„Er ist irrsinnig klug und ein warmherziger, guter Mensch.“ (Susanne Fröhlich)
Fotoshooting bei den Buchzeit-Dreharbeiten im Restaurant Oosten
„Er ist der letzte Universalgelehrte des deutschen Fernsehens.“ (Harald Schmidt)
Scobel verschlingt regelrecht Bücher. Nicht nur wegen der Buchsendung
„Er ist ein Intellektueller ohne Allüren, dafür mit Charme, Wissbegier und journalistischem Biss.“ (F.A.Z.)

Gert Scobel, Autor und Moderator

Ein Denker wird nachdenklich

Die Moderne macht schwindelig – diagnostiziert Gert Scobel in seinem neuen Buch. Aber wie könnte eine Therapie aussehen? Ein Gespräch.

Und dann steht er tatsächlich vor der Tür. Seit der ersten Anfrage sind fast zwei Monate vergangen, mehrfach wurde der Termin verschoben. Grund dafür war kein böser Wille, den man einem so freundlichen und kultivierten Menschen ohnehin niemals unterstellen würde. Nein, Gert Scobel hat einfach immer viel um die Ohren. Er ist Moderator der nach ihm benannten wöchentlichen 3sat-Sendung, lehrt seit vergangenem Jahr an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und sitzt im Programmrat des Kölner Philosophiefestivals phil.cologne – um nur drei seiner zahlreichen Tätigkeiten zu nennen. Tätigkeiten jedoch, derentwegen er heute nicht hier ist. Denn Scobel ist neben alledem auch ein Bookster, ein Buchmensch. Nicht nur, weil er auch schon diverse Büchersendungen moderiert hat, wie jüngst die 3sat-Buchzeit, bei deren Aufzeichnung im Frankfurter „Oosten“ unser Fotoshooting stattfand, sondern auch, weil er selbst Bücher schreibt. Anspruchsvolle Bücher. Ein Buch über die Weisheit zum Beispiel, eines über den Glauben und die Vernunft und zuletzt eines über das Denken und Philosophieren. Bei seinem neuesten Werk „Der fliegende Teppich“ ist es schwieriger, das Thema auf den Punkt zu bringen. Er selbst beschreibt es so: „Es geht in dem Buch um das Verhältnis von Fiktion und Realität. Das Problem der Moderne ist nämlich, dass alles so verwirrend, widersprüchlich und komplex ist und man keinen festen Boden unter den Füßen hat. Die Fiktionen helfen uns dabei, nicht abzustürzen. Sie bilden einen fliegenden Teppich, mit dem wir von Punkt A zu Punkt B gelangen können.“

Alles klar? Vielleicht noch nicht ganz. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass Scobel selbst gerne solche Teppiche bildet. Aber eben keine schlichten Bettvorleger, sondern eher opulente Gobelins. In diesen farbenfrohen Gedankenteppichen, die er dann vor seinen Lesern ausrollt, knüpft er die unterschiedlichsten Ideen und Geschichten kunstfertig aneinander. Die Herausforderung ist dabei, den Überblick über die verschiedenen Fäden zu behalten, ohne dabei den einen „roten“ zu verlieren. Dem Autor selbst scheint dies mühelos zu gelingen. Manch einem Rezensenten – und auch dem Autor dieser Zeilen – jedoch nicht immer. Oft wird an Scobels Büchern kritisiert, er würde sich in Details und Abschweifungen verheddern, sodass man am Ende gar nicht mehr wisse, worum es ihm im Kern geht. Allein: Liegt das wirklich am Autor oder nicht vielmehr am Leser, der vielleicht einfach nicht in der Lage ist, Scobels intellektuellen Höhenflügen zu folgen – ob mit oder ohne Teppich?

„Wenn es einem Buch nicht gelingt, verständlich zu sein, liegt das mit Sicherheit nicht am Leser“, zeigt sich der 58-Jährige selbstkritisch. Auch auf die Frage, ob er denn selbst das Gefühl habe, dass ihm in seinen Büchern das gelänge, wofür er schließlich bei seinen Fernsehsendungen bekannt sei, nämlich auch schwierige Themen gut erklären zu können, antwortet Scobel entwaffnend ehrlich: „Es spricht manches dafür, dass ich das in meinen Büchern nicht ganz so gut kann.“ Und dann fügt er noch mit Blick auf das neue Buch augenzwinkernd hinzu: „Es ist aber auch nicht so ganz leicht, sich mit der Komplexität unserer modernen Zeit zu beschäftigen, ohne dass es dabei selbst etwas komplexer wird.“ Zwar habe er sich manchmal gefragt, ob er sich den einen oder andern Ausflug, zum Beispiel in die Kognitionsforschung oder in die Sozialpsychologie, nicht lieber sparen sollte. Auf der anderen Seite gehörten all diese Dinge eben zusammen und würden nur als Gesamtbild die Antwort bilden, die er geben will.

