Sie war ewig bei Eichborn, hat aber immer zu Hause gearbeitet.
„Eichborn war auch eine Idee.“ Anders zu sein.
Ihr Ruf als Lektorin: zäh, aber nicht zickig.
Das Lieblingsland? England, England, England.
Mit Ende 60 ein neues Abenteuer: der Spraybooks Verlag.

Doris Engelke, Lektorin

Die Schatzsucherin

Niemand war so lange bei und für Eichborn tätig wie Doris Engelke, als Lektorin, Übersetzerin und Titelfinderin. Da gibt es vieles zu erzählen – auch von ihrem neuesten Abenteuer, dem Spraybooks Verlag.

John Fante war so einer nach dem Geschmack von Doris Engelke. Nach einem ersten Achtungserfolg in den 1930-Jahren blieb dem wie besessen Schreibenden Zeit seines Lebens der Erfolg verwehrt. Über Wasser hielt er sich mit Auftragsarbeiten für Hollywood. Verbittert und erblindet starb er 1983 in Los Angeles. Erst posthum wurden – nicht zuletzt dank der Fürsprache von Charles Bukowski („John Fante war mein Gott!“) – einige seiner Geschichten veröffentlicht. Eine erzählt von dem erfolglosen Schriftsteller Henry Molise, der sich, genervt von seiner nörgelnden Frau und seinen nichtsnutzigen Kindern, nichts sehnlichster wünscht, als seiner kalifornischen Kleinfamilienhölle nach Rom zu entfliehen und sich dort zu verlieben. Doch dann läuft ihm ein Monstrum von Hund namens Stupid zu und alles gerät aus den Fugen. Aus Rom wird nichts. Am Ende sind Frau und Kinder ausgezogen und Henry Molise sitzt hinter seinem Haus mit dem Hund und einem ebenfalls adoptierten Schwein. „Wenn schon die Menschen nicht glücklich sein können, sollen es doch wenigstens die Tiere sein“, heißt es im Klappentext des Buches, das 1987 unter dem Titel „Westlich von Rom“ bei Eichborn erschienen ist. Entdeckt, übersetzt und lektoriert von Doris Engelke. Das freut sie heute noch. „Genau solche Geschichten mag ich.“ Und sie war dafür zuständig, Strandgut wie dieses für Eichborn an Land zu ziehen.

Heute sitzt die 68-Jährige in der oberen von zwei Etagen ihrer Dachgeschosswohnung in einem Hinterhaus im Nordend. Links wie rechts flutet Licht herein. Ein Stockwerk tiefer kruschelt ihr Lebenspartner herum, der Regisseur und Drehbuchautor Rolf Silber. Nach Oben ins satte Licht dürfe derjenige, der gerade mehr tun hat, erklärt Engelke. So geht das schon lange. Und immer schon war ihre Wohnung nicht nur ihr Zuhause, sondern so etwas wie ein Außenposten des Eichborn Verlages. Bei dem war sie so lange beschäftigt wie niemand sonst. Stets aber hat sie darauf bestanden zu Hause zu arbeiten und sich nur zu einem Tag in der Woche im Verlag verpflichtet. Warum das? „Vielleicht weil ich nie zum Besitz werden wollte.“ Vielleicht auch, weil der räumliche Abstand geholfen hat, sich einen offenen Blick z bewahren und im Verlagswahnsinn nicht verschlissen zu werden. Schließlich war die Tätigkeit bei Eichborn nie einfach nur ein Job. Es war Überzeugungstat und -tätigkeit. „Eichborn war für mich immer auch eine Idee“, nennt sie es. Unkonventionell, frech, mutig. „Wir wollten das machen, bei dem andere sagen: Kann man doch nicht, macht man doch nicht.“ Es war damit genau die Idee, die zu und zu der Doris Engelke vortrefflich passte.

Schon als 14-Jährige nahm sie an den hierzulande eben erst erfundenen Ostermärschen teil. In den späten 1960er-Jahren studierte sie in Berlin Psychologie und Soziologie, was regelmäßige Institutsbesetzungen beinhaltete. Sie arbeitete in Fabriken, um zu agitieren, und war Mitbegründerin des Schülerladens „Rote Freiheit“. Dann der Umzug in die Sponti-Hochburg Frankfurt. Sie lebte davon, einmal im Monat in den Norden von England zu reisen, dort günstig Klamotten zu kaufen und diese auf dem Flohmarkt am Main zu verkaufen. Sie machte einen Studienabschluss in Sozialpädagogik und arbeitete im Preungesheimer Frauengefängnis. 1982 kam sie zum Pflasterstrand, dem Organ der Spontibewegung, wo sie „wie alle alles machte“, lange ohne Lohn, aber mitten im Redaktionskollektiv mit Dani, Joschka & Co. So lernte sie auch Vito von Eichborn kennen und er sie. Der Kopf des noch jungen Eichborn-Verlags gab ihr Übersetzungsaufträge und schickte ihr Bücher, um ihre Meinung zu hören. 1986 bot er ihr an, fest bei Eichborn einzusteigen. Sie sagte ja.

