Wie verhält sich das, was gesagt wird, zu dem, wie es gesagt wird?
2006 war es so weit: raus aus den Zeitverträgen, rein ins Beamtentum.
Worum es geht: Lesen als kreative Handlung.
„Populäre Medien haben noch nicht lange Satisfaktionsfähigkeit erlangt.“
„Wer Sorgen hat, hat meist auch eine Outdoorjacke.“

Prof. Dr. Heinz Drügh, Literaturwissenschaftler, Uni Frankfurt

Morgens Hölderlin, mittags Edeka

Literaturwissenschaft heute – ein Porträt von Prof. Heinz Drügh. Und warum sich neben Lyrik und Prosa auch Porzellan und Videoclips literaturwissenschaftlich verstehen lassen. 

Dienstag, 16.15 Uhr, Uni Frankfurt, Hörsaal-Zentrum, Raum 6, Vorlesung zur Gegenwartsästhetik. Zeigt sich in der Kunst die Wahrheit des menschlichen Geistes oder ist sie in ihrer Allgegenwart zu einer Kommunikationsform unter vielen geworden? Ist sie autonom oder gar souverän und was bedeutet das eigentlich? Wie war und sah man das im 18. Jahrhundert, wie heute? Heinz Drügh, ein Mikrofon in der einen Hand, ein Laserpointer in der anderen, führt rund 60 Studierende durch die Geistesgeschichte der Ästhetik. Irgendwann geht es dann um Literaturtheorie, genauer: um das Interesse daran, wie sich das, was gesagt wird, zu dem, wie es gesagt wird, verhält. Eineinhalb Stunden steigt Drügh treppauf, treppab – und ist damit genau dort angekommen, wo er hin wollte: auf eine Stelle, auf der er sich frei und abgesichert mit Literatur auseinandersetzen kann.

„Die Jahre nach der Promotion waren nicht ohne“, sagt er später in seinem Büro im IG-Farben-Haus. Wie bei den meisten, die diese Schwelle überschritten und Ambitionen nach höheren akademischen Rängen haben, lebte auch Drügh in der Unsicherheit, wann, woher und ob überhaupt ihn ein professoraler Ruf ereilen würde – oder drohte eine dauerhafte Existenz im Takt von Zeitverträgen? 2006 aber war es dann so weit: Frankfurt rief. Seitdem ist seine W3-Professur für Neuere Deutsche Literatur und Ästhetik in trockenen Tüchern und Drügh genießt es, weitgehend selbstbestimmt forschen und lehren zu können. „Morgens mache ich Hölderlin, nachmittags beschäftige ich mich mit Edeka, und jeweils pocht mir das Herz.“

Hölderlin ist klar, aber Edeka? In diesem Jahr ist Drüghs Buch „Ästhetik des Supermarkts“ erschienen. Ausgangspunkt war der in den sozialen Medien extrem erfolgreiche Videoclip des Lebensmittelhändlers, in dem der Künstler Friedrich Liechtenstein durch die Regale tänzelt und alles „supergeil“ findet. 14 Millionen Mal wurde der Clip auf YouTube angeklickt. Drügh wollte das verstehen: warum ein Konzern sich auf diese Weise präsentiert, wie der Clip funktioniert und was ihn so ungemein erfolgreich werden ließ. Das mündet schließlich in eine Auseinandersetzung mit modernen Konsumwelten. Deutlich wird dabei auch, wie Drügh vorgeht: Um das „Supergeil-Phänomen“ zu durchdringen, bezieht er sich auf Georg Simmel und Walter Benjamin, rezipiert er Eva Illouz und Diedrich Diederichsen und zitiert er Christian Kracht und Michel Houllebecq. Eine Reise durch weite Felder. Ob er den Clip denn als Literatur betrachtet? „Nennen wir es Material“, sagt er. Und genau das sei ja die Kompetenz der Literaturwissenschaft: sich kompetent mit textlichem Material zu beschäftigen.

Diese Offenheit gegenüber zeitgenössischem „Material“ zeigt sich auch in seinem Büro. Da hängt ein Plakat von einer Gursky-Ausstellung, liegt eine Staffel der Serie „Breaking Bad“ im Regal und ist ein Zeitungsausschnitt an die Wand gepinnt, auf dem Mario Balotelli mit nacktem Oberköper triumphiert, während Philipp Lahm geknickt über den Rasen schlurft. In all dem spiegelt sich auch der Umstand, dass in den vergangenen 15 Jahren in den Literaturwissenschaften eine Wachablösung stattgefunden hat. Die alten Platzhirsche, die vielfach im Zuge der Bildungsexpansion der 1970er-Jahre in Amt und Würden gekommen waren, sind abgetreten. Das Feld hat eine Generation übernommen, die anders als ihre Vorgänger mit Massenmedien und -konsum groß geworden ist und auch bei dem Aufkommen des Internets und der neuen sozialen Medien noch nicht zu alt war. Jedenfalls nimmt sie die Unterscheidung zwischen Hoch- und Trivialkultur weit weniger wichtig. Populäre Medien wie Comics, Popmusik und eben auch Werbung werden weder kulturpessimistisch als Schund abgetan noch ideologiekritisch als Verblendung diffamiert, sondern ernst genommen und untersucht. Drügh sagt es so: „Populäre Medien haben in der Wissenschaft noch nicht lange Satisfaktionsfähigkeit erlangt.“ Die Edeka-Auseinandersetzung Drüghs hat zudem damit zu tun, dass sein Lehrstuhl auch „Ästhetik“ umfasst. steht. So hat er seine Antrittsvorlesung über das Verhältnis von Literaturwissenschaft und Warenästhetik gehalten. Aufhänger hier: die „studio-line“, ein Klassiker des Porzellan-Designs.

