Ein gerader Weg. Gomille wusste schon als Knirps, wohin er wollte.
Mit 15 verkaufte er das erste Foto. „Ein Herz für Tiere“ zahlte 150 DM.
Wie können Wolf und Mensch koexistieren? Das Buch ist ein Coup.
Mit Bild und Text Geschichten erzählen.
„Das Bild ist das ideale Medium, um eine Botschaft zu senden.“

Axel Gomille, Naturfotograf und Autor

Auf der Lauer

Sein ganzes Leben und auf der ganzen Welt sucht Axel Gomille die Begegnung mit wilden Tieren. Aus seinen Fotos entstehen journalistische Bildbände – wie jetzt „Deutschlands wilde Wölfe“.

Auf Seite 130 schlägt einem plötzlich dieser eindringliche Blick entgegen. Auf einer Lichtung in Sachsen-Anhalt sitzend, fixiert das Augenpaar eines Wolfs den Betrachter aus nächster Nähe, nicht drohend, eher beobachtend. Das Foto entsteht bei der Begegnung von Mensch und wildem Tier auf engstem Raum. Aug’ in Aug’ fängt es das Thema des Buches ein: „Wölfe haben gezeigt, dass sie mit uns leben können. Nun müssen wir zeigen, ob wir mit ihnen leben wollen“, heißt es zu Beginn des Buches. Axel Gomille, der den Satz formuliert und das Bild geschossen hat, glaubt allerdings nicht, dass sich der Wolf seiner Anwesenheit bewusst war. Schließlich hatte er sich durch einen Tarnanzug verborgen. „Ich glaube, der Wolf hat sich eher darüber gewundert, dass da ein Busch steht, der gestern noch nicht da war.“

Unzählige Male hat Gomille sich solchen Begegnungen ausgesetzt. Hat sie gesucht, keine Strapazen gescheut, tagelang gewartet und Fehlschläge weggesteckt. Immer wieder aber hat es geklappt, mit Schneeleoparden im Himalaya, Nashörnern in den Savannen Ostafrikas, Alligatoren in den Sümpfen von Florida oder Tigern im indischen Dschungel. Sein Archiv birgt Tausende Tier- und Naturaufnahmen. Belege von Veröffentlichungen in Zeitschriften – von HÖRZU und NaturFoto über GEO International bis BBC Wildlife – füllen einen ganzen Registerschrank. Seine Reisen sind in Vorträge, Zeitungsartikel und Fernsehinterviews gemündet. „Wilden Tieren zu begegnen, hat mich immer schon fasziniert. Das Problem ist, dass es viel Geld kosten kann. Also habe ich früh nach Wegen gesucht, um meiner Leidenschaft nachzukommen.“

Die Geschichte von Axel Gomille ist – auch das gibt es – einmal nicht die einer langwierigen Suche nach dem Sinn des eigenen Lebens. Schon als Knirps gibt es für ihn kaum Aufregenderes, als durch die Streuobstwiesen von Maintal bei Hanau zu streunen und mit dem Fernglas Feldhasen, Rebhühner oder Rehe zu beobachten. Das Lieblingsbuch ist auch klar: das Dschungelbuch. Mit 14 erbt er die Fotoausrüstung seiner Mutter. Bald fasst er den Plan, Fotos zu verkaufen. Eine Buben-Idee. Doch als er 15 ist, druckt die Zeitschrift „Ein Herz für Tiere“ das erste Gomille-Foto. Der Käfer-Shot bringt 150 DM. In Oberstufenzeiten klingelt er nach Schulschluss regelmäßig in der Redaktion der renommierten Zeitschrift „Das Tier“ im Frankfurter Ostend und bietet den Herausgebern – den Tiergroßmeistern Bernhard Grzimek und Heinz Sielmann – seine Dienste an. Die Mitarbeiter lehnen zunächst ab, erklären ihm jedoch, was sie an diesem oder jenem Angebot auszusetzen haben. Wichtige Lehrstunden. Irgendwann klappt es dann. Noch als Schüler und Hobbyfotograf hat er den Fuß in der Tür der großen weiten Welt.

Dann kommt die Wende – und Gomille profitiert von ihr. Viele Ferien hat er mit seiner aus dem Osten stammenden Mutter in der DDR verbracht und dort fotografiert. Im vereinigten Deutschland herrscht bei den hiesigen Medien plötzlich Bedarf an Naturaufnahmen „von drüben“. Die hat kaum ein Profifotograf in petto. Gomille hat sie. Wichtige Kontakte in Redaktionen entstehen. Um seine Arbeit auf solide Füße zu stellen, studiert er Biologie mit der Fachrichtung Zoologie. Mit 22 reist er zum ersten Mal nach Indien, seinen Sehnsuchtsort schlechthin. Später arbeitet er dort als Naturführer in einer Dschungel-Lodge. Parallel zum Studium heuert er bei einer Tierfilmproduktion an. So kommt er schließlich zum ZDF, wo er als Redakteur der Sendung „Wunderbare Welt“ Dokumentationen betreut und später vor allem für die Sendereihe „planet e.“ eigene Filme macht. Beim ZDF ist er noch heute. Immer wieder aber geht er auch auf eigene Faust auf Reisen. Er war rund 20 Mal in Indien und hat insgesamt mehrere Jahre in Asien, Afrika und Amerika verbracht. In Europa war er ohnehin überall, wo es noch Wildnis gibt. Der kühne Plan eines Jungen ist aufgegangen.

