Privat dürfen es auch gerne skurrile Kulturtitel sein.
Der Verlag und das Festival – beides gegründet von Klaus Schöffling.
Teetrinken ja, abwarten ungern.
Die Babypause wird sich wohl als Euphemismus entpuppen.
Ein Blick in den Laden lohnt bestimmt...

Carolin Callies, Schöffling Verlag

Mit Louis Begley im Jaguar zur Döner­bude

Volle Veranstaltungsräume mit 400 Besuchern oder das Abwarten in gähnender Leere, ob nicht kurz vor acht doch noch jemand kommt. Veranstalter, die Lesungen in Pathologiesälen oder Zoogehegen abhalten. Publikumsfragen nach dem autografischen Gehalt eines Romans und der Sinnhaftigkeit von Gedichten nach Goethe per se...

… Herausforderungen, denen sich Carolin Callies in ihrem Arbeitsalltag häufig stellen muss. Um sie zu meistern, benötigt man eine Reihe besonderer Eigenschaften, ganz wichtig sind Spontanität und Humor. Der ist im Literaturbetrieb überlebenswichtig. Wie als der jungen Verlagselevin Carolin gleich zu Beginn der Frankfurter Buchmesse das riesige Essiggurkenglas aus der Hand fällt, das im Standkühlschrank für verkaterte KollegInnen und AutorInnen bereitgehalten wurde. Den Essiggeruch die restliche Messezeit über mit einem Lächeln zu ertragen, war schon vor Jahren eine der leichteren Übungen für Carolin, die sich neben ihrer unerschütterlich positiven Haltung – zu erkennen auch an ihrem Faible für bunte Schuhe, Strumpfhosen und Kleider – durch Organisationstalent und Fingerspitzengefühl im Umgang mit AutorInnen auszeichnet, untrennbar verbunden mit der Liebe zur Literatur und zum Gedichteschreiben natürlich. Und, und, und: Carolin ist ein Bookster wie aus dem – ja, Bilderbuch – das wird im Gespräch, das wir in einem Restaurant in Frankfurts Bahnhofsviertel führen, schnell klar.

1980 in Mannheim geboren, schrieb sie schon zu Schulzeiten erste Gedichte – dass sie später entweder etwas „Soziales“ machen oder einen Beruf in der Buchbranche ergreifen würde, lag auf der Hand; nach dem Abitur arbeitete sie allerdings zunächst ein Jahr in einem Supermarkt. Dort konnte sie zwar ihren Bedarf an süßen Gummitierchen decken, eine Option für die Zukunft war der Supermarkt indes nicht: Carolin begann eine Ausbildung zur Verlagsbuchhändlerin bei Suhrkamp, als das renommierte Haus noch in Frankfurt ansässig war (und es, ganz nebenbei, diesen Ausbildungsberuf noch gab: heute lautet die Bezeichnung Medienkauffrau/-mann Digital und Print) – Carolins Laufbahn als Frankfurter Verlagsangestellte und hingebungsvolle kurpfälzische Zugpendlerin (Ladenburg – Frankfurt) nahm ihren Anfang, unterbrochen vom Studium der Germanistik und Medienwissenschaft in Mannheim. Nach dem Abschluss zog es sie wieder nach Frankfurt: Zwei Jahre arbeitete sie im neu eröffneten Literaturhaus an der Schönen Aussicht als Programmassistenz, betreute Kinderbuchlesungen und die Schreibwerkstätten.

