Eine Autorin, die nicht nur schreibt, sondern auch ganz viel liest
Erste Entwürfe werden immer handschriftlich verfasst.
Lieber im Getümmel des Strandcafés als am heimischen Schreibtisch
Das Manuskript für das zweite Buch befindet sich im Aufbau.
Als Schriftstellerin bei sich angekommen – wenn auch über Umwege

Britta Boerdner, Autorin

Zwischen Melancholie und Sehnsucht

Britta Boerdner ist als Schriftstellerin eine Spätberufene. Sie ist zwar gelernte Buchhändlerin und hat sich auch an der Uni mit Literatur beschäftigt, war aber fast ihr gesamtes Berufsleben in der Werbung tätig. Im Alter von 50 Jahren hat sie dann ihren ersten Roman veröffentlicht. Und kurz darauf erhielt sie das Sylter Inselschreiber-Stipendium.

Der Traum vom eigenen großen Gesellschaftsroman – welcher Bookster träumt ihn nicht. Ach, wie schön es doch wäre, als Schriftsteller zu reüssieren! Zumal beim letzten Schreibworkshop ja alle ganz angetan waren. Auch der Blog mit den Essays läuft klasse. Nur die unaufgefordert verschickten Manuskripte an die Verlage kommen immer wieder mit Absagen zurück. Und auf der Buchmesse hat auch nie jemand Zeit für ein Gespräch. Was ist also zu tun? Einen Agenten suchen? Sich doch einmal intensiv mit diesem Selfpublishing auseinandersetzen? Weiter am Manuskript arbeiten und vielleicht eher in Richtung Fantasy denken? Oder ist der Zug längst abgefahren, weil Quereinsteiger eben auch in der Literatur kaum eine Chance haben – gerade auch gegen die Absolventen der Kaderschmieden in Leipzig und Hildesheim? Dass es nicht ganz unmöglich ist, auch als Spätzünderin noch bei einem renommierten Verlag unterzukommen und seinen Weg als Autorin zu gehen, zeigt Britta Boerdner, die 2012 ihr Erstlingswerk „Was verborgen bleibt“ bei der renommierten Frankfurter Verlagsanstalt veröffentlicht hat und derzeit an ihrem zweiten Roman schreibt.

Essays und Kurzgeschichten hat die ehemalige Buchhändlerin schon immer geschrieben, doch nach dem Amerikanistikstudium hat sie in der Werbebranche angeheuert und bliebt dort erst einmal hängen. Heute hat sie das Selbstverständnis, eine Autorin zu sein. Auch wenn sie davon noch nicht leben kann und weiterhin frei im Marketing arbeitet. Aber immerhin hat sie inzwischen das Sylter Inselschreiber-Stipendium 2015 gewonnen. Das bietet ihr acht Wochen Aufenthalt auf der Insel. Dort kann sie frei arbeiten und wohnt in einem dafür zur Verfügung stehenden Apartment. Hinzu kommen eine einmalige Zahlung und natürlich wieder ein Stückchen mehr an Reputation in der Öffentlichkeit.

Der Schritt aus der Marketingtretmühle und das Ernstmachen mit der Schriftstellerei kam wie so oft im Leben durch eine Krise: „Ich war unglücklich im Job, das Leben in der Corporate World schien mir hohl, ich konnte nachts nicht mehr schlafen“, blickt Boerdner zurück. „Ich begann, mein Leben neu zu definieren. Dazu gehörte auch die Kündigung. Um das zu machen, was ich eigentlich schon immer wollte. Ohne das Sicherheitsdenken, das mich bis dahin ausgebremst hatte.“ Auf dem Weg der Professionalisierung gab es eine Initialzündung in Form eines Sommer-Schreibseminars bei Bodo Kirchhoff und seiner Frau Ulrike Bauer, in deren Haus am Gardasee. Dort wurde Boerdner von kompetenter Seite ermutigt, erhielt aber auch wichtige Hinweise. Beispielsweise, dass ein ganz bestimmter Satz aus einem dreiseitigen Text es wert war, daran weiterzuarbeiten und der Rest weggeworfen werden kann. „Bis dahin hatte ich immer nur Feedback von Freunden bekommen, das natürlich immer sehr positiv war“, so die 53-Jährige. „Wer sagt einer nahestehenden Person schon, dass man deren Texte nicht so großartig findet? Und vor allem, wer hat schon die professionelle Kompetenz für eine differenzierte Kritik?“ Auch nach dem Seminar ist der Kontakt zu den Kirchhoffs nicht abgerissen und irgendwann riet ihr Ulrike Bauer, das inzwischen entstandene Roman-Manuskript doch einfach einmal an Joachim Unseld von der Frankfurter Verlagsanstalt zu schicken. „Das habe ich gemacht und gewartet, was passiert.“ Lange Zeit passierte aber nichts. Bis eines Tages Post von Joachim Unseld im Briefkasten lag, darin teilte er mit, dass er das Buch verlegen würde. „Das hat mich umgehauen, inklusive Freudentränen.“ Er und eine Lektorin des Verlags hatten dann nur ganz wenige Änderungen. Und bei der Auswahl des Covers wurde die Romanautorin ebenso mit einbezogen wie bei der Vertreterkonferenz. „Ansonsten hat man die Dinge dann nicht mehr in der Hand – das fühlt sich sehr fremd an.“ Der Autor komme dann erst wieder bei den Lesungen ins Spiel, die Boerdner sehr gerne macht, weil sie den direkten Austausch mit den Lesern mag.