All das heißt nun nicht, dass Literatur in ihrer klassischen Form aus dem Blickfeld gerückt ist. „Natürlich muss ich als Professor auch den Kanon draufhaben“, sagt Drügh. So gibt er aktuell ein Seminar über Dramen von Heinrich von Kleist. Was er von seinen Studierenden erwartet? Dass sie lesen, viel lesen, genau lesen und sich damit auseinandersetzen, wie etwas geschrieben ist. Und dann sollen sie mit dem Material „spielen“, schließlich sei Lesen eine kreative Handlung. Das zu vermitteln sei allerdings nicht immer leicht, besonders um Lyrik machten viele einen weiten Bogen. „Aber man muss Lyrik ja nicht als staatstragende Frühsport-Disziplin betrachten.“

Auf seinem Schreibtisch liegen Dutzende studentischer Abschlussarbeiten und Promotionsarbeiten. Die Akademie ist Drüghs tägliches Brot. Doch neben Vorlesungen, Fachbereichssitzungen und Anträgen für Drittmittelförderung ist er jenseits der Uni unterwegs, sei es als Moderator von literarischen Veranstaltungen oder als Mitherausgeber der Zeitschrift POP, die sich seit drei Jahren – wie es die taz formulierte – „aus der Tiefe des akademischen Raumes kommend“ der kritischen Analyse der Pop- und Massenkultur widmet. Einige der bei POP Engagierten kennt Drügh noch aus gemeinsamen Zeiten in Tübingen. Moritz Baßler, heute Professor in Münster, und er etwa schreiben für jede Ausgabe im Ping-Pong-Verfahren eine Kolumne über Neuerscheinungen. Bei dem Einfach-drauf-los-Schreiben entstehen dann Sätze wie „Wer Sorgen hat, hat meist auch eine Outdoorjacke.“

Ob er sich neben der Tatsache, einen Ruf erhalten zu haben, eigentlich auch darüber gefreut hat, dass dieser aus Frankfurt kam? Drügh nickt. Frankfurt sei eine wunderbare Stadt, um sich mit Literatur auseinanderzusetzen. Dann erzählt er von der Poetikdozentur, die in den letzten Jahren Leute wie Ulrich Peltzer, Thomas Meinecke und Alexander Kluge nach Frankfurt geführt hat; dass die Literaturreferentin der Stadt regelmäßig an seinem Fachbereich lehrt; dass die von ihm mitorganisierte Konferenz Konsumästhetik im Museum Angewandte Kunst stattgefunden hat; dass gerade ein Forschungsprojekt startet, das die hiesige Schreibszene untersucht. Und natürlich ist da der Buchbetrieb, in dem Drügh vieles und viele kennt. „Ja, für einen Literaturwissenschaftler ist Frankfurt eine Spitzenstadt.“ Am Ende gar eine supergeile.

von Christian Sälzer (17.11.2015)

Ein Buch zur Latenzzeit der Popliteratur

Joachim Lottmann: Mai, Juni, Juli, Kiepenheuer und Witsch , 1987

Buchtipp von Prof. Dr. Heinz Drügh

Ein Buch, das man nun nicht mehr eigens empfehlen muss, nachdem der Büchner-Preis an seinen Autor gegangen ist, ist „Johann Holtrop“ von Rainald Goetz. Möchte man aber wissen, wie das mit der Popliteratur in den 1980er-Jahren, der Zeit ihrer Latenz nach dem stürmischen Aufbruch der späten Sechziger, gewesen ist, dann sollte man Joachim Lottmanns Roman „Mai, Juni, Juli“ lesen. „Es war in der Zeit, als ich unbedingt ein Schriftsteller sein wollte. Eine schreckliche Zeit“, beginnt dieser sonst gern auch größenwahnsinnige Text kleinlaut, leistet aber gleich in den folgenden Sätzen durch die Verschaltung von Knut Hamsuns „Hunger“ und der Billigmargarine der Marke Blauband Pop-Programmatik. „Die Handlung spielt heute, in der Bundesrepublik, an genau bestimmten Plätzen, Straßen, Lokalitäten. Menschen haben Berufe, Politiker werden wiedererkannt, Autos spricht man mit ihrem Markennamen an. Ich mag das“, schreibt Lottmann just zu der Zeit, in der der Roman spielt, für die Zeitschrift Spex über einen frühen Text von Thomas Meinecke. Das kann man so stehen lassen.