Der Soundpoet ist eine feste Größe in der Szene.
„Ich mag die Mischung aus Melancholie und schrägem Humor.“
„Jeder Tag ist anders und eine Herausforderung.“
Schweiß und Poesie on the Road!
„Ich liebe den Zufall und schaue gern, was als Nächstes passiert.“

Dirk Hülstrunk, Soundpoet

Mit den Soundpoeten in die Sauna

Dirk Hülstrunk ist eine feste Größe in der Welt der Soundpoeten und Spoken-Word-Künstler – weit über die Grenzen Frankfurts und Deutschlands hinaus. Eine besondere Leidenschaft verbindet ihn dabei mit Finnland. Und finnisch-schräg ist auch sein nächstes Projekt: eine Poetry-Tour im Saunabus. 

Begonnen hat alles im Dezember 2007. Vorher hatte Dirk Hülstrunk mit Finnland, dem diesjährigen Gastland der Buchmesse, eher wenig zu tun. Doch an jenem Wintertag stand plötzlich eine Freundin aus Berlin vor der Tür. Im Schlepptau einen sehr müden Finnen, der sich sofort aufs Sofa legte und einschlief. Es handelte sich um den experimentellen Filmemacher und Kunstkurator Erkki Pirtola. Was dann folgte, war zunächst eine Einladung, gemeinsam finnische Außenseiterkünstler zu besuchen. Durch sie kam der Frankfurter Soundpoet in Kontakt mit der Kunst- und Literaturszene in Finnland und zu ersten Auftritten, wie etwa beim LaBas Performance Festival. Dort lernte Hülstrunk auch den Vokalperformer Juha Valkeapää kennen, mit dem er seit 2010 ein Sound-Poetry-Duo bildet. Und gerade erst war Hülstrunk mit der finnischen Tänzerin und Choreographin Milla Koistinen auf Tour in Finnland und Paris. „Ich mag die Mischung aus Melancholie, Zurückhaltung und einem oft sehr schrägen Humor“, erklärt Hülstrunk seine mittlerweile sehr intensive Beziehung zu Finnland. Und mit schrägem Humor und Finnland hat auch das zu tun, was Hülstrunk im Herbst geplant hat. Eine Poetry-Tour mit einem Saunabus. Doch dazu später.

Zunächst einmal die Frage: Wer ist eigentlich Dirk Hülstrunk? Der Soundpoet ist eine feste Größe in der Szene und wahrhaft umtriebig: seit 1998 veranstaltet und moderiert er den monatlichen poetry slam! Frankfurt, 2003 zog er den German International Poetry Slam in Darmstadt und Frankfurt auf, 2007 bis 2009 kuratierte er die monatliche Lesebühne „Wort&Klangbildstelle“ und 2009 war er Kurator des 1. Frankfurter Lesebühnen-Festivals. Er ist Mitbegründer des Vereins Kulturnetz Frankfurt und des Künstlerkollektivs Gruenrekorder fuer Klangkunst und bei Radio X nun schon seit 1997 mit dem „Knallfabet – Sendung für Sprache und Kultur“ zu hören. Sein Wissen gibt er nicht nur in zahlreichen Poetry Slam Workshops weiter, sondern auch in Vorträgen und Seminaren zum Thema „Sound Poetry und Lautpoesie“.

Zahlreiche Erzählungen, Kurzprosa, Lyrik, Essays und experimentelle Texte hat er veröffentlicht. Ende 2013 erschien im Gonzo Verlag Mainz das zweisprachige Buch „Antikörper/Antibodies“, die Neuauflage einer ungewöhnlichen künstlerischen Kooperation zwischen Hülstrunk und dem Mainzer Fluxus-Künstler und Musiker Brandstifter. Texte und Bilder aus Erste-Hilfe-Büchern und medizinischen Werken bilden die Grundlage für ein grotesk-surreales Spiel mit Worten und Bildern. Die Ur-Version von „Antibodies“ erschien 2009 und ist Teil der Kunstbuchsammlung des Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Aber wie es dem Performer Hülstrunk entspricht, war Antikörper von Anfang an nicht nur als Buch konzipiert, sondern als spielerisch-schräge Klang- & Bild-Performance. Uraufgeführt im November 2009 in New York und Madison, wurde sie seither auf zahlreichen Bühnen präsentiert.

Zur Sound Poetry und zum Spoken Word kam Hülstrunk durch seine Begeisterung für den Dadaismus und die Beat Poetry ebenso wie durch seine Begegnung und Freundschaft mit Hadayatullah Hübsch, der als Pionier der deutschen Spoken Word Poetry gilt. Hübsch holte den jungen Wortpoeten dann auch in den Verband deutscher Schriftsteller, wo er viele Jahre im Vorstand gearbeitet hat.

