Jager ist der erste „Nicht-Schriftsteller“ beim Hessischen Literaturforum.
Seit 25 Jahren gibt es Literatur im Mousonturm.
Veränderungen stehen bevor. Welche? Wird nicht verraten.
Die Reihe „flausch & fiktion“ ist der Versuch, Dinge anders zu machen.
"Ich bin ein bisschen Mädchen für alles.“

Björn Jager, Hessisches Literaturforum

Viel Literatur und eine Katze

Es gibt Jobs, bei denen es fast unmöglich ist, sie mit ein, zwei Schlagwörtern zu umschreiben. Zu Björn Jager kann immerhin so viel auf Anhieb gesagt werden: Er arbeitet im Hessischen Literaturforum. Und dort macht er quasi „von allem etwas“.

Björn Jagers Wohnung im Nordend ist schick eingerichtet und aufgeräumt. Nicht einmal ein Buch liegt herum. „Ich habe alle Bücherstapel weggeräumt, damit es nicht so aussieht, als hätte ich sie absichtlich drapiert“, gibt Jager lachend zu. Dabei hätte er das ohnehin gar nicht nötig gehabt, schließlich nimmt man ihm seine Liebe zur Literatur auch so ab. Nicht umsonst arbeitet er seit sieben Jahren im Hessischen Literaturforum im Mousonturm. Also in jener Institution, die 1985 – damals noch unter dem Namen Hessisches Literaturbüro – unter anderem von dem Lyriker Harry Oberländer gegründet wurde, dem jetzigen Geschäftsführer. Ihr Ziel: die Förderung von Literatur jenseits des Mainstreams im Allgemeinen und deren Nachwuchs im Besonderen. Montags bis donnerstags arbeitet Jager vor Ort, freitags fungiert das heimische Wohnzimmer als Büro. Zumindest wenn es seine Katze zulässt. „Oft belagert sie mich so sehr, dass ich wieder ins Büro fliehen muss“, sagt Jager. Und der Übeltäter hört dabei aufmerksam zu und sieht aus, als könne er kein Wässerchen trüben.

So weit zu den Rahmenbedingungen – mit und ohne Katze. Aber was macht Björn Jager eigentlich genau? „Angefangen habe ich in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit“, berichtet er. „Dann kamen jedes Jahr neue Projekte dazu und mittlerweile bin ich ein bisschen Mädchen für alles.“ Am aufwendigsten sei die Organisation für das Literaturfestival „Leseland Hessen“, bei dem in rund vierzig Städten bis zu 150 Lesungen veranstaltet werden. „Das Festival ist zwar erst im Herbst, aber ich muss mir natürlich schon zeitig Gedanken machen, welche Bücher aus dem Herbstprogramm interessant sein könnten.“ Diese Recherche bedeutet für Jager, dass er den Verlagen hinterherjagen muss, um aktuelle Informationen zu erhalten. Neben Belletristik sind auch die Bereiche Krimi, Kinder- und Jugendliteratur und Sachbuch wichtig. Und damit ist die Arbeit noch lange nicht getan. „Ungefähr hundert der Lesungen organisiere ich selbst, um den Rest kümmern sich die Gemeinden.“ Mehrere Faktoren müssen bei der Organisation bedacht werden, so spielt das Budget eine wichtige Rolle. Außerdem verlangt das Publikum nach unterschiedlichen Themen. „In einem 6.000-Einwohner-Städtchen kommen Krimis oder Unterhaltungsliteratur besser an als klassische Feuilletonbelletristik.“ Bei so vielen Lesungen muss Björn Jager unzählige Autoren kontaktieren. „Zu meinem Glück habe ich ein gutes Namens- und Gesichtergedächtnis!“, bemerkt er mit dem für ihn typischen trockenen Humor.

Jager betreut außerdem die Leseförderung für Kinder und Jugendliche in Hessen und rief 2011 neben dem bereits existierenden Buchclub „Ich bin eine Leseratte“ für Kids den Sommerleseclub „Buchdurst“ für ältere Schüler ins Leben. „Es ist leicht,  junge Kinder zum Lesen anzuspornen, bei Jugendlichen ist das schon viel schwerer.“ In einem Zeitraum von zehn Wochen im Sommer sollen mindestens drei Bücher gelesen werden – nach freier Wahl, ganz ohne offizielle Vorgaben. Dass sie nicht bloß die Inhaltsgabe aus dem Internet gelesen haben, beweisen die Schüler mit Rezensionen oder Zusammenfassungen bei den Bibliothekaren. Für die Abschlusspartys der Leseclubs gibt es Zuschüsse von der Hessischen Leseförderung. „Das Tolle ist, dass sich die Bibliotheken richtig ins Zeug legen, um für die Kinder Eis- oder Pizzagutscheine zu organisieren. Manche finden sogar Sponsoren für Sachpreise.“ Noch wichtiger war in den ersten Jahren, dass die Teilnahme am Leseclub im Zeugnis vermerkt wurde. „In anderen Bundesländern darf die mündliche Note im Fach Deutsch verbessert werden, bei uns wurde dagegen sogar der Zeugniseintrag vom Kultusministerium unterbunden“, ärgert sich Jager. „Mir ist das unverständlich.“

