Übergroße Literatur – wenn auch nur gemalt
Ein Gruß des Hauses an Günther Uecker
Unkompliziert und humorvoll
Zwischen Windelkauf und Literaturkritik
Life-Work-Balance

Felicitas von Lovenberg, Literaturkritikerin, Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Ich bin froh, wenn ich etwas gut finden kann!“

Felicitas von Lovenberg ist Literaturchefin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, moderiert Literatursendungen im TV, schreibt Bücher und ist seit einiger Zeit Teil einer sechsköpfigen Patchwork-Familie – voll im Stress also? Keineswegs: Entspannt, fröhlich und auskunftsfreudig präsentiert sie sich im Gespräch.

Felicitas von Lovenberg kommt mit dem Fahrrad zu unserem Treffen nach Neu-Isenburg, wo sie seit Kurzem mit ihrer Familie wohnt. Der Umzug von Frankfurt in die Hugenottenstadt (die im Übrigen zum Landkreis Offenbach gehört) ist ihr nicht leichtgefallen – sie fühlt sich noch nicht richtig „angekommen“, schließlich hat sie, seit sie 1998 mit 24 Jahren in die Feuilletonredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eintrat, durchgehend in Frankfurt gelebt.

Inzwischen hat sie das gemacht, was man Karriere nennt: Die Mitgliedschaft im Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels seit 2012 ist ein weiterer Mosaikstein – und wer weiß, was noch kommen wird.

Im Laufe des Gesprächs wird sie einmal beiläufig erwähnen, dass sie sich für eher unkompliziert hält – und das will man sofort unterschreiben: Sie spricht mit derselben Freude und Leidenschaft über ihre Kinder wie über Bücher und so springen wir von den Vorteilen des Windelkaufs im Internet zu ihrem Selbstverständnis als Literaturkritikerin – in der Tat unkompliziert, dabei witzig und interessant. Lovenberg ist ja nicht „nur“ Kritikerin und Leiterin des Ressorts „Literatur und Literarisches Leben“ der F.A.Z., sie schreibt auch selbst Bücher: Nach dem Brevier „Verliebe dich oft, verlobe dich selten, heirate nie?“ (2005) erschien im Mai 2014 „Und plötzlich war ich zu sechst. Aus dem Leben einer ganz normalen Patchwork-Familie“ – da beide Bücher neben dem Sachbuchaspekt eine unüberlesbare persönliche Note haben, liegt die Frage nahe, ob Felicitas von Lovenberg denn nun zur Expertin des Themenkomplexes Ehe und Familie geworden sei. „Nein“, lacht sie: „ich werde oft um Rat gefragt, aber den kann und will ich nicht geben. Es gibt kein Rezept für gelingende Partnerschaften. Wenn sich LeserInnen in meinen Büchern wiederfinden und merken, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind, dann habe ich viel erreicht. Aber ich werde mich hüten, Anleitungen und Ratschläge zu verteilen!“

Bei den älteren Kindern ihrer Patchwork-Familie ist Lovenberg allerdings unbestrittene Instanz in Sachen Leseempfehlungen. Dem 16-jährigen Mädchen drückte sie Dave Eggers' gar nicht so futuristische, sondern erschreckend realistische Zukunftsvision „The Circle“ in die Hand, der 14-jährige Junge bekam von ihr die „Tagebücher des Adrian Mole“ von Sue Townsend – den britischen Klassiker aus den 1980er-Jahren, was ihrer eigenen Leseprägung entspricht. Während ihrer Schulzeit in einem englischen Internat und später während des Studiums in Bristol und Oxford las sie querbeet, was ihr gefiel: Charles Dickens, Jane Austen und englische Kinderbücher – und nur sporadisch die in der deutschen Heimat damals angesagte Literatur von beispielsweise Martin Walser oder Günter Grass. „Die Aufteilung in E- und U-Literatur ist sehr deutsch“, sagt sie. Dass es diese Unterscheidung in der englischen Literaturrezeption so nicht gibt, spiegelt sich in ihrer eigenen Arbeit: „Ich bin noch nie so angefeindet worden wie 2011, als ich Charlotte Roches zweiten Roman „Schoßgebete“ verteidigt habe – unglaublich. Es hagelte erzürnte LeserInnenkommentare, was denn bei der F.A.Z. bloß los wäre und wann endlich diese Lovenberg rausgeworfen würde. Dabei habe ich klar gesagt, dass man das Buch wie jedes zunächst einmal an seinem eigenen Anspruch messen muss – ,Schoßgebete‘ behauptet ja nicht, hohe Literatur zu sein.“

