Björn Borg im Buch, ein Hefe im Glas – was braucht man mehr?
Die „Normalkneipe“ ist Roths zweites Zuhause. Zum Ausbügeln der „sozialen Dellen des Schreibens“.
Der Arbeitsplatz. Eine Tastatur und was man sonst noch so braucht.
Die Titanic hat ihn nach Frankfurt gelockt. Prägende Einflüsse.
Der Kiosk ums Eck, Teil der notwendigen Infrastruktur.

Jürgen Roth, Autor

„Ich bin kein großer Ausdenker“

Was Heribert Faßbender, Verona Feldbusch, Bier, Deep Purple und Birken gemeinsam haben? Über all das hat Jürgen Roth Bücher geschrieben. Und über vieles mehr. Porträt eines Autors jenseits der Schublade und überzeugten Gallusianers.

Die Wirtin der Normalkneipe im Frankfurter Gallusviertel muss nicht lange überlegen, als es um ihren Stammgast geht. „Der sitzt nie am Tisch, den finden Sie immer an der Theke“, sagt sie und behält auch an diesem Abend recht. Jürgen Roth hat auf einem der Barhocker Platz genommen, den Drehtabak vor sich auf dem Tresen. Meist kommt er direkt vom Schreibtisch, der nur wenige Straßen entfernt in einem Hinterhaus steht, hierher. „Wenn ich den ganzen Tag autistisch vor mich hingewerkelt habe, muss ich abends mal raus“, sagt Roth und bestellt ein Weizenbier. „Die Arbeit ist schön, aber sie verursacht soziale Dellen.“

Wenn der Mann in Jeans, Holzfällerhemd und Lederjacke solche Sätze sagt, schwingt da immer auch eine gewisse Ironie mit. Aber kein Zweifel, Jürgen Roth weiß, was es bedeutet, seine Zeit mit dem Schreiben zu verbringen und dabei allein zu sein. Rund 50 Bücher gehen auf sein Konto, wie viele es genau sind, weiß er selbst nicht – behauptet er zumindest. „Ich habe aufgehört zu zählen“, sagt Roth so lapidar, als sei es eine abwegige Idee, sich über das eigene Werk einen genauen Überblick zu verschaffen.

Das Repertoire reicht von wissenschaftlich unterfütterter Gesellschafts-Analyse in „Benehmt Euch“ (zusammen mit Stefan Gärtner) über „Verona Feldbusch: Roman eines Lebens“ bis hin zur Erzählung „Unter keinem Wipfel ist Ruh“ und dem Briefroman „Reise durch Franken“. Dazu gesellen sich Reportagen, Reiseberichte und Kommentare für Zeitungen wie F.A.Z. und FR sowie in wachsender Zahl auch Hörstücke. Passt so einer wie er überhaupt in irgendeine Schublade? Bei der Einordnung tut sich der Autor selbst schwer. „Es ist ein Bauchladen an Gattungen und Tonlagen, das hat mit der Heterogenität meiner Interessen zu tun“, sagt er.

Wenn es etwas gibt, das all das eint, dann ist das Lust am Hantieren mit der Sprache, polemischer Humor – und die Neugier auf die Realität. Roth weist mit der Hand nach draußen, durch die geöffnete Tür der Normalkneipe auf den Gehsteig der abendlichen Frankenallee. „Ich bin kein großer Ausdenker, man muss sich nur umschauen, es liegt genug Material herum“, sagt er. Dazu zählt auch das Viertel, in dem er seit 20 Jahren lebt, die Gaststätte, an deren Theke er nahezu jeden Besucher mit Namen kennt. Vor zwei Jahren etwa hat er die Kommentare der Anwesenden während der EM-Spiele 2012 aufgenommen und zu einem Hörstück verwoben.