„Es war ein langer Erkenntnisprozess“, erzählt Hülstrunk. Nach seinem Studium der Germanistik hat er eine Umschulung zum Altenpfleger gemacht und zehn Jahre in einem Behindertenwohnheim sein Geld verdient. Daneben hat er geschrieben. Immer schon hat er dabei mit Kunst und Literatur herumexperimentiert und sich zwischen den Medien bewegt. Die klassische Wasserglas-Lesung ist seine Sache nicht. An der visuellen Poesie gefällt ihm, dass „man den Text auch als Bild sieht“, an der Spoken Word Performance schätzt er besonders den physischen Aspekt: „Man spürt den Text.“ Stipendien und Auslandsanfragen aus Finnland und den USA haben es ihm schließlich ermöglicht, den Pflegeberuf an den Nagel zu hängen und sich voll und ganz der Literatur und dem Spoken Word zu widmen.

Als freier Künstler lebt Hülstrunk auf Basis einer Mischkalkulation: hier ein Stipendium, da eine Gastdozentur, dort ein Workshop, Auftritte, Veröffentlichungen. Einen klassischen Alltag und feste Arbeitszeiten kennt er nicht: „Jeder Tag ist anders und eine Herausforderung.“ Geboren in der Frankfurter Innenstadt, zu der er aber nie einen Bezug fand, lebt Hülstrunk nun schon seit acht Jahren in Rödelheim. Hier schätzt er besonders die bunt gemischte Bevölkerungsstruktur, die kleinen Läden – „die Gentrifizierung ist noch nicht so weit fortgeschritten“ – und die Nähe zur Natur. In seinem Zimmer stapeln sich Bücher, er hat sie alle gelesen: Kurzgeschichten, Romane, experimentelle Literatur, Lyrik. Und das sieht man – sie sind zerlesen und zerfleddert: „Bücher sind keine Ausstellungsstücke.“ Neben seiner Dada-Bibliothek hat Hülstrunk ein besonderes Faible für Lexika: „für mich ein Speicher für Sprach- und Kulturgeschichte ... etwas, das Wikipedia nicht leisten kann“.

Was er sich für seine Zukunft wünscht? „Ich bin nicht der Mensch für Utopien. Ich liebe den Zufall und schaue gern, was als Nächstes passiert.“ Dennoch würde er gern weniger organisieren, dafür mehr eigene Projekte realisieren, selber auftreten, internationale Künstler einladen – und er würde gern mehr Bücher machen. Aber das ist nicht so einfach: „Unsere Gesellschaft ist zu sehr auf den Roman fixiert, dabei sind zum Beispiel Kurzgeschichten viel interessanter!“

Und was hat es jetzt mit der Poetry-Tour mit einem Saunabus auf sich? „Finnland Cool“ ist das Motto des finnischen Gastlandauftritts zur Frankfurter Buchmesse. Doch nicht alles ist kühl in Finnland: Die Sauna ist ein elementarer Bestandteil der finnischen Kultur und in so gut wie jedem Haushalt vorhanden. Mit einem im Rahmen eines Roadtrips zur mobilen Sauna umgebauten Feuerwehrauto des Berliner Kunstprojekts „freie internationale tankstelle“ reist Hülstrunk mit sieben jungen finnischen Autoren zu zentralen Orten der deutschen Spoken-Word-Szene in Berlin, Hamburg, Hannover, Düsseldorf. Im, vor und um den Bus soll es zu unerwarteten Begegnungen mit deutschen Autoren und Zuschauern kommen. Ziel der Tour ist die Buchmesse. Dort gastiert der Saunabus im Frankfurter Garten und steht Gästen und Zuschauern gegen eine kleine Spende zum Saunieren zur Verfügung. Schweiß und Poesie on the Road!

von Silke Hartmann (29.07.2014)

Ein Buch, das besser als Wikipedia ist

A. J. Storfer: Wörter und ihre Schicksale/Im Dickicht der Sprache, Atlantis/Passer, 1935/1937 , Neuauflage im Verlag Vorwerk 8, 2005

Buchtipp von Dirk Hülstrunk

„Ein ungewöhnliches etymologisches Lexikon des Philosophen, Psychologen und Freud-Schülers A. J. Storfer, ursprünglich 1935 erschienen. Es untersucht eine knappe, sehr subjektiv-willkürliche Auswahl von Wörtern mit literarisch-philosophisch-psychologischen und bisweilen auch satirischen Mitteln. Dabei setzt er ungewöhnliche Schwerpunkte, z.B. „Wörter, die an Belagerungen erinnern“, „Umschreibungen des Sterbens“ und „Lehnwörter der Weinkultur aus dem Lateinischen“. Storfer musste als Halbjude vor den Nazis fliehen und starb verarmt im Exil, sein Lexikon unvollendet und vergessen.“