Joanne K. Rowlings „Harry Potter“-Romane sind für Lovenberg nichts weniger als Weltliteratur: „Die meisten AutorInnen schreiben über das, was sie kennen, ihre  Erfahrungen. Rowling hat eine ganz eigene Welt erschaffen, mit unzähligen Charakteren und Erzählsträngen – diese Leistung muss man doch erkennen und anerkennen! Und sollte sie nicht abtun in der simplen Annahme, dass Erfolg und Anspruch einander ausschließen.“ Generell sei sie ein wohlwollender Mensch: „Ich bin froh, wenn ich etwas gut finden kann!“ Es sei gefährlich, wenn Kritiker sich selbst zu ernst nähmen und die eigene Meinung absolut setzten. Die Gepflogenheit der F.A.Z., in Artikeln nicht „ich“ zu schreiben, kommt ihr dennoch entgegen: „Ich spüre eine starke Verantwortung für die Bücher und will ja nicht mich in den Mittelpunkt stellen. Allerdings kann ich sehr glühend in der Verteidigung werden!“, sagt Lovenberg und regt sich darüber auf, wie beispielsweise unlängst flächendeckende – und ihrer Meinung nach nicht gerechtfertigte – Häme auf einen erfolgreichen deutschen Autor niederprasselte. „Es ist doch unverschämt zu behaupten, der Betreffende sei „kein Schriftsteller mehr“, nur weil einem Kritiker das neue Buch nicht gefällt!“

Durch ihre beiden eigenen, noch sehr kleinen Kinder sei sie bei der Lektüre allerdings kritischer geworden, beziehungsweise reizbarer: „Wenn mich ein Buch auf Seite 120 noch immer nicht gepackt hat, dann ist es eben nichts für mich und ich lege es weg. Das hätte ich früher nicht getan, sondern auf jeden Fall zu Ende gelesen. Jetzt gibt es für mich eine andere Hierarchie der Wichtigkeit.“ Natürlich gebe es Bücher, die man lesen müsse – und in der Literaturredaktion der F.A.Z. bestehen dieselben Nöte wie überall, wenn der zur Verfügung stehende Platz im Blatt leider nur einen Teil der relevanten Neuerscheinungen repräsentieren kann. Als Entdeckerin neuer Trends bezeichnet sie sich eher nicht: „Ich sehe ein Buch zunächst immer partikular, als Einzelstück, weniger als Puzzleteil eines übergeordneten Prinzips. Man erkennt ja oft erst rückblickend, ob ein Thema zu einer bestimmten Zeit gehäuft behandelt wurde.“ Lovenberg liest nicht „strategisch“, nur Angelsächsisches muss stets dabei sein: „Und dann auch eher etwas Britisches als Amerikanisches“ – wenn auch ihre Lieblingsempfehlung für erwachsene LeserInnen amerikanischen Ursprungs ist: Der bereits 1965 zum ersten Mal erschienene Roman „Stoner“ von John Williams ist für sie eine der bewegendsten und tiefgründigsten Wiederentdeckungen der letzten Jahre.

Eine Frage, die man einem Bookster bzw. einer Booksterin unbedingt stellen muss, ist die nach der Sortierung der heimischen Bibliothek – bei Felicitas von Lovenberg ist diese Frage angesichts des bereits erwähnten Umzugs ja tatsächlich ganz akut. „Ich sortiere nach Ländern und Themen und innerhalb dessen nach AutorInnen. Sachbuch und Literatur stehen getrennt, wobei ich wesentlich mehr Romane als Sachbücher besitze, allerdings kaum Krimis und Thriller; und es gibt ein eigenes Regal für Lyrik.“ Und wie steht sie zum E-Book, das man ja schließlich nicht in einer repräsentativen Bibliothek ausstellen kann? „Ach, das ist wie mit Fast Food, das man ja auch nicht von einem Porzellanteller isst: Manche Titel möchte man anfassen und physisch besitzen, bei anderen genügt es, sie auf dem Reader zu lesen und danach vielleicht nie wieder aufzurufen. Es gibt für jedes Format die passende Verwendung – ich glaube allerdings, dass das E-Book über kurz oder lang das Taschenbuch ersetzen wird.“ Ob sie da eben nicht doch einen Trend definiert hat? Man wird sehen...

von Christina Mohr (09.09.2014)

Ein Buch, ohne das ich nicht mehr sein möchte

Michael Ondaatje: Der englische Patient, Hanser Verlag, 1993

Buchtipp von Felicitas von Lovenberg

„Der englische Patient von Michael Ondaatje gehört zu den Büchern, ohne die ich nie sein möchte. Seitdem ich es 1992 mit achtzehn Jahren erstmals las, ist es für mich zu einer jener Romane geworden, in denen man sich mit traumwandlerischer Sicherheit zurechtfindet, weil einem Empfindungen, Charaktere und Sprache bei aller Fremdheit völlig vertraut sind. Zugleich verleiht mir die Lektüre immer wieder auf unerklärliche Weise das Gefühl, beschützt zu sein. Ondaatje-Lesende stehen unter einem guten Stern.“