Lesende Glücksmomente im Palmengarten
Tierisch neugierig auf gute Bücher
Zwischen Vertrautheit und Verstörung
Auf der Suche nach dem „Wie“ und „Warum“
Lesen als Schlüssel zu anderen Welten

Beate Tröger, Literaturkritikerin

Guter Literatur auf der Spur

Die Kritik an der Literaturkritik ist so alt wie die Literatur selbst. So hört man derzeit wieder einmal, die Rezensenten seien viel zu freundlich und es gäbe nur noch Empfehlungen in Gestalt animierter Buchnacherzählungen. Die Literaturkritikerin Beate Tröger beschreibt im Interview ihren  Rezensionsansatz und verdeutlicht anhand konkreter Beispiele was für sie „gute“ Literatur ausmacht.

Während andere Literaturformate im Fernsehen auf der Kippe stehen, reaktiviert das ZDF sein „Literarisches Quartett“, das in den 1990er-Jahren hauptsächlich durch das polternde Auftreten von Marcel Reich-Ranicki von sich reden machte. Neben den Rezensenten Volker Weidermann, Christine Westermann und Maxim Biller soll auch jedes Mal ein Gast eingeladen werden. Würden Sie gerne auf der Liste stehen?

Das käme darauf an. Mir geht es jedenfalls selten darum, ein Buch zu verreißen – höchstens wenn ich den Eindruck habe, dass sich Dummheit und Stolz darin paaren. Ich möchte als Kritikerin vielmehr meine Glückserfahrungen beim Lesen guter Literatur mit anderen teilen und versuche lesend zu verstehen, wie etwas gemacht ist und worauf es abzielen könnte. Insgesamt sollte es dabei um mehr gehen als um „gefällt mir“ und „gefällt mir nicht“.

Was verstehen Sie denn unter guter Literatur?

Sie bewegt sich zwischen zwei Extremen. Einerseits kann maximale Vertrautheit entstehen, bei der sich „Ah, das kenne ich auch!“-Effekte ergeben. Dem Leser wird klar, dass seine Situation, seine Erfahrungen und seine Erkenntnisse nicht singulär, sondern eben auch beispielhaft sind – dass Literatur solidarisch, politisch und engagiert in unideologischem Sinn sein kann. Andererseits kann gute Literatur aber auch verstörend, irritierend und zugleich befreiend wirken. Im Sinne von „Oh, das habe ich noch nie gehört! Ah, das geht also auch?" So kann gute Literatur den Sinn des Lesers für seine Individualität und seine gesellschaftliche Verfasstheit gleichermaßen stärken.

Sie sind freie Publizistin mit dem Schwerpunkt Literaturkritik und schreiben vor allem für die F.A.Z. und den Freitag. Wie ging das alles los bei Ihnen mit den Büchern und der Literatur?

Als jüngstes von drei Geschwistern wollte ich von all dem, was die Großen schon konnten, am dringendsten eines auch können: lesen. Das hat dank meines vorlesenden Großvaters, auf dessen Schoß ich mit den Augen verfolgen konnte, was er mir laut vorgelesen hat, noch vor der Schulzeit gut geklappt. Das Lesen war für mich als kleines Mädchen in einem oberfränkischen Dorf ein Schlüssel zu anderen Welten – und das ist Lesen ja immer! Mit fünf wünschte ich mir zu Weihnachten einen dicken Band mit Bildergeschichten von Wilhelm Busch: Album für die Jugend. Ich habe die Geschichten mit großer Inbrunst gelesen, etwa die vom Eispeter, der beim Eislaufen zu einem Eiszapfen friert und dann beim Versuch, ihn aufzutauen, ganz zerläuft. Bis heute kann ich viele der bizarren Verse auswendig, liebe die Illustrationen, die elegant schnell, detailgenau und oft mild melancholisch sind. Das Glück, diese gereimten Bildergeschichten zu lesen, war groß und ist sicherlich auch ein Grund, warum ich bis heute so gerne Gedichte lese und rezensiere.

