„Ich habe ein einziges Mal ein Buch auf einem E-Reader gelesen. Eine Verzweiflungstat.“
Boos ist ständig auf Reisen. Der Vorteil: Dabei hat er viel Zeit zum Lesen.
„Eigentlich sollte die Buchmesse besser Menschenmesse heißen.“
Ein Geschenk aus Indonesien – Gastland 2015
Der Schreibtisch ist gleichzeitig großer Besprechungstisch.

Juergen Boos, Direktor, Frankfurter Buchmesse

Bücher. Inhalte. Menschen.

Einmal im Jahr ist Frankfurt das internationale Zentrum der Buchwirtschaft. Und auch der Buchkultur. Vor allem jedoch ist Frankfurt in dieser Zeit Treffpunkt für Bookster aus allen Herren Länder. Dafür sorgt nicht zuletzt einer: der Direktor der Frankfurter Buchmesse, Juergen Boos.

Zuerst eine Frage nicht an den Buchmesse-Chef Juergen Boos, sondern an den Bookster Juergen Boos: Was hat Sie zum Buch gebracht?

Tatsächlich das Lesen. Ich habe schon immer wahnsinnig viel gelesen und bin quasi in der Stadtbibliothek aufgewachsen. Mein Onkel hatte auch eine Buchhandlung. Und als ich ihn dann nach der Schule etwas orientierungslos fragte, was ich machen soll, empfahl er mir, in den Verlag zu gehen. Da sah er wohl langfristig die größeren Chancen als im Buchhandel. Allerdings habe ich dann eine Verlagsbuchhändlerlehre bei Herder gemacht – und zu der Ausbildung gehörte auch, dass ich mal ein paar Monate hinter dem Tresen einer Buchhandlung stand.

Lesen Sie jetzt immer noch viel oder bleibt dafür gar keine Zeit mehr?

Doch, natürlich. Es ist Teil meines Jobs, dass ich wissen muss, was sich in der Literatur und in der Branche tut. Viele Dinge muss ich auch einfach lesen, weil ich in der Jury von diversen Buchpreisen sitze. Dann beschäftige ich mich selbstverständlich viel mit dem Gastland – und eben nicht nur mit dem Gastland des aktuellen Jahres, sondern bereits mit denen der nächsten beiden Jahre. Und daneben lese ich nach wie vor – quasi privat – all die Dinge, die mich darüber hinaus interessieren.

Und wie lesen Sie? Auf dem Reader, dem Tablet, den Smartphone – oder ganz klassisch Print?

Ich lese in aller Regel auf Papier. Ich habe natürlich alles andere ausprobiert, aber es hat sich einfach nicht bewährt. Ich habe ein einziges Mal ein ganzes Buch auf einem E-Reader gelesen, weil ich auf einer Reise überhaupt nichts mehr auf Papier gefunden habe. Das war eher so eine Verzweiflungstat. Ich weiß noch, das war ein Buch von Hertha Müller. Und auch da muss ich sagen: Ich hätte es lieber auf Papier gelesen.

Gleichzeitig waren Sie einer der Ersten, die das Thema E-Books mit Nachdruck auf die Tagesordnung gesetzt haben. Einmal haben Sie die Digitalisierung mit dem Urknall verglichen, der die Gutenberg-Galaxis komplett umwandeln wird. Geht es nicht etwas kleiner?

Urknall war sicher ein sehr starkes Bild. Aber die Veränderung, die ja gerade erst begonnen hat, ist schon enorm. Und da geht es nicht nur um E-Books. Das kann man in anderen Ländern vielleicht noch etwas deutlicher beobachten. Nehmen Sie die USA: Da ist ein Großteil der Verlage einfach verschwunden. Da gibt es jetzt nur noch fünf große Verlagsgruppen. Und beim Buchhandel ist gerade mal noch eine Kette übrig geblieben. Von Vielfalt kann man da nicht mehr reden. Das ist zwar keine Blaupause für Deutschland – schließlich haben wir hier Dinge wie die Buchpreisbindung, den reduzierten Mehrwertsteuersatz und nicht zuletzt ein gut funktionierendes Buchhandelssystem –, es wäre aber naiv zu glauben, dass wir hier nicht auch noch vor weiteren gravierenden Umwälzungen stehen würden. Auf der anderen Seite – und auch darum ging es bei der Urknall-Analogie – haben wir heute mehr neue Branchenteilnehmer, die in neuen Bereichen arbeiten, als je zuvor. Wir beteiligen uns zum Beispiel an mehreren Nachwuchspreisen. Und hier geben 80 Prozent der Nominierten Jobbezeichnungen an, von denen vor drei Jahren niemand je gehört hatte. Oder nehmen Sie die Rolle von Autoren: Deren Aktionsradius hat sich in den vergangenen Jahren durch die technischen Möglichkeiten enorm vergrößert.

