Na so was: Anke Schmidts liest meist auf dem E-Reader!
Buchbindekunstwerk aus Studienzeiten. Heute sieht der Arbeitsalltag anders aus.
"Ich bin eine klassische Buchbinderin – keine Künstlerin."
Im Schaufenster liegt die eigene, kleine Kollektion.
"Ich gehe eigentlich nie ohne ein Buch aus dem Haus.“

Anke Schmidts, Buchbindekünstlerin

Buch. Bindung. Hand. Werk. Kunst.

Wir halten uns gar nicht mit der Frage auf, ob Anke Schmidts ein klassisches Handwerk betreibt oder ob man da schon von Buchkunst reden kann – und besuchen sie einfach in ihrem Laden in Bockenheim.

Die Buchbinderei gehört nicht gerade zu jenen Handwerken, denen man gemeinhin eine rosige Zukunft prognostizieren würde. Um die Attraktivität der Ausbildung zu steigern, gibt es für den Industrie-Buchbinder sogar seit wenigen Jahren eine neue Bezeichnung. Er darf sich nun „Medientechnologe Druckverarbeitung“ nennen. Das klingt modern und zeitgemäß – und so gar nicht nach dem, was einen Bookster ausmacht: Leidenschaft zum Buch.

Aber es gibt sie noch, die klassischen Buchbinder. Weber in Bockenheim zum Beispiel – in dritter Generation. Rätzke im Westend – immerhin zweite Generation. Oder auch Schilling/Croll im Nordend oder Otto in Sachsenhausen. Ein gutes Dutzend solcher handwerklichen Buchbindereien sind laut Handwerkskammer in Frankfurt noch zu finden. Der Rückgang der Betriebe hat etwas mit dem technischen Fortschritt zu tun. So haben industrielle Maschinen längst die Massenfertigung von Büchern übernommen. Kleine Auflagen produziert auch schon mal der Copy-Shop an der Ecke. Und die fortschreitende Digitalisierung auf dem Buchmarkt macht sich natürlich ebenfalls in den Auftragsbüchern der Buchbindereien bemerkbar – E-Books müssen nicht gebunden werden.

Kann man in solchen Zeiten dennoch eine Buchbinderei aufmachen? Man kann. Zwar ist die Ladenwerkstatt Adlibitum in Bockenheim auch nicht gerade eine Goldgrube. Und dennoch hat Anke Schmidts mit ihr vor einigen Jahren das geschafft, was die meisten anderen Buchbinder noch nicht einmal versuchen: Schmidts hat ihre Nische in der Nische gefunden, ein Laden, der sich von der „Konkurrenz“ (sie würde das Wort nicht in den Mund nehmen, schließlich ist man kollegial verbunden) deutlich unterscheidet. Während andere eher vom Typ Meister Eder sind – oft ein wenig schrullige Handwerker mit Hinterhofwerkstätten oder kleinen Ladenlokalen mit versteckten Arbeitsräumen –, fährt Schmidts ganz bewusst ein anderes Konzept. So befindet sich ihre Werkstatt direkt hinter einem großen Schaufenster. „Die Leute sollen mir ruhig beim Arbeiten zuschauen können“, sagt die 44-Jährige. Schließlich habe sie ja nichts zu verbergen. Im Gegenteil. Im Schaufenster selbst zeigt Schmidts ihre eigene kleine Kollektion. Da sind zum Beispiel ihre Zieharmonika-Foto-Aben, präsentiert mit den Bildern des kleinen Sohnes. Oder auch die schönen Notizbücher in verschiedenen Ausführungen, die Postkarten mit goldgeprägten Wortspielereien („Reden ist Silber, Schreiben ist Gold“), ein Lederetui für Visitenkarten und auch ihr Bestseller: ein äußerst stabiles und strapazierfähiges Reistagebuch. Kürzlich sei eine junge Frau im Laden gewesen, erzählt Schmidts, die ein Jahr lang auf Weltreise gehen und darüber auch in einem Blog berichten wollte. Ein solches Reisetagebuch von Schmidts wollte sie trotzdem unbedingt haben – für ihre ganz persönlichen Notizen. „Ich habe den Eindruck, dass auch die jungen Leute handwerklich gemachte Produkte wieder mehr zu schätzen wissen“, sagt Schmidts. Zumindest setzt sie genau darauf.

