Ein „Kind des Literaturbetriebs“
In seinem Verlag gibt es alles – nur keine Bücher.
Eine Veranstaltung zu organisieren bedeutet vor allem: viel Schreibtischarbeit.
„Ich bin ein sehr objekthafter Mensch.“
Nach Senegal und Gambia ohne Rückticket

Florian Koch, Kulturmanager

Hinter den Kulissen

Wenn in Frankfurt eine literarische Veranstaltung stattfindet, stehen die Chancen, dass Florian Koch dahintersteckt, nicht schlecht. Er ist Initiator und Mitorganisator unzähliger kultureller Projekte. Die Puste geht ihm deswegen aber noch lange nicht aus.

Zehn Stunden lang alles rund ums Buch, zehn Stunden lang Lesungen, Vorträge und Diskussionen, dazu ein Lesecafé, ein Bouquinistenmarkt mit Büchertischen und der Austausch mit Hunderten von Gleichgesinnten – das klingt wie ein beinahe unerfüllbarer Traum für jeden Büchermenschen. Doch Florian Koch hat’s möglich gemacht, als er im Jahre 2004 den Langen Tag der Bücher ins Leben rief. „Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich das für und mit den Frankfurter Verlagen erfunden habe“, sagt er schmunzelnd, aber nicht ohne Stolz. Der gebürtige Wuppertaler ist ein Allrounder, der bei vielen kulturellen Aktivitäten in Frankfurt seine Finger im Spiel hat. Ein Blick in das Büro in seiner Nordender Wohnung beweist Kochs Literaturaffinität: Bis unter die Decke stapeln sich die Bücher. Von hier aus koordiniert er seine verschiedenen Projekte wie eben den Langen Tag der Bücher, dessen nächste Auflage am 22. Februar gefeiert wird.

Entsprungen ist dieser Lange Tag der Veranstaltungsreihe „Verlagsmontag(e)“, die bis 2003 einmal im Monat von verschiedenen Verlagen im Schauspielhaus Frankfurt ausgerichtet wurde. Da gab es zum Beispiel szenische Lesungen oder Gespräche mit Autoren und Lektoren. Nach vielen erfolgreichen Jahren ließ das Interesse beim Publikum schließlich nach. Das rief Florian Koch auf den Plan, der sich überlegte, wie man diese Reihe erneuern, umcodieren könnte und darauf kam, eine „konzertierte Aktion an einem Tag“, wie er es beschreibt, zu organisieren. „Das ist eine wahrhafte Feier für das literarische Leben in Frankfurt“, schwärmt Koch. An diesem Tag kommen Autoren großer wie kleiner Verlage aus Frankfurt zu Wort, die ihr Programm selbst gestalten können, lediglich ein frei interpretierbares Thema ist vorgegeben, das dieses Jahr „Ankommen“ lautet. „Ich bemühe mich, auch ungewöhnliche Kombinationen aus Moderator und Autor zusammenzubringen. Letztes Jahr interviewte zum Beispiel Daniel Cohn-Bendit den Chirurgen und Autor Bernd Hontschik.“

Koch bezeichnet sich selbst als „Kind des Literaturbetriebs“. Seine Lehre als Verlagsbuchhändler machte er in den 1980ern „bei einem der besten Verlage überhaupt“, nämlich bei Suhrkamp. Dort begleitete er den Werdegang eines Romans vom letzten Satz eines Autors bis zum fertigen Buch. Nach absolvierter Lehre und einem geisteswissenschaftlichen Studium in Tübingen und Paris trieb ihn das Fernweh zuerst nach Senegal und Gambia und dann nach Asien, wo er ohne Rückticket hinflog. „Ich wollte Lebenserfahrung inhalieren“, beschreibt er die Zeit, in der er zumeist alleine reiste und dadurch lernte, sich durchzusetzen. Zurück in Deutschland zog es ihn wieder in seine Wahlheimat Frankfurt – die Wohnung hier hatte er nie aufgegeben. Trotz seiner Liebe zu Büchern beschränkte sich Koch nicht auf das literarische Feld, sondern arbeitete zeitweise in einer Kommunikationsagentur und in einer Kunstgalerie. „In der Agentur habe ich für Volkswagen kulturelle Veranstaltungen mit internationalen Künstlern organisiert und somit das Fundament für meine heutigen Formate geebnet“, erzählt er.

