Literatur braucht den Resonanzraum Kritik.
Man kann nicht nur das eine bedeutende Buch definieren.
Neuerscheinungen brauchen Zeit, um sich zu bewähren.
Das Bashing zeitgenössischer Literatur ist Unfug.
Der Sommer wird am liebsten in Frankreich verbracht.

Ina Hartwig, Literaturkritikerin

Literaturkritik muss brutal sein

Für die Literaturkritikerin Ina Hartwig ist in ihrem Beruf nicht Objektivität, sondern Haltung gefragt. Im Gespräch macht sie deutlich, was sie von aktuellen Entwicklungen im Literaturbetrieb hält, aber auch was ihr an Frankfurt gefällt und was sie bei der Internetnutzung an Fressorgien der Nachkriegszeit erinnert.

Ina Hartwig ist als gebürtige Hamburgerin zwar ein echtes Nordlicht, schätzt an Frankfurt aber nicht nur die relative Nähe zu Frankreich: „Das kulturelle Angebot ist einzigartig und überhaupt ist Frankfurt als Literaturstadt stark im Kommen.“ 1997 zog sie von Berlin an den Main, um als Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau zu arbeiten. Schon damals gefiel ihr die Internationalität und das Angebot auf engstem Raum: „Das gab und gibt es so in keiner anderen deutschen Großstadt.“

In puncto Veranstaltungen rund ums Buch sieht Hartwig für Frankfurt heute allerdings eher das Luxusproblem der Überversorgung: Die – beileibe nicht nur in Frankfurt – grassierende „Festivalitis“ und das damit verbundene hysterische Schielen auf Preise, Erfolg und Events im Literaturbetrieb ist ihr ein Dorn im Auge. Wobei sie die Arbeit und den intellektuellen Ansatz der Frankfurter Literaturreferentin Sonja Vandenrath sehr schätzt, die Literaturvermittlung erfolgreich an die Kulturwissenschaften andockt. Insgesamt wünscht sich Hartwig eine „längere Halbwertszeit“ für Bücher, dass Neuerscheinungen die Chance bekämen, sich über größere Zeiträume zu bewähren und dass Besprechungen mehr als nur Klappentexte mit Kaufempfehlungen sind. „Ich vermisse das klassische Wochenendfeuilleton, den Essayismus als Form und Gedankenspiel.“ Als positives Gegenbeispiel aus jüngerer Zeit führt sie die Debatte um Christian Krachts Roman „Imperium“ an, über dessen Rezeption sogar ein Band in der edition suhrkamp erschien.

Zurück nach Frankfurt: Die relative räumliche Nähe zu Frankreich hat für Hartwig ganz praktische Vorteile. Als wir uns treffen, ist sie gerade von dort zurückgekehrt, wo sie traditionell die Sommermonate verbringt, um in Ruhe zu arbeiten – was in erster Linie heißt: lesen und schreiben. „Und natürlich Gartenarbeit.“ Frankreich und französische Literatur bedeuteten für sie eine lebenslange (aber keineswegs schwärmerische) Beziehung. Sie studierte in Avignon, promovierte über Proust und Genet und wird sich künftig auch wieder häufiger in Paris aufhalten: Gemeinsam mit der Wiener Filmemacherin Ruth Beckermann dreht sie (Hartwig als Dramaturgin) dort einen Dokumentarfilm über Paul Celan und Ingeborg Bachmann.

Hartwig bezeichnet sich im Gespräch mehrfach als „überzeugte Westfrau“, betont aber die wichtige Rolle Osteuropas und vor allem Polens für die zeitgenössische Literatur – und hat ein Faible für das barocke Temperament der Sachsen: Niemand in Deutschland könne so gut reden wie die Sachsen, sagt sie, und nennt so unterschiedliche Autoren wie Durs Grünbein, Uwe Tellkamp und Clemens Meyer. Für das bei einigen ihrer Kollegen beliebte „Bashing“ junger, zeitgenössischer Literatur hat sie kein Verständnis – auch wenn sie sich in der Auswahl ihrer Lektüre durchaus „Desinteresse erlaubt“. Für „Entdeckungen in kleinen Portionen“ empfiehlt Hartwig Literaturzeitschriften wie das Schreibheft und Sinn und Form, BELLA triste und Edit.

