Tiere und Bücher sind Niekischs große Leidenschaft.
Eine Herz für Kriechtiere
Sein erstes Buch handelte von der Gelbbauchunke.
Was ist was? Das ist ein Zipfelfrosch.
Nicht im Bild: 12.000 Bücher aus der Sammlung Niekisch

Prof. Dr. Manfred Niekisch, Direktor, Zoo Frankfurt

Jäger, Sammler, Feuerländer

Als Naturschützer geht Manfred Niekisch natürlich nicht auf die Jagd nach Tieren. Beute des Frankfurter Zoodirektors sind vielmehr besondere Bücher aus Antiquariaten in der ganzen Welt – wenn er sie nicht gleich selbst schreibt.

Über Prof. Dr. Manfred Niekisch lassen sich viele interessante Geschichten erzählen. Da ist zum Beispiel die Geschichte des Zoodirektors Niekisch, der seit 2008 den Frankfurter Zoo leitet. Oder auch die Geschichte des Naturschützers Niekisch. So war er Direktor der Artenschutzzentrale des WWF sowie der Tropenwaldstiftung OroVerde, und in Greifswald war er zehn Jahre lang Professor für „Internationalen Naturschutz“. Genauso gut könnte man die Geschichte des Wissenschaftlers und Biologen Niekisch erzählen. Schließlich weiß wohl niemand auf der Welt so viel über die Besiedlungsstrategie der Gelbbauchunke – sein Promotionsthema – wie er. Doch um all das wird es hier nicht gehen. Oder nur am Rande, da natürlich irgendwie alles zusammenhängt. Denn da sind noch zwei andere Geschichten, und die haben mit Büchern und der Liebe zum Buch zu tun. Und von ihnen handelt dieser Text.

Beginnen wir mit Niekisch, dem Autor: Dabei würde wohl nicht jedes seiner Werke von Nicht-Biologen als „interessant“ erkannt werden. Etwa sein erstes Buch mit dem Titel „Die Lurche und Kriechtiere im nördlichen Rheinland. Vorläufiger Verbreitungsatlas“, über den selbst Niekisch sagt, dass er „etwas merkwürdig“ klingt. Doch für Biologen war dieses Büchlein in einer Auflage von wenigen Hundert Exemplaren damals geradezu wegweisend. „Danach gab es eine Flut solcher Veröffentlichungen und heute sind Kartierungen von Tierpopulationen europaweit verbreitet“, so Niekisch. Und ein bisschen Stolz schwingt durchaus mit, wenn er davon erzählt. Kein Wunder, tragen doch solche Bestandsaufnahmen erheblich zum Schutz dieser Tiere bei. Darum geht es bei Niekisch eigentlich immer.

Nun könnte man meinen, dass auch er nach diesem Anfangserfolg weiter Kriechtiere kartiert hätte, aber ein einfaches „Weitermachen“ ist seine Sache nicht. Niekisch ist ein Pionier, der sich nach getaner Arbeit lieber nach neuen Betätigungsfeldern umschaut. Das kann ein „Was ist was?“-Band sein, den er in den 1980er-Jahren schrieb, um das Thema „Amphibien und Reptilien“ auch für Kinder aufzubereiten, und der bis vor kurzem nahezu unverändert aufgelegt wird. Das kann ein großes wissenschaftliches Fachbuch zu den Grundlagen, der Gefährdung und dem Schutz der Biodiversität sein, das so erfolgreich ist, dass es nun für den internationalen Markt überarbeitet und auf Englisch erscheinen soll soll. Oder sein jüngstes Werk, bei dem es um herpetologische Entdeckungen in der Neotropis geht – wer nicht weiß, was das ist, möge danach googeln; denn dafür ist hier einfach kein Platz.

Und dann gibt es noch das (Zitat) „schönste Froschbuch der Welt“. Dabei ist dieses Werk mit dem Titel „Historia naturalis Ranarum nostratium“, auf Deutsch: „Die natürliche Historie der Frösche hiesigen Landes“, ursprünglich gar nicht von ihm, sondern von dem Naturforscher und Kupferstecher August Johann Rösel von Rosenhof (1705-1759). Über seine Forschungen und gleichzeitig über die Schönheit seiner Bilder wollte er den Menschen seiner Zeit beweisen, dass Frösche kein Teufelswerk, sondern wunderbare, lebenswerte und ganz „normale“ Geschöpfe sind. Herausgekommen ist ein Buch mit opulenten Farbtafeln und filigranen Vignetten. Zu schön, um es nicht noch einmal neu aufzulegen. Zum 250. Todestag des Meisters war es dann so weit und das Buch erschien als Reprint – ergänzt durch eine 50-seitige Einleitung des Rösel-Experten Niekisch. Wahrscheinlich hätte er auch auf 500 Seiten einleiten können, denn wenn Niekisch sich mit einem Thema beschäftigt, dann macht er dies mit der Akribie eines Naturforschers, gepaart mit der Hartnäckigkeit eines Detektivs. Er will es ganz genau wissen, und gerade auf die Geschichten hinter den Geschichten hat er es besonders abgesehen.