Das geschriebene und gesprochene Wort ist Carolin mehr als reiner Broterwerb: Ihre eigenen Gedichte erscheinen unter anderem in der Zeitschrift BELLA triste und im Jahrbuch der Lyrik (DVA), 2009 nahm sie am 17. open mike in Berlin teil, sie schreibt Besprechungen und Essays über Lyrik in Magazinen wie Wortschatz, allmende und poetenladen, außerdem gehört sie zum Veranstaltungskollektiv text&beat, das monatlich im Frankfurter Club Orange Peel zu Lesungen und Diskussionsabenden einlädt. Wenn sie ausgeht, besucht sie gern Konzerte von Singer-/Songwriterinnen wie Dillon, Kat Frankie und zuletzt Agnes Obel beim Festival „Women of the World“. Zu Hause vertieft sie sich in skurrile Kulturtitel wie „Die Geschichte des Fahrstuhls“ (erschienen im S. Fischer Verlag) oder frönt vor dem Bildschirm ihrer Leidenschaft für apokalyptische Visionen und Zombies („Walking Dead“). Dass Carolin überdies stolze Dosenöffnerin Besitzerin zweier Katzen ist, muss an dieser Stelle als plumpe geschickte Überleitung herhalten: Denn auch wenn oben genannte Aktivitäten allein schon nach einem gut gefüllten Terminkalender klingen, gibt es ja noch Carolins Fulltime-Job: Seit 2009 arbeitet sie beim Verlag Schöffling & Co. – genau, der mit dem Literarischen Katzenkalender –, der allerdings nur ein kleiner Bestandteil des eindrucksvollen Verlagsprogramms ist. Carolin organisiert Lesungen und Veranstaltungen mit AutorInnen wie Juli Zeh, Silke Scheuermann, Franziska Gerstenberg, David Finck, Markus Orths und im Frühjahr 2014 Eckhard Henscheid. Dessen Roman „Die Vollidioten“ von 1972 stand im Mittelpunkt des Lesefestivals Frankfurt liest ein Buch, das 2010 von Carolins Chef Klaus Schöffling gegründet wurde und seither für große Aufmerksamkeit für Frankfurter AutorInnen und ihre Bücher sorgt – und Carolins bereits erwähnte besondere Fähigkeiten in hohem Maße einfordert.

Dass Klaus Schöffling unlängst seinen 60. Geburtstag feierte und der Schöffling Verlag im Herbst immerhin 20 wird, passt bestens in dieses Jahr, das an freudigen Ereignissen für Carolin noch einiges bereithält: Im Sommer erwartet sie ihr erstes Kind, bald beginnen Mutterschutz und Elternzeit. Wir kichern über den euphemistischen Begriff „Babypause“, der – so weiß die Autorin dieser Zeilen – mit einer Pause recht wenig zu tun hat. Carolin freut sich auf den neuen Lebensabschnitt, der in ihrem Fall garantiert keine längere Auszeit oder gar Abschied vom Verlagsgetümmel bedeutet: Im Frühjahr 2015 erscheint bei Schöffling ihr erster eigener Lyrikband. Dann wird sie möglicherweise selbst mit Baby im Gepäck auf Lesereise gehen – organisiert von ihrer Vertreterin bei Schöffling, die sie gerade einarbeitet. Dann wird sie selbst Anekdoten berichten können, vielleicht weniger kapriziöse als die von ihrem Abend mit Louis Begley: Sie begleitete den amerikanischen Star-Autor zu einer Lesung. Carolin und Begley wurden von einem Chauffeur in Ulla Unseld-Berkéwicz' Jaguar von Frankfurt nach Bensheim gefahren, Begley teilte großzügig den Inhalt seines edlen Flachmanns mit Carolin. Nach der Ankunft in Bensheim bestand er dann noch darauf, in aller Seelenruhe in einer Dönerbude einen türkischen Tee zu trinken, denn wie würde das denn aussehen, rechtzeitig zur eigenen Lesung zu erscheinen? Ein unvergesslicher Abend in Carolins Berufsleben, der noch lange nicht zu Ende war. Sie selbst würde allerdings niemanden warten lassen: Die Mittagspause ist vorbei, wir trennen uns vor der Eingangstür des Verlages, an der ein Extraschild mit der Aufschrift Frankfurt liest ein Buch prangt. Bis bald, liebe Carolin, und danke für dieses Gespräch!

von Christina Mohr (02.06.2014)

Ein Buch, das mir sehr am Herzen liegt

Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel, Rowohlt, 1986

Buchtipp von Carolin Callies

Von einem Bookster wie Carolin Callies zu verlangen, sich auf nur einen Buchtipp zu beschränken, ist so gut wie unmöglich – schweren Herzens hat sie sich dazu überreden lassen. Ihre Lieblingsbücher umfassen Zeit, Raum und Liebe, eines davon ist von Thomas Wolfe: „Schau heimwärts, Engel“. Und der erste Absatz spricht für sich, so Carolin: „Ein Stein, ein Blatt, eine nicht gefundene Tür; von einem Stein, einem Blatt, einer Tür und von all den vergessenen Gesichtern.“