Worum es geht? Um die ästhetisch-gestalterischen Aspekte des Buchs.
„Buchkunstausstellungen gelten als die schwierigsten.“
Die Sammlung Buchkunst und Grafik umfasst mehr als 4.000 Objekte.
Ein Buch ist mehr als ein Träger von Informationen.
Was sie interessiert: Über welche Strategien die Kunst auf das Leben einzuwirken beabsichtigt.

Eva Linhart, Kuratorin, Museum Angewandte Kunst

Die Handgreiflichkeit des Buches

Wie gelingt es, die Buchkunst mit allen ihren Aspekten einem größeren Publikum näherzubringen? Das Buch als Buch erlebbar zu machen? Genau damit beschäftigt sich Eva Linhart, Leiterin der Abteilung Buchkunst und Grafik am Museum Angewandte Kunst.

Die Typografie des Textes, das Gewicht des Blocks, die Haptik des Umschlags, das Rascheln der Seiten: Das ästhetische Phänomen Buch spielt sich zwischen den Händen und der Imaginationskraft ab. Wie aber soll man all dies erleben, wenn man das Buch nicht anfassen kann? Und anfassen darf man die Bücher, mit denen Eva Linhart sich beschäftigt, nur in Ausnahmefällen und mit größter Sorgfalt. Es sind kostbare Raritäten, oftmals einmalig. Linharts Aufgabe aber besteht genau darin, diese Schätze in Ausstellungen „erlebbar“ zu machen. Eine Herausforderung. „Buchkunstausstellungen gelten als die schwierigsten“, sagt sie nüchtern.

Seit zwölf Jahren leitet sie die Abteilung Buchkunst und Grafik am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt. Hier stehen die „ästhetisch-gestalterischen Aspekte des Buchs als Kunst im Mittelpunkt“. Kernstück der Abteilung ist die Sammlung: Mehr als 4.000 Objekte sind zusammengetragen. 1920 vermachten die Brüder Michael und Albert Linel ihre beiden Sammlungen der Stadt Frankfurt, sie bilden den Grundstock des heutigen Bestands. Für das Museum kuratiert Linhart Ausstellungen. Um die Bücher in ihrer Wechselwirkung aus Papier, Schrift, Bild und Bildlichkeit erfahrbar zu machen, sucht sie nach immer neuen Vermittlungsformen. „Ich arbeite gegen ausschließliche Vitrinen-Ausstellungen und für die Handgreiflichkeit der Bücher.“ Mal blättert sie bei Führungen mit gebotener Sorgsamkeit ein Buch vor den Besuchern durch, mal können die Besucher bei zeitgenössischen Büchern an Lesetischen selbst „handgreiflich“ werden. 

Indem sie versucht, das Materielle in den Fokus zu rücken, kämpft Linhart auch gegen das verbreitete Verständnis, wonach ein Buch primär ein möglichst praktischer Träger von Informationen ist. Sie zitiert Christof Windgätter: „Zweifellos heißt Lesen das Vergessen der Bücher, sind wir doch seit unserer Alphabetisierung auf Schulbänken und in Seminarräumen daran gewöhnt, keine Drucksachen zu sehen, sondern Inhalte zu erschließen.“ Für ihre eigene Arbeit übersetzt sie das so: „Mich interessiert, über welche Strategien Kunst auf das Leben einzuwirken beabsichtigt.“ Dieser Anspruch führte zu außergewöhnlichen Projekten, zuletzt die aufsehenerregende Ausstellung „Give Love Back“, die der Frage, was angewandte Kunst heute sein kann, über den Frankfurter Clubbetreiber, Gestalter und DJ Ata Macias nachging.

Während im Hintergrund die Ausstellung abgebaut wird, erzählt sie von Tobias Rehberger, der sich auch mit der Frage auseinandersetzt, „ab wann die Dinge Kunst werden“. „Flach“ hieß die Ausstellung, die Linhart mit ihm vor fünf Jahren im Museum Angewandte Kunst gemacht hat, „Plakate, Plakatkonzepte, Wandmalereien“ im Untertitel. „Buch“ müsste man hinzufügen. Denn während bei den meisten Ausstellungen der Katalog eine dokumentarische Beigabe ist, war er bei Rehberger Teil der Ausstellung. „Künstlerbücher beanspruchen, als Buchkunst substanzieller Teil der jeweiligen Ausstellung und Kunst zu sein“, sagt Linhart. Tatsächlich sind Künstlerbücher denn auch die wichtigsten Objekte bei den aktuellen Ankäufen der Buchkunstsammlung. Das liegt daran, dass sie sich mit den performativen Qualitäten, die jedes Buch hat, beschäftigen. Künstlerbücher reflektieren ihr Material und ihre Herstellung, das Binden, Schneiden oder Drucken. „Alles Wissen ist gestaltet“, sagt Eva Linhart. Deswegen kommt gerade der Typografie eine große Bedeutung zu. „Gute Typografie ist eine gute Interpretation, gute Typografie als Buchgestaltung ist Maßarbeit am Text.“