Mein persönlicher kindlicher beziehungsweise jugendlicher Schlüssel zur Welt war ja neben dem Lesen das Filmeschauen. Und da war Moby Dick in der Verfilmung mit Gregory Peck als Kapitän Ahab ein echtes Ereignis. Später wollte ich dann das Buch lesen, bin aber nicht so richtig reingekommen.

Melvilles Geschichte von der Jagd nach dem weißen Wal funktioniert tatsächlich auch als Film gut: eine Abenteuergeschichte mit vielen Sonderlingen, die zudem zeigt, wie es einem charismatischen Besessenen, Ahab, gelingt, sein Gefolge noch im Moment höchster Not wieder auf seine fixe Idee einzuschwören. Als Roman ist das Buch schlichtweg große Literatur: „Nennt mich Ismael", dieser Satz, der in seiner Wucht auch fast in der Genesis stehen könnte, macht den Erzähler sofort präsent. Einige Sätze später heißt es dann von ihm, den es auf See zieht: „Von Zeit zu Zeit hegen fast alle Menschen, ob sie's wissen oder nicht, in etwa dieselben Gefühle für das Weltmeer wie ich." Auch hier: Abenteuer und der Wunsch, das Vertraute zu verlassen. Das lässt sich auch metaphorisch aufs Lesen übertragen: Man tauscht die Realität gegen die schwankende, schaukelnde Faszination der Fiktion ein! Moby Dick ist für den Leser insofern anspruchsvoll, als die Welt des Walfangs vom Knoten der Taue bis zum „Flensen" haarklein beschrieben wird. Das mag anfangs mühsam erscheinen und ist doch stimmig: Lesend begreift man, wie sich in der kleinen Welt der Peqoud das große Ganze wiederfindet und wie sehr die Besatzung dennoch auf ihr Tun zurückgeworfen ist. Melville verwendet entlegene Adjektive und merkwürdige Fachverben. Seine Sprache wirkt so unendlich wie das Meer, das Ismael liebt.

Ob ich es dann doch noch einmal mit dem Buch versuchen soll?

Auf die oft gestellte Frage „Soll ich dies oder das lesen?“ fällt mir immer ein Zitat von Doris Lessing ein, aus „Das goldene Notizbuch“: „Es gibt nur eine Art Bücher zu lesen, nämlich die, in Bibliotheken und Buchhandlungen zu stöbern, Bücher mitzunehmen, und nur die zu lesen, die einen interessieren, und sie wegzulegen, wenn sie einen langweilen – und niemals, niemals etwas zu lesen, weil es zu einer Richtung oder Bewegung gehört. Denk daran, dass das Buch, das dich langweilt, wenn du zwanzig oder dreißig bist, eine Offenbarung sein kann, wenn du vierzig oder fünfzig bist – und umgekehrt. Lies kein Buch, wenn nicht die Zeit dafür gekommen ist." Lesen ist nun einmal affektiv und nicht normativ, auch wenn viele Kritiker einen etwas anderes glauben machen wollen.

Können Sie sich noch an Ihre erste „amtliche“ Literaturkritik erinnern?

Nicht an die allererste, aber meine erste gedruckte Rezension für die F.A.Z. war Else Lasker-Schüler: Kritische Ausgabe. Prosa 1921-1945. Ich kam frisch von der Uni und hatte mich über mehrere Semester mit dem Werk der Autorin beschäftigt, deren Gedichte ich schon im Deutsch-Leistungskurs mit Begeisterung gelesen hatte. Es war ungeheuer aufregend, mit dem präzise geschärften literaturwissenschaftlichen Handwerkszeug feuilletonistisch umgehen zu dürfen und auch philologische Fragen in einer umfangreichen Buchbesprechung zu entfalten.

Um seine Leser nicht zu langweilen – und das gehört wohl zu den schlimmsten Dingen, die man als Autor tun kann – sollte man die Kunst des Erzählens beherrschen. Wer ist für Sie ein besonders großer Erzähler?