Gomille ist Naturfotograf und Filmemacher. Gleichzeitig ist er Journalist, der mit Bild und Text Geschichten erzählt. Das ist auch der Ansatz für seine Bücher. Nach einem wissenschaftlichen Werk über Schlangen folgte 2004 der Band „Wunderbare Welt – Abenteuer mit wilden Tieren“. Darin versammelt er ZDF-Dokumentationen von Tierfilmen aus aller Welt. Vier Jahre später kompiliert er sein Wissen über und Material aus Indien zu dem Buch „Mein Dschungelbuch“, in dem er die wilden Artgenossen der Romanfiguren Shir Khan, Balu oder Colonel Hathi vorstellt. Das Buch ermöglicht den nächsten Schritt. 2012 erscheint „Indien – Im Land der Tiger und Tempel“. Mit Tecklenborg hat sich erstmals ein renommierter Bildband-Verlag gefunden. Extreme Breitformate, hochwertiges Papier, exzellente Bildbearbeitung, jeder Fotodruck aufwendig lackiert – all das sorgt dafür, dass die Fotografien ihre natürliche Pracht entfalten. Das Buch wird für den Deutschen Fotobuchpreis 2014 nominiert.

Wann aber ist ein Bild ein tolles Bild? Anders gefragt: Wie trifft man die Auswahl, welches Kranich-Foto ins Buch soll, wenn man 3.000 geschossen hat? „Ich frage mich immer: Habe ich das schon einmal gesehen? Habe ich es schon besser gesehen? Und vor allem: Löst das Bild etwas in mir aus? Das Foto soll meine eigene Faszination transportieren und auch beim Betrachter etwas auslösen.“ Denn jenseits aller Technik und Ästhetik geht es ihm um viel: „Das Bild ist das ideale Medium, um eine Botschaft im Sinne der Tiere zu senden. Indem ich auch andere Menschen für Wildtiere und große Naturräume fasziniere, möchte ich dazu beitragen, dass sie eine Zukunft haben.“

In den vergangenen Jahren ist Gomilles Reisedrang mit seinem Leben als junger Familienvater kollidiert. Als zweifacher Papa und Partner einer berufstätigen Frau reist es sich nicht mehr eben mal so nach Kirgistan. Da trifft es sich gut, dass ihm die wilden Tiere entgegengekommen sind – in Form wilder Wölfe. „Kaum jemand hätte es für möglich gehalten, dass sich im durchstrukturierten Deutschland wieder frei lebende Wölfe niederlassen. Aber es ist passiert.“ Neusten Zahlen zufolge gibt es Nachweise für 120 bis 130 erwachsene Wölfe sowie für viele Jungtiere. Gomille begreift früh die Bedeutung des Themas. Und dank der Wölfe kann er seine Sehnsucht nach wilden Tieren und die Erfordernisse des Familienlebens zusammenbringen. So verbringt die Familie in den vergangenen Jahren viele Ferien im Osten Deutschlands. Tagsüber gibt es Ausflüge zu viert, abends legt er sich alleine auf die Lauer. Es entsteht ein Fundus, der jetzt in dem Buch „Deutschlands wilde Wölfe“ gemündet ist.

Das Buch ist ein Coup. Weil das Thema ein Aufreger ist. Und weil es tatsächlich der erste Bildband über die Rückkehr der Wölfe ist, der nicht auf Fotos aus Wildgehegen zurückgreifen muss. Es ist gleichzeitig eine journalistische Auseinandersetzung: mit dem denkbar schlechtesten Ruf des Wolfes, der ihm schon im Märchen angedichtet wurde, über seine landesweite Ausrottung und die Lebensweise der Tiere bis zu den Tricks und Techniken, wie die Koexistenz von Wolf und Mensch heute klappen kann. Für Gomille ist die Frage, wie viel Wildheit wir uns zumuten wollen, von übergreifender Bedeutung. Denn: „Wie können wir beispielsweise von Menschen in Afrika oder Indien fordern, dass sie ihre Nashörner, Löwen oder Elefanten erhalten sollen, wenn wir bei uns keine Wölfe dulden?“

von Christian Sälzer (25.10.2016)

Ein Buch, das ins Afrika der Kolonialzeit entführt

Joseph Conrad: Herz der Finsternis (engl. Originaltitel Heart of Darkness), beispielsweise Diogenes Verlag, 2005

Buchtipp von Axel Gomille

Das „Herz der Finsternis“ aus dem Jahr 1899 schildert die Erlebnisse von Kapitän Marlow, der mit einer gehörigen Portion Abenteuerlust auf einem Flussdampfer in den Tiefen Afrikas anheuert, um etwas von den letzten weißen Flecken auf der Landkarte kennenzulernen. Er arbeitet für eine dubiose Handelsgesellschaft, die ihr Geld damit verdient, riesige Mengen Elfenbein außer Landes zu schaffen. Angewidert von den Praktiken seiner weißen Landsleute, werden die Rätsel Afrikas für Marlow immer unverständlicher, je tiefer er ins Herz der Finsternis vordringt. In kraftvoller Sprache beschreibt der Roman den Wahnsinn und die Rücksichtslosigkeit des Kolonialismus, die in hohem Maße von Unkenntnis sowie der Angst vor dem Unbekannten geprägt sind. Ein packendes Zeitdokument.