autorin Alexandra Maxeiner entstand und den Deutschen Jugendliteraturpreis gewann, oder dem gefeierten Aufklärungsbuch „Klär mich auf“, das sie 2014 zusammen mit der Autorin Katharina von der Gathen umsetzte.

Ein bis drei Bücher illustriert Kuhl im Jahr, dazu kommen Buchcover und Aufträge für Zeitungen und Zeitschriften. Sie arbeitet in einer Ateliergemeinschaft mit acht selbstständigen Illustratoren und Grafikern, die sich in einem Hinterhaus an der Mörfelder Landstraße die Räume eines ehemaligen Zahnarztlabors teilen. Von der früheren Nutzung ist nur noch das Etikett geblieben: „Labor“ nennt sich der Zusammenschluss. Nicht ohne Stolz in der Stimme erzählt Kuhl davon, wie sie 1998, direkt nach Abschluss ihres Studiums der Visuellen Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach auf die Idee kommt, eine Bürogemeinschaft zu gründen. So schreibt sie rund hundert Kollegen und Kolleginnen in und um Frankfurt an, ob sie Interesse an gemeinsamen Arbeitsräumen hätten. Angst vor Konkurrenz hat sie nicht, sie wünscht sich eher einen kollegialen Austausch – und bekommt ihn: Philip Waechter stimmt ihrem Vorschlag begeistert zu und holt seine Freundin Moni Port gleich mit ins Boot. Die drei jungen Illustratoren sind zwar sehr unterschiedliche Naturen, aber sie haben eine gemeinsame Basis: ihren Sinn für Humor. Wagemutig beziehen sie das zunächst viel zu große Büro. Privat zieht Kuhl mit Freund ins Frankfurter Nordend, wo sie bis heute in derselben Wohnung leben – um zwei Kinder reicher.

Ihr Sohn ist heute 13 Jahre alt, die Tochter neun. Anke Kuhl und ihre Mitstreiter für bessere Bilder haben sich weiterentwickelt, aus Paaren sind Eltern geworden, aus Berufsanfängern Profis. Jeder arbeitet auf eigene Rechnung – aber im Gemeinschaftsraum mit Glühbirnen-Kronleuchter über dem großen Tisch entstehen auch gemeinsame Laborprojekte: eine Ausstellung für das Museum für Moderne Kunst im Winter 2012/2013 zum Beispiel oder die beliebten Kinder-Künstler-Kritzelbücher. Ein fester Kern an Laboranten hat sich bis heute gehalten, fährt alljährlich seit 15 Jahren zusammen für eine Woche in den Urlaub und präsentiert (fast) regelmäßig zur Buchmesse eine große „Laborproben“-Ausstellung eigener Werke. So werden Beruf und Privatleben im Labor zu einer ganz besonderen Lebens-Mixtur zusammengemischt.

Doch manchmal braucht Kuhl Abstand. Dann tauscht sie den Zeichenstift gegen den Kochlöffel. Oder sie haut in die Tasten ihres Klaviers. Oder nimmt am Wochenende die Harke zum Unkrautjäten in die Hand – um sie gleich an ihren Mann weiterzureichen. „Ich bin nur fürs Ernten und Verarbeiten zuständig“, grinst sie und guckt dabei so witzig verschmitzt unter ihren Haarsträhnen hervor, dass man sich sofort wünscht, ihr Schalk im Nacken möge zum Stift greifen und den Familiennachmittag im Schrebergarten aufs Papier bannen.

von Katja Gußmann (10.03.2015)

Ein Buch, das in jeden (albernen) Haushalt gehört

Haimo Kinzler, Leo Leowald: Gustav und Albo vom Adebaran, Stromboli Verlag, 2009

Buchtipp von Anke Kuhl

Das Buch setzt sich auf ausgesprochen witzige Weise über alle vermeintlichen Regeln des Kinderbuchs hinweg. Ich verschenke es immer wieder gerne und kann es nicht in die Hand nehmen, ohne es sofort wieder mit Freude anzuschauen und durchzulesen – oft zusammen mit meiner Tochter, der es genauso geht.