Georg Simader bekommt bis zu 1000 Manuskripte im Jahr zugeschickt.
Sein größter Erfolg als Verleger war eine Uli-Stein-Biographie.
„Wir sind quasi ein Eheinstitut. Jeder Partner soll die richtige Mitgift bekommen.“
„Jede Agentur und jeder Verlag hat seine Leichen im Keller.“
„Oft wird schon beim Anschreiben deutlich, dass ein Buch nichts taugt.“

Georg Simader, Literaturagentur copywrite

Einer muss ja die Drecksarbeit machen!

Georg Simader ist ein Agent. Doch nicht so einer wie James Bond, und seine Waffe ist auch keine Walther PPK. Simader arbeitet ganz gewaltfrei mit Manuskripten. Unmengen von Manuskripten. Die meisten von ihnen landen direkt im Papierkorb. Doch ab und zu sorgt er dafür, dass aus einem Manuskript ein richtiges Buch wird.

Eigentlich klingt es ganz simpel: „Ich lese von dem Manuskript die erste halbe Seite und dann das Exposé. Wenn mir beides zusagt, nehme ich mir die restlichen rund 30 Seiten vor“, resümiert Georg Simader seinen Arbeitsalltag und zündet sich die erste von vielen Zigaretten an diesem Abend an. Vor 15 Jahren rief Simader die Literaturagentur copywrite ins Leben, die in der Woogstraße in Ginnheim ansässig ist. Er und seine beiden Mitarbeiterinnen Lisa Volpp und Caterina Kirsten bekommen bis zu 1000 Manuskripte im Jahr zugeschickt – das bedeutet lesen, lesen, lesen. Aber nur ungefähr fünf Manuskripte davon können das Team überzeugen. Dann erst beginnt die tatsächliche Arbeit.

„Ein Autor meinte einmal zu mir: ‚Ich schreibe, du kümmerst dich um die Drecksarbeit.‘ Und genau das machen wir.“ Dazu sucht Simader geeignete Verlage aus, denen er den kompletten Roman zuschickt. „Wir sind quasi ein Eheanbandlungsinstitut“, scherzt Simader. „Wir achten darauf, dass beide Partner die richtige Mitgift bekommen.“ Bei allen Fragen und Vertragsverhandlungen rund um das Marketing, etwaigen Übersetzungen, Verfilmungen oder Hörbüchern ist copywrite für den Autor der erste Ansprechpartner. „Es gibt so viel Unvorhergesehenes auf dem Weg der Autorenkarriere, was passieren kann. Wenn jemand zum Beispiel Probleme mit dem Lektor hat, kümmern wir uns darum.“

Georg Simader kennt alle Seiten des Literaturbetriebs: Anfang der 1990er-Jahre besaß er einen eigenen Ein-Mann-Verlag, in dem er eine von ihm verfasste Biographie mit dem Titel „Halbzeit“ über die Torwartlegende Uli Stein veröffentlichte, die sich stolze 50.000 Mal verkaufte und es somit auf die Bestsellerliste des Spiegels schaffte. Später wurde ein Teil seines Programms von Eichborn übernommen.

Aber noch mal zurück zum Anfang: Wie findet man als angehender Schriftsteller seine Agentur? „Viel läuft natürlich über Empfehlungen, außerdem gibt es einschlägige Foren im Internet, die über seriöse und unseriöse Literaturagenturen berichten“, erläutert Simader. Eine unseriöse Agentur verlangt schon im Vorfeld Geld, während seriöse nur auf Provision arbeiten. Der Autor schickt eine Leseprobe von 20 bis 50 Seiten und ein kurzes Exposé, in dem der Plot beschrieben wird. „Oft wird schon beim Anschreiben deutlich, wenn ein Buch nichts taugt“, verrät Georg Simader. „Die Leute machen sich teilweise nicht mal Gedanken, bei welchem Verlag sie gerne veröffentlicht werden wollen.“ Wer nach Ablauf von vier Wochen keine Antwort erhalten hat, wurde nicht genommen. „Bei dem Umfang an Manuskripten, die uns zugeschickt werden, können wir leider nicht alle beantworten.“

