Seit 21 Jahren ist Weber der Kopf des Moritz Verlages.
Leserpost. Im Moritz Verlag stammt sie auch von jungen Lesern.
Unverlangte Manuskripte: 200 trudeln pro Jahr ein.
Internationale Ausrichtung: Viele Titel erscheinen in mehreren Sprachen.
Dem Moritz Verlag geht es gut. Das entspannt.

Markus Weber, Moritz Verlag

„Es muss sofort losgehen“

Bilderbücher für Kinder gibt es viele, besondere gibt es im Moritz Verlag. Das liegt auch an Verlagsgründer und -leiter Markus Weber. Ein Porträt, das von der Pfalz über Zürich, Kairo und Weinheim durch Südamerika bis ins Nordend führt.

„Ein blauer Hund steht am Fenster. Ein Mädchen sieht ihn. Sie mögen sich, sie will ihn behalten. Die Eltern aber verbieten es.“ So beginnt „Blauer Hund“ der französischen Autorin Nadja. Die Geschichte geht weiter, wird dramatisch und endet gut. Ein großformatiges Buch, ungefähr LP-Größe, in dem auch die Bilder den Platz bekommen, den sie brauchen. Später zeigt mir Markus Weber „Der rote Kater“ von Grégoire Solotareff. Hierfür geht er in die andere Ecke seines kleinen, vollen, aber irgendwie sehr ordentlichen Büros und zeigt mir das Buch fast wie einen Film. Die ganze Wucht der einfachen Erzählung über Freundschaft und Außenseiter wird spürbar, die famosen Bilder haben den Raum, den sie brauchen.

Markus Weber ist Gründer und Leiter des Moritz Verlags. Das Büro liegt zwischen Merianplatz und Mousonturm, keine schlechte Ecke für einen Kinderbuchverlag, lebhaft und mittendrin. Auf dem Tisch liegen zwei Programmkataloge, der der ersten Stunde und der aktuelle. Einundzwanzig Jahre liegen dazwischen, trotzdem sehen sie sich sehr ähnlich, gleiches Format, gleiches Layout, eine Illustration desselben Autors (Zufall). Nur der Umfang hat sich verdoppelt.

Markus Weber erzählt, wie es angefangen hat. Er kommt aus Meisenheim am Glan, einem Städtchen, idyllisch gelegen im Nordpfälzer Bergland. Im nahen Bad Kreuznach macht er eine Lehre zum Buchhändler. Er bekommt die Möglichkeit, im Zürcher Diogenes Verlag eine „Stage“ zu machen, also ein Volontariat. Es sind die Tage, an denen der Verlag gerade die Dürrenmatt-Gesamtausgabe vorbereitet. Immer wieder hört er seinen Chef mit „Fritz“ telefonieren. Seine Neugier auf das Verlagsgeschäft und seine Reiselust sind angestachelt. Die nächste Station ist Kairo. Dort arbeitet er in der deutschen Buchhandlung, danach lernt er in Perugia Italienisch. Anfang der Achtziger folgt der Wechsel zu Beltz&Gelberg, wo er als Jochen Gelbergs Assistent bald das Lizenzgeschäft betreut. Es sind gute neun Jahre. Und dann? „Ich hatte Angst, nach dem zehnjährigen Dienstjubiläum dort hängenzubleiben und nichts anderes mehr zu machen“, sagt er. Also verlässt er Anfang der Neunzigerjahre den Beltz&Gelberg Verlag und verbringt ein halbes Jahr in Südamerika. Er reist herum, die nächste Busverbindung beschäftigt ihn mehr als seine berufliche Zukunft. Die Gelassenheit lohnt sich. Als er wieder nach Frankfurt kommt, wartet die Nachricht, er möge sich bei „L´école des loisirs“ melden. Den renommierten französischen Kinderbuchverlag kennt Weber aus seiner Zeit bei Beltz&Gelberg. Jetzt sucht er jemanden, der mit seinen besten Titeln auf den deutschen Markt gehen möchte. So entsteht der Moritz Verlag und so kommt es, dass im ersten Programm im Herbst 1994 alle vierzehn Titel aus Frankreich stammen.