Genug geredet, jetzt wird geschaut, berührt, gehört. Im Depot wird die Sammlung aufbewahrt. Bücherschränke mit Glastüren türmen sich bis zur hohen Decke, ganz oben ist noch ein bisschen Platz für Neuwerbungen, die es ohne die jährliche Zuwendung der Ludwig-Pfungst-Museums-Stiftung nicht gäbe. So nüchtern der Raum ist, so spektakulär ist der Inhalt. Linhart zieht weiße Baumwollhandschuhe an und zeigt einige Schätze: Zunächst das Unikat-Künstlerbuch „Vasen und Körper“ von Carola Willbrand. In dem 1993 entstandenen Werk verarbeitet die Künstlerin vererbte Einrichtungsmaterialien eines Kölner Ausstattungsgeschäfts zu einem Wechselspiel zwischen Innen- und Außenleben als Haut beziehungsweise Tapete. Dabei setzt sie sich mit den traditionell von Frauen ausgeübten Techniken des Nähens im Zusammenhang mit dem Wohnen auseinander.

Zur Sammlung gehören auch das aufblasbare „Gesamtluftwerk“ von Thomas Kapielsky und  alle Veröffentlichungen des Verlags Brinkmann und Bose, dem Linhart 2010 eine eigene Ausstellung gewidmet hat. Auf dem Arbeitstisch liegt eine in schwarzen Filz eingeschlagene Acrylbox. Vorsichtig packt die Kuratorin die Schatulle aus, darin ein hochformatiges Buchkunstobjekt von Veronika Schäpers mit einem Text von Durs Grünbein. „26°57,3'N, 142°16,8'E“ handelt von der Suche nach einem sagenhaften Kalmar. Die hauchdünnen Seiten aus Toshaban-Genshi-Papier rascheln, Typografie und Gestaltung verweisen auf nautische Karten, mit jedem Blättern verdunkeln sich die übereinandergeschichteten, transparenten Seiten wie das Licht in der Tiefe des Meeres.

Besondere Kostbarkeiten sind die Stundenbücher: luxuriöse Andachtsbücher für das stündliche Gebet als illuminierte Handschriften. Sie wurden für adlige Frauen angefertigt und von diesen getragen wie kleine Handtäschchen – freilich so wertvoll wie zwei Rolls-Royce und eine Yacht. Behutsam zeigt Linhart die Unikate. Die oft mit Goldfarbe gearbeiteten Bilder handeln vom vorbildlichen Leben Marias. Manche dieser Stundenbücher wurden auf sogenanntes Jungfernpergament geschrieben, also auf die Haut ungeborener Lämmer und Kälber.

Seit Matthias Wagner K 2012 die Leitung des Museums übernommen hat, definiert es sich als ein „Möglichkeitsraum“. Dieser Anspruch auf Offenheit betrifft auch die Buch-Schätze. Daher präsentiert die Dauerausstellung „Elementarteile. Aus den Sammlungen“ stets Exponate aus der Abteilung im Zusammenspiel mit Werken anderer Abteilungen des Hauses. Damit und mit den kuratierten Sonderausstellungen hofft Linhart, die Faszination der Buchkunst erfahrbar zu machen. „Bücher sind ein Seismograf des Lebens. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass sehr häufig Interviews vor Bücherregalen geführt werden?“ Und woran liegt das? „In einem Bücherregal ist oft ein ganzes Leben versammelt. Bücher sind greifbare Erinnerungsräume.“  

von Jakob Hoffmann (10.02.2015)

Ein Telefonbuch, das ein Buchabenteuer ist

Avital Ronell: Das Telefonbuch. Technik, Schizophrenie, Elektrische Rede, Brinkmann & Bose, 2001

Buchtipp von Eva Linhart

Wenn „Gelbe Seiten“ Technikgeschichte mit Geisteswissenschaft vernetzen, dann handelt es sich um „Das Telefonbuch. Technik, Schizophrenie, Elektrische Rede“. Das Buch ist ein hervorragendes Beispiel für den Gestaltungsanspruch des Verlags Brinkmann & Bose. Es ist außergewöhnlich, da es telefonische Kommunikation und das Gestörtwerden thematisiert. „So wie Sie immer auf Abruf sind, haben Sie schon gelernt, die Unterbrechung auszuhalten und den KLICK.“ (Avital Ronell). Hierfür montiert Erich Brinkmann in den Fließtext aus „Univers Extended“ unterschiedliche Störfälle als Auszeichnungen aus der „Dynamoe“, „Alpha Geometrique“ und „FF Minimum“  – er setzt durch partielle Fettungen, räumliche Verzerrungen der Buchstaben oder andere typografische „Unregelmäßigkeiten“ das Lesen quasi unter Strom. Einband und Grafik zitieren eine Ästhetik der frühen Moderne und ihre Technikbegeisterung. Die wird beim Aufschlagen des Buchs jedoch sogleich irritiert. Denn wir erblicken als Vorsatz das Kunstwerk „Erdtelefon“ von Joseph Beuys. Ein Telefon, Modell 1960er-Jahre, ist an einem Erdklumpen mit Grasbüschel angeschlossen. Seine Verbindung aus Technik, Natur und Animismus deutet damit das an, was die Seiten dann auch halten: eine kulturphilosophische Erkundungsreise voller Intensität.