Während die Leseclubs die Schüler unterstützen, soll auch der bereits aktiv schreibende Nachwuchs gefördert werden. Die Reihe „Wortklang“ mit fünf bis sechs Lesungen im Jahr bringt etablierte Lyriker mit Greenhorns auf eine Bühne. „Für die jungen Lyriker ist das eine tolle Erfahrung, mit Autoren wie Jan Wagner auf einer Bühne zu stehen.“ Aber auch für Moderator  Jager sind diese Veranstaltungen mit Aufregung verbunden. „Du weißt schließlich vorher nie, ob nur zehn oder siebzig Besucher kommen.“

Letzteres weiß er zwar auch nicht bei seinem jüngsten Projekt. Sicher ist nur, dass er bei der Veranstaltungsreihe „flausch & fiktion“ mit steigenden Besucherzahlen rechnen muss. In der umgebauten Bar des Mousonturms, die sich im 1950er- und 1960er-Jahre-Flair präsentiert, gibt es nämlich seit Kurzem Lesungen, die explizit „keine typischen Wasserglaslesungen“ sein sollen. Es ist der Versuch, die Dinge etwas aufzulockern. „Natürlich soll auch unser Stammpublikum angesprochen werden, aber wir möchten darüber hinaus ein junges Publikum dazu animieren, die Lesungen zu besuchen bzw. danach noch zu bleiben, über den Abend zu sprechen und mit uns Spaß zu haben.“ Dazu lädt Jager einerseits „junge Autoren von guten Büchern“ ein, wie zum Beispiel Carolin Callies, Inger-Maria Mahlke oder Julia Wolf. Andererseits hat er aber auch hohe Ansprüche an sich selbst, den Moderator: „Der Sinn des Moderators ist, mehrere Ebenen rauszukitzeln, sonst bringt das ja alles nichts. Das Buch lesen kann man schließlich auch allein.“

Schnell ein kurzer Seitenblick auf die Katze. Die scheint zu nicken: So sieht Jagers Alltag aus, das sind seine Projekte. Über zu wenig Aufmerksamkeit beklagen kann sich die Katze nicht. Allerdings ist Jager oft bis spät in der Nacht im Büro oder reist durch Hessen, um Veranstaltungen zu besuchen und zu moderieren. Das ist eine Menge, auch unbezahlte Arbeit. Tauschen wollte er trotzdem nicht. „Es war eine bewusste Entscheidung, Kultur zu machen. Die Arbeit ist abwechslungsreich, ich wollte gar nicht nur eine einzige Aufgabe haben. Ich finde es schön, mit vielen verschiedenen Menschen zu tun zu haben und genieße gewisse Freiheiten in der Gestaltung von Projekten.“ Was die Zukunft noch bringen wird, verrät Björn Jager allerdings nicht und auch die Katze hält sich bedeckt. Nur so viel sei gesagt: Das war noch nicht alles, große Veränderungen stehen bevor.

von Isabella Caldart (12.05.2015)

Ein Buch, das mehr Beachtung verdient

Inger-Maria Mahlke: Wie Ihr wollt, Berlin Verlag, 2015

Buchtipp von Björn Jager

Dieses Buch ist mein schönstes Leseerlebnis der vergangenen Monate. Das Porträt Mary Greys, einer Großnichte Heinrichs VIII mit Thronanspruch und entsprechend für die Herrschenden gefährlich, zeichnet eine wütende, sadistische, spitzzüngige und zutiefst verletzte junge Frau. Auf den ersten Blick handelt es sich bei „Wie Ihr wollt“ um einen historischen Roman, auf den zweiten ist er eine Abhandlung über Machtverhältnisse, über Strategien des Machterhalts und über eine zeitlose Frauenfigur, die um ihre Würde und Identität kämpft. Als ob das noch nicht genug wäre, einen nur 260 Seiten langen Roman mit einem Jahrhundert englischer Geschichte, dem Psychogramm einer Frau und klugen Gedanken zum politischen Schachspiel zu verfassen, ist das Buch auch noch verdammt witzig. Dass die Feuilletons bisher ausgesprochen träge auf „Wie Ihr wollt“ reagiert haben, ist mir ein Rätsel.