Steht die Buchmesse ebenfalls vor solchen Umwälzungen? Wie sieht in dieser neuen Welt – sagen wir im Jahr 2050 – denn die Buchmesse aus? Findet diese dann vielleicht nur noch online statt?

Nein, auf keinen Fall. Die Messe gibt es jetzt schon rund 600 Jahre und es wird sie auch noch in 35 Jahren geben. Das, was die Messe auszeichnet, ist die persönliche Begegnung. Das Ding heißt zwar Buchmesse, aber eigentlich sollte es Menschenmesse heißen. Solange es um Geschichten geht, geht es um die Erzähler, um die Menschen, die diese Geschichten herausbringen oder mit ihnen zu tun haben. Beruflich oder privat. Diese Menschen müssen sich irgendwo treffen. Und deshalb wird sich die Messe auch nicht verändern. Ganz abgesehen davon, dass sie sich natürlich permanent verändert.

Zum Beispiel dürfen jetzt erstmals Kinder am Freitag auf die Messe kommen – den Kids Friday. Wir haben schon Stimmen von Ausstellern gehört, die gesagt haben: „Was machen die denn da? Auf der Messe geht es doch um Business und nicht um Kinderbespaßung!“

Die meisten Verlage sehen das nicht kritisch. Wir haben den Kids Friday zusammen mit dem Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann entwickelt. Und das hat durchaus auch einen sozialen Beweggrund. Denn die Lesefähigkeit ist etwas, was nicht nur in sogenannten Entwicklungsländern, sondern künftig auch bei uns regelrecht zum sozialen Unterscheidungsmerkmal gerät. Etwas, was den sozialen Status definiert. Denn nur wer in der Lage ist, längere Texte aufnehmen zu können, wird sich mit gesellschaftlichen und politischen Fragen auseinandersetzen können. Deshalb ist es so wichtig, dass wir Begeisterung fürs Lesen schaffen. Und ganz abgesehen davon, hat das neben diesem sozialen Aspekt auch eine wirtschaftliche Dimension: Denn wenn nicht mehr gelesen wird, haben wir als Branche ein Problem. Kinder sind schließlich die Kunden der Zukunft.

Noch etwas ist neu in diesem Jahr: Ihr Hauptsponsor...

Ja, Samsung ist auf uns zugekommen und hat gesagt: Wir sind eigentlich eine Hardware-Firma, aber uns ist klar geworden, dass wir ohne Inhalte nicht weiterkommen. Und wie andere – wie Google, Facebook, Amazon – wollen wir von den Verlagen Inhalte bekommen bzw. auch eigene Inhalte haben.

Gegenüber diesen anderen Technologieunternehmen hört man von Ihnen ansonsten eher kritische Worte. So haben Sie letztes Jahr kritisiert, diese würden „goldene Käfige“ bauen, aus denen die Nutzer nicht mehr rauskämen.

Ja, das ist auch so. Aber umso mehr sich um einen Kuchen streiten, desto mehr Wettbewerb gibt es. Ich will ja als Nutzer eine Wahl haben können.

Zum Schluss eine Frage zu Frankfurt: Die Stadt wird ja insbesondere durch die Buchmesse zur Buchstadt. Wie ist das die restlichen 360 Tage im Jahr? Wie nehmen Sie die Buchstadt wahr?

Ob eine Stadt eine Buchstadt ist, ist nicht abhängig von der Zahl der Verlage. Entscheidend ist: Was passiert rund um das Buch und rund um das Lesen? Und ich denke, in diesem Sinne ist Frankfurt auf jeden Fall eine Buchstadt. Und für mich ist Frankfurt sogar eine ganz besonders spannende Buchstadt, weil sie so international ist. 

von Martin Schmitz-Kuhl (07.10.2014)

Ein Buch, das mich mein Leben lang begleitet

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht, Diogenes, 2007 (1934)

Buchtipp von Juergen Boos

„Ich habe früher als Jugendlicher eigentlich alles von Fitzgerald gelesen. Allerdings nur auf Deutsch und deshalb versuche ich das jetzt alles noch mal auf Englisch zu lesen. Fitzgerald wird ja immer mit dem Great Gatsby gleichgesetzt, aber ich finde „Zärtlich ist die Nacht“ wesentlich vielschichtiger, düsterer und bewegender. Der Roman ist autobiografisch und es geht nicht zuletzt um psychische Seelenleiden. Und lustigerweise habe ich jetzt in Finnland gerade eine Frau kennengelernt, deren Großvater der Psychiater von  Fitzgerald war. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass mich dieses Buch mein ganzes Leben wie ein roter Faden begleitet.“