Petra Noack schlägt ein neues Kapitel auf: Sie ist jetzt Inhaberin von TFM.
Gute Bücher, gute Tropfen
Brasilien ist hier nicht nur zur WM ein Thema.
Die zweite Amtssprache im TFM ist Portugiesisch.
„Privat lese ich auch gerne japanische Literatur.“

Petra Noack, Buchhändlerin, TFM

Brasilien. Bortugal. Bockenheim

Hinter dem nüchternen Kürzel TFM verbergen sich die wichtigste portugiesischsprachige Buchhandlung des Landes, ein Verlag – sowie unzählige Geschichten. Seit April ist die langjährige Mitarbeiterin Petra Noack die neue Inhaberin.

 

Für viele Karrieren gibt es Initialzündungen: eine prägende Erfahrung, ein Erlebnis der besonderen Art oder eine Liebe zu jemandem oder zu etwas. Petra Noacks erste Begegnung mit der portugiesischen Sprache war weniger von Passion denn von Pragmatismus geprägt. Die Leipziger Studentin der Romanistik suchte neben Französisch noch eine zweite Sprache für ihr Studium. Spanisch war völlig überlaufen, der italienische Sprachraum zu begrenzt, es blieb eine Sprache mit einer immensen Verbreitung: Portugiesisch! Gegen Ende ihres Studiums suchte Noack einen Praktikumsplatz und fand ihn 1998 bei Teo Ferrer Mesquita, kurz: TFM. Ursprünglich mal Ingenieur, hatte Ferrer Mesquita 1980 in Frankfurt das Centro do Livro e do Disco (früher Platten, heute CDs) de Língua Portuguesa gegründet und leitete es seitdem erfolgreich. 16 Jahre nach ihrem Praktikum und um unterschiedlichste Erfahrungen und Begegnungen reicher, führt Noack Buchhandlung und Verlag im Sinne des „Erfinders“ weiter.

TFM importiert Bücher und Musik aus dem portugiesischsprachigen Ausland. 100 Kilogramm Text werden aus Portugal angeliefert, jede Woche. Zweimal im Monat kommt eine große Kiste Gedrucktes aus Brasilien, gut 120.000 Minuten Musik, einige Liter guter Wein und ein paar Tropfen bestes Öl. Das in etwa ist die Mischung, die TFM - Centro do Livro e do Disco de Língua Portuguesa ausmacht. Was von außen erscheint wie eine „normale“ Buchhandlung in Bockenheim, ist die dienstälteste und nach wie vor wichtigste deutsche Vertretung für Bücher und Musik in portugiesischer Sprache. Ein großer, lichtdurchfluteter Raum, gefüllt mit Wissen, Geschichten und Fragen. Mit Erinnerungen an ferne Länder, Andenken guter Freunde und einer Kaffeemaschine, aus der natürlich portugiesischer Delta Café aus den passenden Tassen serviert wird.

„Wir können eigentlich alles besorgen“, sagt Noack. Alles jedenfalls, was im „lusophonen“ Sprachraum herausgegeben wird. Und der ist groß. Portugiesisch wird nicht nur in Portugal und Brasilien gesprochen, es ist auch Amtssprache in Angola, Mosambik, São Tomé und Príncipe, auf Kap Verde und in Guinea-Bissau. Und auch Osttimor und Macao sind lusophone Länder. Doch obwohl es 250 Millionen Muttersprachler gibt, ist das Geschäft hierzulande ein Nischenmarkt. Der größte Teil der verkauften Bücher sind Sprach-Lehrwerke und zweisprachige Bücher.

Wo sich TFM befindet, spielt eigentlich keine Rolle. „Man könnte das Geschäft auch von Kleinkleckersdorf aus betreiben“, sagt Noack und lacht. 80 Prozent macht der Versand aus. Und der geht nach ganz Deutschland, manchmal über die Grenzen hinaus. Seit der Gründung pflegt TFM unzählige Kontakte in den portugiesischen Sprachraum und ist in den Verlagsszenen der lusophonen Länder bestens bekannt. Über die Märkte hält sich die wissbegierige Noack vor allem über die persönlichen Kontakte und über Recherchen im Internet auf dem Laufenden. Sie ist Kennerin und interessiert sich weniger für den Mainstream. So findet sich hier nicht jede portugiesischsprachige Kopie von „Shades of Grey“ oder die brandneue brasilianische Vampirsaga im Laden. Sie hat den Anspruch zu wissen, was in der Szene los ist. Und so selbstverständlich, wie für sie in den Laden die Literatur aus Mosambik gehört, liegt hier auch eine portugiesischsprachige Ausgabe der „Raupe Nimmersatt“.