Nicht von ungefähr steht auf ihrem Schaufenster und auf ihrer Website der Begriff „Buchbindekunst“ – eine Bezeichnung, die sie jedoch im Gespräch sogleich zu entkräften versucht. „Ich begreife mich selber nicht als Künstlerin.“ Sie sei eine klassische Buchbinderin, wenn auch mit einer künstlerischen Ader. Deshalb habe sie nach ihrer Ausbildung zur Buchbinderin noch ein Studium der Buchkunst angehängt – nicht irgendwo, sondern in London. „In Deutschland wird unter Buchkunst eher die Innengestaltung verstanden. In England dagegen gibt es eine ganz andere Tradition der Einbandgestaltung. Das wollte ich unbedingt lernen.“

Ein eindrucksvolles Beispiel dieser Kunst – und ein Produkt ihrer Studienzeit – steht in ihrem Laden. Rund 140 Stunden hat sie an dieser Ausgabe von Tolkiens „Herr der Ringe“ gearbeitet. Herausgekommen ist ein Oasenziegenleder-Einband mit aufwendigen Reliefornamenten und einem speziellen Ständer, auf dem mit kleinen Zinnfiguren eine Szene aus dem Roman nachgestellt wurde. „Heute habe ich ehrlich gesagt keine Zeit mehr, solche Sachen zu machen“, sagt Schmidts, und klingt dabei eher vergnügt als frustriert. „Allerdings würde ich natürlich auch nicht Nein sagen, wenn jemand kommen würde und so ein Buch haben will.“ Vorausgesetzt es wäre ihm ein paar tausend Euro wert.

Die Realität sieht indes ganz anders aus. Hier mal ein selbstgeschriebenes Werk, das gebunden werden soll. Dort mal die Reparatur eines Erbstücks, das am Auseinanderfallen ist. Kleinvieh macht auch Mist. Aber leider eben nur sehr wenig. „Eigentlich rentiert sich die Arbeit erst, wenn man den Auftrag für mehrere Bände oder eine kleine Auflage bekommt“, so Schmidts. Oder wenn es sich um Stammkunden mit einer großen eigenen Bibliothek handelt. So wie jener, der vor einiger Zeit mit einer beschädigten Ausgabe von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ in den Laden kam. „Damit hatte ich schon meine Probleme. Wenn ich den Kunden nicht gut gekannt und nicht genau gewusst hätte, dass er kein Nazi ist, hätte ich den Auftrag auch nicht angenommen. So habe ich aber einfach das Buch repariert und versucht, gar nicht an den Inhalt zu denken.“

Damit haben wir einen eleganten Übergang. Denn die Frage ist: Beschäftigt sich ein Bookster wie Anke Schmidts nur mit der äußeren Form eines Buches oder auch mit dem, was in den Büchern steht? „Auf jeden Fall mit beidem“, antwortet sie. „Bücher waren immer ein wichtiger Teil meines Lebens, ich gehe eigentlich nie ohne ein Buch aus dem Haus.“ Und wie wichtig ist ihr dann, dass die eigene Lektüre auch schön gebunden ist? Anke Schmidts zögert kurz mit der Antwort. „Also bei Herr der Ringe bin ich damals beim ersten Lesen einer hässlichen Taschenbuchausgabe kaum über die ersten 100 Seiten hinausgekommen. Bei einem solchen Buch ist es schon sehr wichtig, dass man ein schönes, vielleicht sogar illustriertes Buch in den Händen hält.“ Und wann ist es nicht wichtig? „Eigentlich dürfte ich das als Buchbinderin jetzt ja gar nicht sagen. Aber wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich inzwischen fast nur noch Krimis lese. Und da ist so ein E-Reader schon einfach ziemlich praktisch...“

von Martin Schmitz-Kuhl (09.02.2016)

Ein (Kinder-)Buch, das durch die Form gewinnt

Sebastian Lybeck, Daniel Napp (Ill.): Latte Igel, Thienemann Verlag, 2008ff.

Buchtipp von Anke Schmidts

Mein Mann hat Latte Igel schon von seiner Mutter vorgelesen bekommen und wir hatten viel Spaß dabei, es unserem fünfjährigen Sohn vorzulesen. Manchmal merkt man an der Sprache, dass die Geschichte in den 50er-Jahren geschrieben wurde. Mein Sohn musste auch bei ein paar Wörtern fragen, was sie bedeuten. Durch die Illustrationen von Daniel Napp in der Neuauflage bekommt das Buch aber etwas sehr Modernes und die kleinen Zuhörer haben viel zu gucken und zu entdecken. Außerdem: Durch die schöne Ausgabe (Größe des Buches, Fadenheftung, Aufschlagverhalten, Satzspiegel und Illustrationen) macht es wirklich Freude, das Buch in der Hand zu halten und vorzulesen.