Als Übersetzerin und Lektorin hat sie sich im Laufe der Jahre einen Ruf erarbeitet: zäh, aber nicht zickig zu sein. Manche Autoren bestanden gar darauf, mit ihr zusammenzuarbeiten. Das lag auch daran, dass sie viele überhaut erst zu Eichborn geholt hatte. Als Schatzsucherei war sie Jahr für Jahr auf der hiesigen Buchmesse, oft aber auch in England und Amerika, um Autoren und Geschichten aufzuspüren. Gezielt hat sie stets die kleinen, besonderen Verlage angesteuert. Wie aber merkt man, was „gut“ ist? „Meine Devise war immer danach zu fragen, ob ich das Buch selbst gerne lesen würde“, erklärt sie. Die Literatur mit großem L hat sie wenig interessiert, Wortklingel oder Adjektiv-Stürme sind ihr ebenso ein Graus wie die Nabelschauen, die sie vor allem mit deutschen Autoren verbindet. Was sie hingegen mag: originelle Sachbücher, Krimis und „geradlinig erzählte Geschichten, bei denen jeder Satz aufs Wesentliche eingekocht ist.“ Stories eben, wie sie vor allem amerikanische Autoren zu schreiben imstande sind. So hat sie neben John Fante Richard Brautigan, William Kotzwinkle, Andrew Vachss, Amanda Cross und viele andere auf den hiesigen Markt geholt. Sie hat aber auch deutsche Autorinnen wie Annegret Held, Petra Morsbach, Monika Held oder Karin Duve bekannt gemacht.

In ruhigen Fahrwassern ist der Verlag mit der Fliege nie dahingeglitten und Engelke hat das Auf und Ab hautnah miterlebt: die Erfolgsgeschichten à la Walter Moers und die Liquiditätsprobleme; den Kult um den etwas anderen Verlag und den Irrwitz, ausgerechnet diesen in ein mittelständisches Medienunternehmen verwandeln zu wollen; die Expansion von vier Mitarbeitern auf 70 und den Flop des Börsengangs; das loyale Miteinander und die Machtkämpfe; schließlich die Insolvenz und den Verkauf an den Kölner Bastei Lübbe Verlag. „Das Ende war grauenvoll. Jahrelang bin ich auf Buchmessen herumgelaufen, um den einen Bestseller zu finden, der den Verlag retten könnte.“ Sie hat ihn nicht gefunden. Ob es anders hätte laufen können? Sie überlegt. Natürlich habe es viele falschen Entscheidungen und ein Führungsproblem gegeben. Aber Eichborn habe auch darunter gelitten, dass andere Verlage sich angenähert hatten. „Wir haben unser Alleinstellungsmerkmal eingebüßt.“

Viele Kollegen mussten gehen, andere suchten selbst das Weite. Sie selbst aber ist bis zum Schluss geblieben und hat sogar geholfen, die Marke Eichborn zu Bastei Lübbe nach Köln „umzutopfen“. Und noch immer betreut sie Autoren und lektoriert Übersetzungen. Und sie hat etwas Neues begonnen: Vor eineinhalb Jahren hat sie gemeinsam mit Jürgen Bürger und anderen Mitstreitern den Spraybooks Verlag gegründet. Die Idee: Zumindest einige der tollen Bücher, die nicht mehr lieferbar und aussortiert sind, in einer aktualisierten Übersetzung als eBook neu herauszugeben. Bislang hat Spraybooks auf diese Weise vorwiegend US-amerikanische Krimis wieder erhältlich gemacht. Es ist ein Liebhaberprojekt, gegen das Vergessen und wider das betriebwirtschaftliche Kalkül. Ob das Ganze so etwas ist wie Eichborn in seinen Anfängen: improvisiert, unorthodox und getrieben von der Leidenschaft für gute Geschichten? Engelke lacht. „Ja, irgendwie ist es das. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten und den noch viel größeren finanziellen Unmöglichkeiten.“

von Christian Sälzer (19.07.2016)

Ein Buch im Dienste von Aufklärung, Verständnis, Naturwissenschaft und Komik

Simon Borowiak: Alk: Fast ein medizinisches Sachbuch, Eichborn (jetzt Heyne), 2007

Buchtipp von Doris Engelke

Dieses Buch schafft mühelos den Spagat zwischen Lesevergnügen und Info. Geschrieben von einem Betroffenen ohne Betroffenheit, der Aufklärung, Verständnis, Freude am Thema und Erfahrung aus erster Hand bietet, ist „Alk“ saukomisch, hochrelevant und informativ. Und lustige Zeichnungen vom Autor persönlich bietet es außerdem. Auch alle anderen Bücher von S.B. sind eine Freude, finde ich. So lustig, so absurd so traurig, so klug. Ein Autor nach meinem Herzen.