Die Bestellungen von Büchern portugiesischer Verlage bündelt ein kleines TFM-Büro in Lissabon. In Brasilien bearbeitet eine Agentur die Bestellungen an die Verlage. Und in Deutschland eben der Laden in Bockenheim. Von heute auf morgen liefert TFM nicht. Der Anschluss an ein Barsortiment wäre zu teuer. Dennoch kommt niemand so schnell an die Bücher wie die Expertin aus Frankfurt. „Amazon ist für uns noch kein Problem“, sagt Noack. In Portugal ist der Internetgigant noch nicht vertreten, in Brasilien werden dort (vor allem) E-Books vertrieben und in Deutschland bietet er nicht das, womit TFM punktet: Expertise und persönliche Beratung.

Der Verlag TFM macht seit jeher den kleinsten, aber nicht minder wichtigen Teil der Arbeit aus – etwa fünf bis zehn Prozent. Lizenzen, gerade für zweisprachige Bücher, sind teuer und der bürokratische Aufwand von der Vertragsverhandlung bis zur Produktion des Buches ist vergleichsweise groß. „Wir verlegen Bücher, wenn wir sie uns leisten können“, sagt Noack. Der Bestseller im Verlag ist der Titel „Ein Brasilianer in Berlin“ von João Ubaldo Ribeiro. „Ein humorvolles Buch, das sowohl für Deutsche geeignet ist, die Portugiesisch lernen möchten, als auch für Muttersprachler, die nach Deutschland kommen“, sagt Noack. Der Verlag publiziert aber auch wissenschaftliche Publikationen in Zusammenarbeit mit portugiesischsprachigen Instituten. Eigene Autoren zu vertreten, wäre zu aufwendig. Dennoch veranstaltet TFM seit jeher Lesungen mit Autoren, die etwa vom Centro Cultural Brasileiro nach Deutschland eingeladen werden, und ist Mitveranstalter der Reihe „Brasilesen“. Das sicher berühmteste Buch im Verlag ist eine zweisprachige Ausgabe der „Geschichte von der unbekannten Insel“ von Literaturnobelpreisträger José Saramago. Ein literarischer Schatz. Die Lizenz war ein Geschenk des weltbekannten Literaten an TFM-Gründer Ferrer Mesquita, der ihn zu Lesungen eingeladen hatte, lange bevor Saramago zum „Star“ wurde.

Klar ist: TFM ist weit mehr als eine portugiesischsprachige Buchhandlung. Es ist ein Zentrum der portugiesischsprachigen Kultur. Während der Buchmesse im letzten Jahr hat TFM im Pavillon des Gastlandes Brasilien eine mobile Buchhandlung betrieben: „Wir waren der einzige Ort auf der Buchmesse, an dem die Bücher der geladenen Autoren auch verkauft werden konnten“, so Noack. Sie freut sich, dass Brasilien „im Kommen“ ist – nicht nur in puncto Fußball. Zweimal im Jahr verwandelt sich die Buch- in eine Weinhandlung, in der ausgewählte Weine und bestes Öl aus Portugal verkostet werden. „Die Weinproben sind regelmäßig ausgebucht.“ Noack mag es, wenn sich der Laden ab und zu füllt und so veranstaltet sie seit Neuestem einen monatlichen Lesekreis. „Die Menschen haben gerade heute ein großes Bedürfnis nach „echten“ Unterhaltungen“, sagt sie. Die Resonanz auf die Veranstaltung gibt ihr recht: „Es haben viele, sehr unterschiedliche Menschen zusammengefunden“, erzählt sie. Eine Mischung, so bunt wie die portugiesische Welt.

Noack ist (lange) gelandet. Auf ihrer portugiesischsprachigen Insel mitten in Bockenheim. Mühelos und mit viel Geduld wechselt sie am Telefon zwischen deutsch und portugiesisch hin und her. Die Arbeit hier ist so vielseitig wie kaum eine im Verlagswesen, denn auf der Insel heißt es: Selbermachen! Von der Buchhaltung über das Päckchen packen, von der Bestellung bis zum Lektorat, von der Online-Redaktion bis zum Eventmanagement. Ein Fulltime-Job – learning by doing, bei dem sie aufpassen muss, dass noch etwas vom Wochenende bleibt. Eine Alternative hätte es für sie nicht gegeben. Und für TFM auch nicht.

 

 

von Nina Schellhase (03.06.2014)

Ein „leckeres“ Buch, das bisher noch gefehlt hat

Rita Cortes Valente de Oliveira und Alexandra Klobouk: Die portugiesische Küche, Antje Kunstmann Verlag, 2014

Buchtipp von Petra Noack

„Ein Buch, das mir gerade in die Finger gekommen ist und wirklich eine Marktlücke füllt, ist: „Die portugiesische Küche“ von Alexandra Klobouk (Illustration) und Rita Cortes Valente de Oliveira. Das Buch ist wunderschön illustriert und toll fotografiert. Außerdem erfährt man darin viel über die hierzulande noch recht unbekannte portugiesische Küche.