Und überall: Bücher
„Me Myself and Why.“
Ein Zimmer, drei Schreibtische. Hier der zum Schreiben.
Am Schreibtisch Nummer zwei (bzw. am Zeichentisch)
Und Musik macht er auch noch ...

Frank Witzel, Autor

„Ein Buch, eine Plate und eine Koboyburg“

So stand es auf dem „Wunschzätel“ des jungen Frank Witzel. Seither haben sich die Interessen des Schriftstellers, Musikers und Zeichners kaum verändert. Das Buch steht immer noch an erster Stelle.

Gerade hat Frank Witzel sein Opus magnum vorgelegt. An dem Romanprojekt „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ hat er bestimmt 15 Jahre gearbeitet. Auf der Suche nach der geeigneten Form häufte sich über die Jahre Material von mehreren Tausend Seiten an. Anfänglich sollten es sogar zwei Bücher werden. Als er kurz davor war, das Ganze ob des uneingrenzbaren Umfangs aufzugeben, wurde sein Projekt 2012 mit dem Robert-Gernhardt-Preis ausgezeichnet. Nun ist der 800 Seiten starke Roman fertig. Ein komprimiertes Stück BRD, versehen mit einem umfangreichen Sach- und Personenregister. Eine enzyklopädische Informationsfülle à la Thomas Pynchon. Die Kritik ist voll des Lobs und im nächsten Jahr wird der Roman vom Hörfunk bearbeitet und auf die Bühne gebracht. Für das Hörspiel, das 2016 beim Bayerischen Rundfunk zu hören sein wird, komponiert und spielt Frank Witzel die Musik selbst. Denn der Schriftsteller und Essayist ist auch Musiker. Und Zeichner.

Mit dem Zeichnen begann Frank Witzel schon mit 14 Jahren. Mit dem Schreiben mit 16. Mit 22 legte er seinen ersten Gedichtband vor. Aber zuallererst kam die Musik. Als Sohn eines Musikers lernte Witzel früh Klavier, Cello und klassische Gitarre und machte später eine Ausbildung am Wiesbadener Konservatorium. Als Gitarrist und Bassist spielte er in mehreren Bands. Seine erste hieß „Die sanfte Erlösung“ und war geprägt von instrumentalen Hippiesounds und ausgedehnten Improvisationsstrecken. Die Musik begleitet ihn durch sein ganzes Leben. Frank Witzel komponiert, er spielt, er hört – von Bach bis Bacharach. Seit März 2009 gestaltet er beim Internetsender byte.fm die Sendung „Me Myself and Why“. Hier spielt er vor allem Musik zwischen den Stilen: zwischen Jazz und Avantgarde, zwischen Pop und Experiment, zwischen Improvisation und Komposition.

Das Schreiben aber ist sein Hauptberuf. Während er an seinem großen Romanprojekt arbeitet, veröffentlicht Frank Witzel drei Romane, zahlreiche Essays und zwei Gesprächsbücher mit Thomas Meinecke und Klaus Walter. Die Idee zu „Plattenspieler“, dem ersten der Gesprächsbücher, kommt Frank Witzel Anfang 2000. Er will Interviews führen mit Menschen seiner Generation, zwischen 1953 und 1963 geboren, als der Pop in die Welt kam. Er fragt Thomas Meinecke, der sagt freudig zu und schlägt seinerseits Klaus Walter vor. Frank Witzel und Klaus Walter wohnen zu dieser Zeit beide in Offenbach, in derselben Straße, direkt gegenüber, kennen sich aber noch nicht. Die drei treffen sich und so entstehen die launigen Popdiskurse der 1955 Geborenen, über Männer mit Fönfrisuren, über ihre Jugend in Hamburg und Frankfurt, über Musik, Fußball und Politik. Und im zweiten Buch über „Die Bundesrepublik Deutschland“. Nach dem Abschluss an seinem großen Roman hat Frank Witzel erst einmal wieder viel gezeichnet, aktuell macht er Musik. Außerdem ist das nächste Buch schon in Arbeit, unterstützt durch ein Stipendium des Literaturfonds Darmstadt.

Die vielseitigen Interessen und Professionen von Frank Witzel spiegeln sich auch in seiner Offenbacher Wohnung. Im Wohnzimmer stapeln sich CDs und Schallplatten: John Cage und Karlheinz Stockhausen neben Sun Ra und Ornette Coleman. Und überall Bücher: Philosophie, Japanologie, französische Romane, unzählig die angelsächsische Literatur. Vieles aus dem Antiquariat. Frank Witzel ist ein Antiquariatsgänger: Er besucht sie in jeder Stadt, in die er reist. Neben der Stereoanlage liegt der Stapel mit den ungelesenen Büchern: Sherwood Anderson, Walter Benjamin, Herbert Achternbusch, Peter Weiss, Will Self, Friedrich Schleiermachers hermeneutische Dialektik. Frank Witzel ist ein Vielleser. Nur wenn er schreibt, kann er keine Romane lesen.

Überhaupt ist es ein episodisches Schaffen, das sich nicht vermischen soll. Alles steht für sich: Musik, Zeichnung, Lyrik, Prosa. Das Schreiben geschieht intellektuell, das Zeichnen und die Musik intuitiv. Und doch: Texte werden komponiert, es müssen sich Bilder einstellen und beim Schreiben folgt Frank Witzel einem lyrischen Ansatz. Er lässt sich von der Sprache treiben, erzählt nicht linear, sprachliche Ideen dominieren den Plot. Und auch philosophische Diskurse, Popkultur und Literatur fließen ein. All das ist es wohl, was Thomas Meinecke den poetischen Realismus von Frank Witzel nennt. Die Jury des Gernhardt-Preises lobte seinen Wagemut, Geschichten, die alle zu kennen glauben, durch eine außergewöhnliche Erzählperspektive neue, verblüffende Elemente abzugewinnen. Das lässt sich über alle seine Romane und mit Sicherheit über „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ sagen.

„Ein Buch, eine Plate und eine Koboyburg“ – den „Wunschzätel“ von Frank Witzel findet man auf seiner Website. Auch dort trennt er säuberlich in Texte, Bilder und Musik. Neben jedem Bereich findet sich ein Zitat aus einem Popsong. Bei den Texten sind es zwei Zeilen aus dem Song „Paperback Writer “ von den Beatles:

It's a thousand pages, give or take a few
I'll be writing more in a week or two.

Wir sind gespannt auf die nächsten tausend Seiten von Frank Witzel.

von Silke Hartmann (04.08.2015)

Ein Buch, das den Roman neu definiert

David Markson: This is Not a Novel, Counterpoint, 2001

Buchtipp von Frank Witzel

Nicht nur, weil das Buch mit dem wunderbaren Satz beginnt: „Writer is pretty much tempted to quit writing“, nicht nur, weil Markson seinen Roman im Roman selbst als „ersatz prosa alternative“ zu T.S. Eliots Wasteland und „synthetic personal Finnegans Wake“ beschreibt, zwei Bücher, die ich mindestens einmal pro Monat in die Hand nehme, sondern weil er eine Alternative des Romans aufzeigt, die gleichermaßen Lyrik und Philosophie ist, und damit die Möglichkeit eines neuen Erzählens eröffnet. David Markson hat mit diesem und einem halben Dutzend ähnlich angelegter Romane den Plot abgeschafft, die Form zum Thema des Erzählens gemacht, die Trennung von Schriftsteller und Erzähler aufgehoben und damit einen Ausgangspunkt konstruiert, von dem aus sich die Geschichte des Romans weiterschreiben lässt.