Koch war auch bei der Gründung mehrerer Zeitschriften beteiligt wie zum Beispiel dem kurzlebigen Kulturmagazin 069, der später die Online-Plattform faust-kultur.de entsprang. „Frankfurt ist auch heute noch unbedingt eine Literaturstadt“, betont er. „Ich finde es toll, mit unterschiedlichen Akteuren zusammenzuarbeiten“, sagt er. „Das Kulturamt hat ein offenes Ohr, wenn man etwas Neues auf die Beine stellen will, ich habe viel Begeisterung erlebt. Das alles ist natürlich das Erbe von Hilmar Hoffmann.“

Mit besonders vielen Akteuren arbeitet Florian Koch zusammen, wenn es alle zwei Jahre daran geht, den literaTurm zu organisieren. Unter der Regie von Sonja Vandenrath, der Literaturreferentin des Kulturamts Frankfurt, koordiniert er das Themenfestival, für das es rund 50 literarische Veranstaltungen zu organisieren gilt. „Zu planen, welche Autoren in welchen ungewöhnlichen Räumen lesen können, ist eine spannende Aufgabe“, erzählt Koch von seiner Arbeit. „Für literaTurm zu arbeiten macht mir große Freude.“

Eine andere Veranstaltungsreihe, die Koch mit Leidenschaft betrieb, war die Serie „Monday Monday“ in der Fabrik in Sachsenhausen, bei der er gemeinsam mit Peter Ripken internationale Autoren mit regionalen Musikkünstlern zusammenführte. „Wir konnten in dem Rahmen auch eher unbekannte Schriftsteller einem breiten Publikum näherbringen.“ Gerne ließ er außerdem in selbst konzipierten Programmen tote Autoren musikalisch untermalt hochleben. „Zum Beispiel verknüpften wir Thomas Bernhards ‚Untergeher‘ mit Johann Sebastian Bach. Es wurden genau die Stücke gespielt, die in dem Roman auch Erwähnung finden.“ Leider liegt der letzte „Monday Monday“ rund ein Jahr zurück. „Ich suche dringend nach neuen Räumlichkeiten dafür. Wer eine Idee hat, darf sich gerne bei mir melden!“

Dass sich der 47-Jährige nicht auf einen Bereich beschränken will, zeigt auch seine wichtigste Einnahmequelle, der MeterMorphosen-Verlag, der ironischerweise ein Non-Book-Verlag ist. „Kurz vor der Jahrtausendwende kam vier Freunden und mir die Idee, einen Zollstock zu machen, der die Geschichte gegen den Strich bürstet“, sagt Koch, der nie lange fackelt, wenn er neue Einfälle hat. Rechtzeitig zum Millennium brachten sie einen Zollstock auf den Markt, der 2000 Jahre Geschichte auf 2000 Zentimetern erzählt: den Historischen Zollstock. „Neben den üblichen Geschichtsfakten gibt es auch 30 Prozent Ungewöhnliches.“ Der Zollstock schlug ein wie eine Bombe, inzwischen gibt es ihn auch mit weiteren Themen wie Kunst oder Erfindungen. „Das Schöne ist, dass ich von dem Verlag leben und dadurch mehr Herzblut in andere Projekte stecken kann.“ Im Verlag gibt es außerdem außergewöhnliche Stadtpläne oder Spiele, deren Kontext aber immer das Buch ist. „Ich bin ein sehr objekthafter Mensch“, sagt Koch trocken. Wohl wahr: In seinem Wohnzimmer tummeln sich auf jedem Quadratzentimeter Skulpturen, Figuren und Masken aus aller Welt.

von Isabella Caldart (17.02.2015)

Ein Lebensbuch, das ich immer wieder lese

Thomas Bernhard: Holzfällen. Eine Erregung, Suhrkamp Verlag, 1984

Buchtipp von Florian Koch

„Holzfällen“ ist ein Buch, das mich mein Leben lang begleitet und das inhaltlich wie formal herausragend ist. Thomas Bernhard erzählt die Geschichte eines künstlerischen Abendessens, die zugleich wahr und doch reine Fiktion ist. Der Erzähler ist selbst im kulturellen Leben verankert und hat einen unbeugsamen Willen, einen Drang, über dieses künstlerische Abendessen zu schreiben: „…und ich lief und lief und dachte, ich werde sofort über dieses sogenannte künstlerische Abendessen in der Gentzgasse schreiben, egal was, nur gleich und sofort…“, das ist starker Tobak! Der Roman ist sehr vielschichtig, der Erzähler hadert sowohl mit Oberösterreich als auch mit Wien – ihm gefällt es unterwegs am besten und mir geht das manchmal genauso. Außerdem: Wie oft kam es schon vor, dass ein Roman mit einer einstweiligen Verfügung begann und dann zur Weltliteratur avancierte?