Doch worum geht es eigentlich in „Was verborgen bleibt“ und wie entwickelte die Autorin die Geschichte? „Es begann mit einer Miniatur – der Kühlschrankszene. Dabei geht es nicht direkt um häusliche Gewalt, aber um eine Lieblosigkeit in der Beziehung“, erklärt die Autorin. „Der Niedergang einer Beziehung, die Phase, in der man merkt, dass etwas nicht mehr stimmt, man es aber noch nicht wahrhaben will, und in der sich eine Sprachlosigkeit breit macht, die unweigerlich zur Entfremdung führt.“ Konkret geht es um ein Paar, das sich das Versprechen gegeben hatte, nach New York auszuwandern. Er hat den Anfang gemacht und als sie nachkommt, ist ihr nicht nur die Stadt fremd, sondern auch er. Dabei hätte die Handlung auch an einem ganz anderen Ort spielen können. Doch die Autorin kennt New York gut und fand das winterliche Setting sehr passend zu der Verlorenheit und den Fremdheitsgefühlen der Ich-Erzählerin. Autobiografische Züge habe das Buch nur indirekt. Die Rahmenhandlung ist frei erfunden. „Was mir natürlich vertraut ist, sind die Gefühlswelten, in denen sich Menschen in einer Trennungsphase bewegen. Anders könnte ich das auch gar nicht glaubhaft beschreiben“, glaubt Boerdner. „Zumal das ja auch das ist, was mich am Schreiben interessiert. Ich will Situationen, Verhaltensweisen und Emotionen auf den Grund gehen und von innen heraus verstehen. Wobei Schreiben für mich nichts mit einem therapeutischen Akt zu tun hat, sondern eher etwas mit einer Art innerer Schauspielerei. Ich will dabei gnadenlos bis zur Essenz der Dinge vordringen, in diesem Fall zu dem Gefühl des Verlorenseins in der Welt.“ So wirkt die Hauptperson auch ein wenig autistisch. Atmosphärisch bewegt sich das Buch zwischen Melancholie und Sehnsucht. Dabei wird eine nüchterne, aber bildhafte assoziative Sprache verwendet. Der Grundton des derzeit in Arbeit befindlichen zweiten Romans wird sich voraussichtlich kaum unterscheiden. Inhaltlich hingegen schon: Die Geschichte spielt in der hessischen Provinz Ende der 60er-Jahre und es herrscht eine Stimmung des Aufbruchs.

Mit dem Feedback auf ihr erstes Buch war die Frankfurterin ganz zufrieden: „Die Kritiken waren durchweg positiv. Die Verkaufszahlen auch – also kein Bestseller, aber so wie vom Verlag erwartet. Als Frankfurter Autorin hätte ich mir aber eine etwas größere Wahrnehmung in der Region gewünscht.“ Beim Schreiben sitzt sie gerne im Kaffeehaus: „Ich brauche Trubel um mich, dann kann ich mich am besten fokussieren und bin wie unter einer Glocke. Wenn ich Ruhe habe, gehe ich vielmehr ins Außen. Vor einiger Zeit hatte ich die Idee, mir eine Gartenlaube in Eckenheim zuzulegen, um dort zu schreiben. Eine schöne Vorstellung, aber das hat überhaupt nicht funktioniert.“

Boerdner ist sich darüber im Klaren, dass Erfolg auch immer etwas damit zu tun hat, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Unabhängig davon ist sie sich sicher, dass man sich als Nachwuchsautor nicht von Claqueuren blenden lassen soll, Eitelkeit fehl am Platz ist und Internetforen nicht wirklich weiterhelfen. Vielmehr solle man sich auf die Suche nach echter Kritik und Verbesserung machen.

von Ulrich Erler (24.02.2015)

Eines meiner Lieblingsbücher

James Salter: Ein Spiel und ein Zeitvertreib, Berlin Verlag, 2013

Buchtipp von Britta Boerdner

„Eines meiner Lieblingsbücher ist „Ein Spiel und ein Zeitvertreib“ von James Salter. Es handelt von der obsessiven Beobachtung eines Liebespaares durch einen Erzähler während einer Autofahrt durch Frankreich. Eine Tour de Force durch eine erotische Welt, die licht wirkt und doch ständig Türen zur Verlorenheit des Einzelnen aufstößt. Auf den Punkt gebracht, mit unglaublicher sprachlicher Präzision. Ich finde alles von Salter lesenswert. Mit wenigen Strichen, wenigen Sätzen eröffnet er Räume von größter Dimension.“