Überhaupt, der Fußball – noch so ein roter Faden, der sich durch viele seiner Arbeiten zieht. Den Grundstein legt der bekennende FC-Bayern-Fan 1996 mit einem satirischen Standardwerk über die heute allgegenwärtige Kritik an Fußballreportern. „So werde ich Heribert Faßbender“ heißt das Werk, das dem Leser eine endlose Reihe von Sprüchen („Das ist eine Rasur für die Rumänen“) an die Hand gibt. „Zusammengeschustert“ hat es Roth, wie er selbst sagt, mit seinen beiden Kollegen Thomas Gsella und Heribert Lenz in der damaligen Nordendkneipe „Horizont“. Sein Stolz über die Plattitüden-Sammlung hält sich in Grenzen, wie er schmunzelnd bekennt: „Ich verfluche das Buch, aber es ist ein Bestseller.“

Das „Horizont“ ist damals Treffpunkt vieler „Titanic“-Schreiber – und das Satiremagazin ein Grund, warum es den Sohn eines Bundeswehr-Offiziers nach zahllosen Ortswechseln Anfang der 1990er-Jahre überhaupt an den Main zieht. Eckhard Henscheid liest Roth, Jahrgang `68, damals schon lange, schließlich lernen sie sich kennen. Heute ist Henscheid ein literarischer und menschlicher Fixpunkt für den Autor Roth – der andere ist der unlängst mit dem Glaser-Preis ausgezeichnete Schriftsteller Ror Wolf.

Wer nach Parallelen in den Arbeiten von Roth und seinen „Förderern“, wie er sie selbst nennt, sucht, wird schnell fündig. Mit Henscheid verbindet ihn die Lust an der Vielfalt der Formen, bei Wolf meint man zum Beispiel die Zuneigung zum Fußball als literarischen Gegenstand wiederzuerkennen. Wobei, für eines hat Roth gar nichts übrig: Die feuilletonistische Überhöhung des Ballsports als soziales Phänomen, an dem sich alles Mögliche ablesen lässt.   

Wer ihn selbst nach Einflüssen und wichtigen Leseerfahrungen fragt, bekommt freilich nicht nur diese beiden Namen genannt, sondern viele andere, die in seiner rund 9.000 Bücher starken Bibliothek zu finden sind: Dostojewski zählt er ebenso dazu wie Beckett, Kafka oder T.S. Eliot. Geradezu ins Schwärmen gerät Roth allerdings bei Jean Paul:  „Dessen Haltung zur Welt behagt mir sehr.“ Nimmt er bei dieser Gelegenheit eigentlich auch seine eigenen Bücher zu Hand? „Das Wenigste lese ich mit Gewinn und Behaglichkeit wieder“, gesteht Roth. Das klingt nach harter Selbstkritik – oder scheut da einer nur das Selbstlob und kokettiert mit einer gewissen Unzufriedenheit über sich selbst und seine Arbeit? „Nein“, widerspricht Roth, „es ist eher eine Art produktiver Unzufriedenheit. Mich springen dann beim Lesen  Kleinigkeiten an, die nicht stimmen – einzelne Worte oder Satzrhythmen.“

Seine eigene Haltung zur Welt hat Roth – gemeinsam mit Titanic-Autor Stefan Gärtner – vergangenes Jahr in der Streitschrift „Benehmt Euch“ eindrücklich niedergeschrieben. Zitat- und wortreich zeichnen Roth und Gärtner darin das Bild einer aggressiven, lauten, ichbezogenen Gegenwart, die halbwegs gute Manieren, Rücksicht und Gemeinschaftssinn vermissen lässt. Die „Verrottung aller Lebensumstände“, so die Überzeugung des Duos, „schreitet unaufhaltsam voran“. Klingt nach der altbekannten „Früher war alles besser“-Leier – oder doch nicht? „Das ist keine konservative Moralpredigt“, wehrt sich Roth, räumt aber ein, dass er die „freundlichen, non-konformistischen Zeiten“, die noch während seines Studiums geherrscht haben, irgendwie vermisst. „Ich bin ein sentimentaler Mensch“, sagt er und fügt noch hinzu: „Das dürfen Sie gerne schreiben.“

von Jens Holst (04.11.2014)

Ein Buch, das ich mit Rinderzungen preise

Martha Gellhorn: Reisen mit mir und einem anderen: Fünf Höllenfahrten, Dörlemann, 2012

Buchtipp von Jürgen Roth

Ein Buch, das auf eine angenehme Art snobistisch ist. In ihren biografischen Texten berichtet die Schriftstellerin, die in den 40er-Jahren mit Ernest Hemingway verheiratet war, über Reisen, die komplett danebengegangen sind. Ein Schinken mit fast 600 Seiten, den ich in einem Rutsch durchgelesen habe: Geprägt von mitreißender erzählerischer Verve und präzise in der Wahrnehmung. Gerade Letzteres ist eine alte Tugend, die in verquasselten Zeiten wie diesen leider oft untergeht.