Denn darum geht es ihm am Ende: Antworten geben, eigene Erkenntnisse weiterreichen. So erzählt Scobel, dass er froh war, seine Gedanken zu dem Thema in dem neuen Buch endlich geordnet zu haben, und dass nun seine Hoffnung sei, sie auch anderen Menschen vermitteln zu können. Denn Verunsicherungen und Ängste gäbe es allerorten. Was ist richtig und was falsch? Was und wem kann man noch glauben? „Ich möchte zeigen, dass es völlig normal ist, wenn man das Gefühl hat, keinen Halt mehr zu haben – denn das Leben ist in der Tat bodenlos und war es eigentlich auch schon immer“, sagt Scobel, um dann gleich zu ergänzen: „Aber man muss daran überhaupt nicht verzweifeln. Man muss nur erkennen, dass das so ist, warum es so ist und wie der mögliche Ausweg aussehen könnte.“ Unterscheiden zu können, was tatsächlich Realität und was „nur“ Fiktion, Geschichte, Wunsch oder Vorstellung ist, ist für ihn dabei der entscheidende Punkt. „Klingt eigentlich ganz banal“, sagt er. Aber es würde helfen, um auf dem Teppich zu bleiben, fliegen zu können und dabei nicht in den Abgrund zu stürzen.

Und wo Probleme sind, gibt es zuweilen auch neue Chancen und Möglichkeiten. Zu lange habe man es sich zu einfach gemacht, meint Scobel. Beispiel Europa: Diese Erzählung galt als „gesetzt“, schien nicht mehr infrage gestellt zu werden und dümpelte vielleicht gerade deshalb so vor sich hin. Doch dann kamen die Eurokrise, der Brexit, der innenpolitische Druck vonseiten der Europaskeptiker, außenpolitische Herausforderungen, die mit diesem Europa kaum mehr zu bewältigen sind. Jetzt ist der Katzenjammer groß, das Projekt Europa in Gefahr. Gleichzeitig wachen aber auch die Menschen auf und erkennen, dass man einfach mehr braucht als nur offene Grenzen und eine gemeinsame Währung. „Diese Fiktion von einem gemeinsamen Europa war einfach zu schwach“, sagt Scobel. „Wir brauchen bessere Erzählungen, um zu erklären wie und warum wir in Europa zusammenleben wollen!“

Soviel zur „Diagnose der Moderne“, wie auch der Untertitel des neuen Buches lautet. Aber was ist mit der Therapie, die doch eigentlich nach der Diagnose folgen sollte? Antworten darauf findet der Leser in dem Buch meist nur zwischen den Zeilen, in Fragen oder Andeutungen. Und auch ansonsten ist Scobel eher nicht für scharfe Positionen und klare Standpunkte bekannt. Die kleine Aids-Schleife, die er über viele Jahre an seinem Revers trug, war schon das Maximum dessen, was er sich an öffentlichem Statement genehmigte. Nicht, weil er keine eigene Meinung hätte, sondern eher, weil Scobel von Natur aus ein durch und durch zurückhaltender Mensch ist. Wohlmeinend könnte man sagen, er habe es in dieser Welt der Profilneurotiker nicht nötig, sich weit aus dem Fenster zu legen. Kritisch könnte man aber vielleicht auch anmerken, dass er einfach nicht anecken mag. 

Zumindest bislang. Das Thema scheint ihn bereits eine Weile zu beschäftigen. Sein Sohn, erzählt er, ist schon seit vielen Jahren politisch aktiv und auch er spürt längst, dass es so nicht weitergehen kann. „Ich glaube, dass wir in einer Situation sind, in der wir mehr tun, in der wir auch selbst handeln müssen“, sagt er nachdenklich. „Im Rückblick würde ich das sicherlich auch anders machen und mich stärker engagieren.“ Aber wie? Das Problem ist nämlich, dass Scobel nicht das eine Thema hat, für das er brennt, sondern ganz viele. Harald Schmidt nannte ihn nicht umsonst einmal „den letzten Universalgelehrten des deutschen Fernsehens“. Und: „Was müsste ich denn machen, wenn ich richtig was erreichen will?“ denkt er laut nach. Sich bei Anne Will aufs Sofa setzen und für eine bestimmte Sache kämpfen? Oder dann doch lieber ein konkretes Projekt für diese eine Sache machen? „Sicher ist nur, dass das Thema für mich mit dem Buch noch nicht zu Ende gedacht ist“, sagt er noch, als es längst dunkel ist und sich das lange und intensive Gespräch langsam dem Ende nähert. „Jetzt muss auf jeden Fall der nächste Schritt kommen.“

von Martin Schmitz-Kuhl (27.03.2017)

Ein Buch, das ich immer wieder lese

Wallace Stevens: Hellwach, am Rande des Schlafs, Hanser, 2011

Buchtipp von Gert Scobel

Mein „Lebensbuch“ ist sicher nach wie vor Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Empfehlen möchte ich hier aber lieber Wallace Stevens Gedichtband „Hellwach, am Rande des Schlafs“. Der 1955 gestorbene amerikanische Lyriker ist in Deutschland leider ziemlich unbekannt. Dabei sind seine Gedichte wirklich grandios. Das sind Texte, die ich immer wieder gerne lese. Stevens ist einer der Menschen, die Dinge sehr genau beschreiben können. Darüber hinaus kann er aber auch zeigen, was hinter diesen Dingen noch ist oder was sie umgibt. Und das ist ja etwas, was man auf den ersten Blick manchmal überhaupt nicht wahrnimmt. Da muss man dann drauf gestoßen werden – und das kann Stevens sehr gut.