Sie sind es auch, die für ihn den eigentlichen Reiz seines Hobbys ausmachen. Und damit sind wir bei Niekisch, dem bibliophilen (er selbst spricht gar von einem bibliomanen) Sammler. Ein seltenes Stück zu erwerben, das ihm in seiner Sammlung fehlt, ist für ihn fast das Größte. Denn das Allergrößte ist, wenn es zu diesem Buch auch eine Geschichte zu erzählen gibt. Seine Augen strahlen, als er davon berichtet, wie er einmal recherchierte, dass ein bestimmtes Buch seiner Sammlung das Handexemplar eines bekannten und längst verstorbenen Wissenschaftlers war – mit Originalnotizen in Sütterlin, die natürlich alle von Niekisch gelesen und überprüft wurden. Und wenn das Buch selbst keine Geschichte hergibt, dann vielleicht wenigstens dessen Erwerb. Nur selten kauft Niekisch deshalb anonym über das Internet. Für ihn ist das Sammeln eine höchst soziale Angelegenheit, der Austausch mit Gleichgesinnten vielleicht das Schönste, was dieses Hobby mit sich bringt. Lieber stöbert er deshalb auf seinen zahlreichen Reisen in den Antiquariaten dieser Welt, vornehmlich in seiner Lieblingsstadt Buenos Aires, aber auch zum Beispiel in Tokio oder – wie gerade am Vortag des Gesprächs – in Stockholm. Den Weg vom Konferenzort zum Flughafen nutzte er für einen kurzen Abstecher, um ein Buch über die Fauna Schwedens zu erstehen, das er schon jahrelang gesucht hatte. „Mit wunderbaren Kupfertafeln!“ Seine Augen strahlen schon wieder.

Rund 12.000 Bücher zählt Niekischs Sammlung mittlerweile. Das sind etwa 25 Meter Regalwand – bei einer Raumhöhe von 3,50 Meter. Alle Werke sind bestens sortiert und katalogisiert, sodass sich alles leicht finden lässt. Zumindest fast alles. „Eine Brille habe ich mal irgendwo aufs Regal gelegt. Die ist nie wieder aufgetaucht“, lacht Niekisch.

Belletristik sucht man in der Bibliothek Niekischs freilich vergebens, gesammelt wird vor allem Fachliteratur über Ornithologie (Vögel), Herpetologie (Reptilien und Amphibien) und Ethnologie (Völker und Kulturen). Letzteres ist für den Zoologen nur konsequent, ist doch der Mensch Teil dieser Natur und ihr wichtigster Player. Das zeigt sich gerade in seinem Spezialgebiet „Feuerland“. Nachdem er als kleiner Bub mit seinem Vater eine Ausstellung über die Inselgruppe an der Südspitze Südamerikas besucht hatte, war er vom „Feuerland-Virus“ infiziert. Und seit er die Region in den 1980er-Jahren erstmals bereiste, ist er ihm sowohl in zoologischer als auch in ethnologischer Hinsicht verfallen. In bibliophiler Hinsicht sowieso – selbst Bibliothekare aus Südamerika bitten ihn inzwischen um Hilfe, wenn sie in Sachen Feuerland nicht weiterkommen.

Den Marktwert seiner Sammlung kann Niekisch ziemlich exakt ermitteln, schließlich hat er die Bücher mit allen relevanten Informationen und Daten im Computer erfasst, darunter auch der Kaufpreis und der derzeitige Marktwert. Nur so viel sei verraten: Andere, weniger Buch begeisterte Menschen würden sich für das Geld wohl eher etwas anderes kaufen. Ein Haus zum Beispiel. Für Manfred Niekisch sind solche Zahlenspiele aber irrelevant. Nie würde er auch nur ein Buch aus seiner Sammlung verkaufen. „Schließlich bin ich doch ein Sammler aus Freude und kein Buchhändler.“

von Martin Schmitz-Kuhl (24.05.2016)

Ein wissenschaftlich wertvolles Buch, das zudem auch spannend zu lesen ist

Michael Kraus (Hrsg.): Theodor Koch-Grünberg: Die Xingu-Expedition (1898-1900): Ein Forschungstagebuch., Böhlau, 2004

Buchtipp von Prof. Dr. Manfred Niekisch

Theodor Koch-Grünberg hat Anfang des vorletzten Jahrhunderts mit seinen Veröffentlichungen über südamerikanische Indianer ein ganz neues, gerechtes Bild von den „Naturvölkern“ gezeichnet. Spannend zu lesen und wissenschaftlich wertvoll. 80 Jahre nach seinem Tod wurden nun seine Tagebuchaufzeichnungen veröffentlicht. Dort schrieb er auch all das hinein, was sich nicht zur Veröffentlichung eignete. Über einen herrischen Expeditionsleiter, lebensgefährliche Pannen, Streit in der Gruppe, aufregende Begegnungen, Alltag im Busch. Der Vergleich mit meinen eigenen Reisen zeigt mir nicht nur, was seitdem alles verloren gegangen ist, sondern auch, dass heute als beschwerlich Empfundenes verblasst gegenüber den Leistungen der frühen Forscher und Reisenden.