Aber auch gute Literaturagenten machen Fehler, wie Georg Simader zugibt. Einige Romane, die er ablehnte, wurden später zu Bestsellern – so zum Beispiel der dystopische Thriller „Blackout – Morgen ist es zu spät“ von Marc Elsberg. Simader nimmt’s gelassen. „Jede Agentur, jeder Verlag hat seine Leichen im Keller.“ Der mittelhessische Schriftsteller Stephan Thome, den copywrite vertritt, wurde von zwölf Verlagen abgewiesen, bis Suhrkamp zusagte. Heute ist Thome („der deutsche Jonathan Franzen!“, schwärmt Simader) ein bekannter Autor. Sein Debütroman „Grenzgang“ wurde von Kritikern hochgelobt und verfilmt, sein zweites Buch „Fliehkräfte“ schaffte es wie schon das Erstlingswerk zuvor auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Neben Stephan Thome betreut copywrite noch andere hessische oder in Hessen lebende Autoren. Der Krimiautor Jan Costin Wagner zum Beispiel kommt aus Langen und Alina Bronsky, die 2010 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, sowie Michael Kibler, der ebenfalls Krimis schreibt, leben beide in Darmstadt. „Witzig“, sagt Simader. „Ein Frankfurter Schriftsteller ist nicht dabei.“ Insgesamt 45 Verfasser vertritt copywrite. „Wir arbeiten gerne mit Autoren zusammen, die mehr als nur ein Buch veröffentlichen wollen.“

Zukünftig möchte Simader wieder Kurse für Schriftsteller und jene, die es werden wollen, organisieren. Bis 2012 fanden diese in Farnese im Süden der Toskana statt, mussten wegen Renovierungsarbeiten am Gebäude aber unterbrochen werden. Wo die Kurse veranstaltet werden sollen, verrät Italienfan Georg Simader noch nicht. Über die durch copywrite vermittelten Neuerscheinungen gibt er indes bereitwillig Auskunft. So werden in diesem Herbst und Winter zehn Romane veröffentlicht, darunter „Deutscher Meister“ von Stephanie Bart, für den die Autorin ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds erhielt und der der Spitzentitel des Herbsts bei Hoffmann und Campe ist. Aber Barts Roman über das Schicksal eines deutschen Sinto-Boxers im Jahre 1933 ist nicht der einzige, der dieser Tage erscheint. Von Frank Uhlmann, Wolfgang Kaes, Stefan Valentin und Carsten Germis wird es bald neue Kriminalromane zu lesen geben, einige Unterhaltungsbücher wie von Rita Falk sowie Ratgeber stehen in den Startlöchern und: das neueste Werk aus der Feder von Stephan Thome. „Gegenspiel“, das in den 1970er-Jahren in Portugal angesiedelt ist, wird voraussichtlich im Januar 2015 bei Suhrkamp veröffentlicht.

Auch wenn der Oberbayer schon lange in Frankfurt lebt, betrachtet er seine Wahlheimat eher kritisch. „Mit dem Fall der Mauer hat Frankfurt sich dafür entschieden, eine Finanzstadt zu sein und die Position als Stadt mit intellektuellem Diskurs an Berlin abgegeben. Als eine Stadt des Geistes ist Frankfurt nicht mehr zu bezeichnen.“ Dennoch sieht er vorsichtig optimistisch in die Zukunft: „Ein bisschen was tut sich gerade, es kommt wieder Bewegung in die literarische Szene Frankfurts.“ Vielleicht nimmt er ja bald einen Schriftsteller aus Frankfurt unter Vertrag.

von Isabella Caldart (16.09.2014)

Ein Buch, das viel mehr ist als ein Thriller

Gillian Flynn: Gone Girl, FISCHER Taschenbuch, 2014

Buchtipp von Georg Simader

„Dieses Buch ist viel mehr als nur ein Thriller und eine Geschichte über die Zerstörungswut zweier Menschen in einer Ehe. Es ist die perfekte Ergänzung zu Jonathan Franzens Mittelschichts-Familiendrama ‚Korrekturen‘, das genau wie dieses Buch im Mittleren Westen der USA spielt. ‚Gone Girl‘ spiegelt die Verderbtheit und die Verlogenheit der US-amerikanischen Medien, handelt von Menschenhatz, Arbeitslosigkeit und Kleinstadtspießern, ist ein Abgesang auf die amerikanische Gesellschaft.“