Die Ausrichtung des Verlags ist bis heute international. Weber hat über seine Erfahrungen im Lizenzgeschäft ein exzellentes Netzwerk aufgebaut, viele Titel erscheinen zugleich in mehreren Sprachen, was wiederum Druckkosten spart. Die Märkte sind dabei jedoch sehr unterschiedlich. Ein Beispiel: Antje Damms berühmtes „Frag mich“ ist sowohl auf Dänisch als auch auf Färöisch erschienen, zudem in vielen anderen Sprachen, aber zum Beispiel nicht auf Schwedisch. „Das verstehe ich bis heute nicht“, wundert sich Weber, „die Schweden müssten eigentlich verrückt danach sein.“

Nicht alles lässt sich planen. Woher etwa kommt der enorme Erfolg von „Alle Welt“? Das Landkartenbuch von Aleksandra Mizielinska und Daniel Mizielinski ist in der siebten Auflage und aktuell der erfolgreichste Titel im Verlag. Ganz erklären kann das auch der erfahrene Verleger nicht. Kaufentscheider bei Kinderbüchern seien die Eltern, meistens. Atlanten seien gefragt, viele Kinder bekämen irgendwann einen geschenkt. „Alle Welt“, so Webers Vermutung, lädt ein zum Entdecken und Wiedererkennen, es steckt voller Details. „Die Bordüre ist auf jeder Seite und für jedes Land unterschiedlich.“

Moritz-Bücher erkennt man. Es sind Geschichten, die mit einer sehr klaren Bildsprache erzählt werden. Der Umstand, dass der Verlag mit einem – wenn auch in Deutschland weitgehend unbekannten – Starensemble gestartet ist, prägt die Auswahl der Titel. „Experimentelle Bilderbücher überlasse ich anderen Verlagen“, meint Weber. Dabei ist sein Programm keineswegs konservativ. Bei der Neuerscheinung „Klapp auf, klapp zu!“ von der Portugiesin Madalena Matoso wird das Buch zur Geräuschquelle, was Markus Weber mit sichtlichem Spaß vorführt. Ein Buch fiel schon beim ersten Programm aus dem Rahmen. „Das kleine Museum“ von Alain Le Saux und Grégoire Solotareff verbindet Ausschnitte aus berühmten Bildern der Kunstgeschichte mit alphabetisch geordneten Begriffen. „Eine geniale Idee“, findet Markus Weber, ein Bilder-Buch als Buch der Bilder.

Dem Moritz Verlag geht es gut. Zweieinhalb feste Stellen gibt es, um Grafik und Lizenzen kümmern sich bewährte Partner. Manchmal überlegt Markus Weber, noch jemanden einzustellen. Aber er will flexibel bleiben und nicht wachsen müssen. Ein Verlag mit hochwertigen Büchern, konzentriert in Umfang und in der Ausrichtung – das Konzept geht auf und die Anerkennung ist hoch. Das Bilderbuchmuseum in Troisdorf richtete schon zum 15-jährigen Verlagsjubiläum eine Retrospektive aus.

Die Balance zwischen nüchternem Geschäftssinn und großer Begeisterungsfähigkeit prägt Markus Weber. Verkaufen sich Bücher gut, d.h. ist die Auflage nach zwei oder drei Jahren weg, wird neu aufgelegt. Wenn nicht, kann es vorkommen, dass ein Titel irgendwann gar nicht mehr lieferbar ist. Einen Titel würde er aber immer wieder auflegen, egal, wie gut er sich verkauft, den „Blauen Hund“. Weber hängt an diesem Buch, es berührt ihn noch immer, das wird spürbar. Er kann es aber auch benennen: Der Blaue Hund habe das, was ein gutes Kinderbuch ausmacht: „Es muss sofort losgehen, es muss einen Höhepunkt geben, ein gutes Ende und eine klare Identifikationsfigur.“ Denn durch ein Bilderbuch geht man nie alleine.

von Jakob Hoffmann (01.09.2015)

Ein Versuch, mit den Eltern über Pflege, Krankheit und Tod zu sprechen

Roz Chast: Können wir nicht über was anderes reden?, Rowohlt, Sept. 2015

Buchtipp von Markus Weber

Darf ich das? Ein Buch empfehlen, das ich noch nicht zu Ende gelesen habe? Weil es bislang nur eine 84-Seiten-Leseprobe des insgesamt 236-seitigen Bandes gibt. Aber schon die hat mich ungemein fasziniert und bewegt. Es ist die Geschichte der Eltern der Zeichnerin Roz Chast, die als alte Leute etwas verwahrlost in Brooklyn leben. Die Versuche, mit ihnen über Pflege, Krankheit und Tod zu sprechen, münden stets in ein „Können wir nicht über was anderes reden?“ Eine berührende Graphic Novel, die das ambivalente Verhältnis erwachsener Kinder zu alten Eltern großartig beschreibt und ab September lieferbar ist.