Da gibt es viele! Leo Tolstoi fällt mir zuerst ein: Anna Karenina ist nicht nur einer der bittersten und traurigsten Liebes- und Gesellschaftsromane, sondern auch ein Meisterwerk der Erzählkunst. Zuerst als Fortsetzungsroman erschienen, zeigt der Roman Tolstois Kunst, Spannungsbögen zu ziehen, die Geschichte geschickt zu retardieren, einzelne Handlungsfäden bereits in Nebenaspekten anzudeuten und die Regungen seiner Figuren in inneren Monologen voranzutreiben, um sie dann doch des Irrtums zu entlarven. Aus diesem Roman lässt sich viel über das Handwerk des Erzählens lernen. In der 2009 erschienenen Übersetzung von Rosemarie Tietze werden nicht zuletzt auch die Verhältnisse im zaristischen Russland vor der Revolution plastischer als in früheren Übersetzungen: In ihrer Übersetzung kommt es einem so vor, als habe jemand einen wertvollen alten Gegenstand sorgsamst poliert und neu zum Glänzen gebracht.

Vom fernen Russland zurück nach Frankfurt. Gibt es aus der Reihe der Frankfurter Autorinnen und Autoren jemand, der Sie besonders beeindruckt hat?

Als ich Peter Kurzecks Roman „Als Gast" gelesen habe, bin ich einem völlig neuen Ton begegnet. Ich wohnte damals am Grüneburgweg und ging selbst oft die Wege, die der 2013 verstorbene Erzähler beschreibt. Als ich das Buch in einem Rutsch gelesen hatte, war die Welt um mich verändert. Des Erzählers mikroskopischer Blick verändert auch die Wahrnehmung des Lesers. Es ist ein obsessives, manisches Anerzählen gegen die Vergänglichkeit und der Versuch, eine entzauberte Welt noch einmal in einen großen erzählerischen Entwurf zu bannen und sie neu zu verzaubern.

Sie selbst sind ja sehr der Lyrik zugewandt, womit sich viele eher schwer tun. Welches Werk wäre denn jetzt zum ausklingenden Sommer geeignet, sich mit der Poesie anzufreunden?

Der Schriftsteller und Grafiker Christoph Meckel ist im Juni achtzig Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass hat der Hanser Verlag sämtliche Gedichte Meckels in einem Band herausgegeben. „Tarnkappe" heißt das Buch, benannt nach dem ersten Gedichtband Meckels, der vor sechzig Jahren erschienen ist. Der Sammelband umfasst ein Leben aus, mit, in und für die Poesie. Man könnte fortwährend daraus zitieren: „Kirschgärten schenkst du dem Tag / ein blühendes Wort lang / und nennst die kurze Nacht Paradies, eine Weile" heißt es in „Das Wort Sommer".

von Ulrich Erler (15.09.2015)

Auf die eine oder andere Weise erzählt – empathisch und komisch zugleich.

Raymond Federman: Eine Liebesgeschichte oder so was, Matthes & Seitz Verlag, 2010

Buchtipp von Beate Tröger

„Moinous heißt der männliche Hauptprotagonist in diesem Roman, der mit den Sätzen beginnt: „Die Geschichte von Moinous & Sucette: Ihre Liebesgeschichte. Die Intensität der darin enthaltenen Hoffnung. Die Heftigkeit der möglichen Enttäuschung. Sie sollte auf die eine oder andere Weise erzählt werden." Und genau das, dieses Erzählen „auf die eine oder andere Weise" macht den unerschöpflichen Reiz dieses Textes aus, der eine romantische Liebe wie einen Feldversuch mit wechselnden Parametern erzählt, über die sich keine Sicherheit gewinnen lässt: War es Februar, war es März, als sich Moinous und Sucette zuerst begegnen? Oder war es doch ein Dienstag? Immer wieder mischt sich der Erzähler kommentierend und zweifelnd ins Geschehen ein. Wie sich die Geschichte entfaltet, so entfaltet sich beim Lesen Gewissheit über die Ungewissheit und Unwägbarkeiten der Liebe. Dass uns das alle angeht, zeigt sich an dem Namen Moi-nous, also Ich-wir/uns schon deutlich. Empathisch und komisch, eine echte Perle – auch eine Perle der Übersetzerkunst von Peter Torberg, der dieses Buch zu einem seiner am liebsten übersetzten zählt.“