Wie sie als Alfred-Kerr-Preisträgerin zur Laienkritik im Internet steht, frage ich: „Ach, das quält mich nicht – grundsätzlich ist es ja erfreulich, dass so viel geschrieben und nachgedacht wird, und manchmal finde ich die Beiträge erstaunlich bis amüsant. Hobbyschreiber sind eben Hobbyschreiber, als überzeugte Demokratin muss ich es gutheißen, wenn sich LeserInnen Ausdruck verschaffen.“ Schwieriger findet sie es, wie bei Amazon („dem zerstörerischen Giganten“) Laienkritik als Verkaufsstrategie missbraucht wird, oder wie beispielsweise durch (Literatur-)Blogs eine teilweise nervende Egomanie entstanden sei. Das Internet als solches will Hartwig, die sich selbst als Internet-Junkie bezeichnet, aber keinesfalls verteufeln: „Beim Daddeln habe ich schon die interessantesten Entdeckungen gemacht.“ Vielleicht könne man den Umgang mit dem vergleichsweise jungen Medium Internet mit den Fressorgien der Nachkriegszeit und dem Wirtschaftswunder der 1950er-Jahre vergleichen: Erstmal stopfen sich alle voll, die Mäßigung und der richtige Gebrauch müssen dann noch gefunden werden, ganz im Sinne von Foucaults diätetischem Ansatz.

Die Leitmedien in Gestalt der großen Zeitungen haben für Hartwig dennoch absolute Daseinsberechtigung, auch um der Deprofessionalisierung, siehe Laienkritik, etwas entgegenzusetzen: „Literatur braucht den Resonanzraum Kritik – und die basiert auf Professionalität, Fachwissen, Ausbildung, Handwerk.“ Literaturkritik sei ihrem Wesen nach brutal und müsse brutal bleiben, Hartwig gerät in Fahrt: „Mit Gerechtigkeit hat das nichts zu tun. Kritik kann nicht objektiv sein – KritikerInnen müssen eine Haltung haben, und diese Haltung speist sich aus der eigenen literarischen Biografie, Leseerfahrung, dem eigenen Geschmack und gewachsenen historischen Bezügen.“ Ob sie eine strenge Lehrerin wäre, möchte ich wissen, sie lacht: „Streng zu den Schülern wäre ich nicht – streng in der Methode, ja, das schon. Aber Strebertum ist mir zuwider.“

Die Studierenden am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig werden Hartwigs Methoden bald überprüfen können: Im kommenden Wintersemester wird sie zwei Kurse für angehende SchriftstellerInnen geben. Einen zur Poetik der Kindheit („ich finde es wichtig, sich über die eigene Vergangenheit bewusst zu sein und das auch zu artikulieren“), einen weiteren über das Schreiben über Literatur (auch die eigene). Während der Vorlesungszeit wird sie, ganz  überzeugte Westfrau, zwischen Frankfurt und Leipzig pendeln.

Wofür interessiert sich Ina Hartwig neben der Literatur – sie lacht wieder: „Für Literatur!“ Dann, ernster: „Ich würde mich gern sozial stärker engagieren, interessiere mich für Politik, lese weiterhin leidenschaftlich gern Zeitung – ich halte Zeitunglesen für eine staatsbürgerliche Pflicht! –, für Kunst, besonders Malerei, für die Oper, Musik überhaupt, zu Hause wird Jazz gehört (von Schallplatte, das ist Ehrensache).“ Ins Theater treibt es sie selten: „Ich schaue lieber Filme – das Frankfurter Filmmuseum ist großartig! Die Retrospektiven – wunderbar! Ich genieße es, mal keine Kritikerin zu sein. Ich liebe den schwarzen Kasten, den Kinosaal, in dem man gemeinsam mit anderen Menschen abtaucht. Das hat etwas Feierliches. Überhaupt mag ich Räume wie Bibliotheken, Museen oder eben das Kino. Und große Bahnhöfe!“

von Christina Mohr (21.10.2014)

Ein aktuelles Buch, das ich gerne empfehle

Marie NDiaye: Ladivine, Suhrkamp Verlag, 2014

Buchtipp von Ina Hartwig

„Ein Drama mit tragischen Ausmaßen: Die französische Autorin Marie NDiaye erzählt in ihrem jüngsten Roman von drei Frauen, deren Herkunft ihren Untergang bedeutet. Eine Geschichte dreier Generationen zwischen Afrika, Berlin und französischer Provinz im globalen Zeitalter. Marie NDiaye veröffentlichte mit 17 ihren ersten Roman und lebt seit 2007 mit ihrer Familie in Berlin. Ich prophezeie, dass NDiaye sogar irgendwann den Literaturnobelpreis bekommen wird.“