„Ich konnte die Bürgschaft auswendig, bevor ich schreiben konnte.“
Das wissenschaftliche Schreiben schärft den Geist.
In eigenen Schreibphasen kann sie keine Werke anderer Autoren lesen.
Das Café Crumble ist ihr zweites Wohnzimmer.
„Der Montag gibt mir jetzt eine leere Woche vor.“

Saskia Hennig von Lange , Autorin

Schreiben Sie dieses Buch, jetzt oder nie!

Die Autorin Saskia Hennig von Lange pendelt zwischen wissenschaftlichem und literarischem Schreiben – und dieser Spagat gelingt ihr aufs Beste. 

Der erste Satz zum ersten Buch fiel ihr im Auto ein. Er ließ sich nicht wegschieben, sie musste auf einen Parkplatz fahren und ihn aufschreiben. Das war der Startschuss für die gefeierte Autorin Saskia Hennig von Lange, seitdem ist der Hebel nicht mehr zurückgegangen: „Lesen und Schreiben ist keine Sache, die man aus sich extrahiert und sich als Berufswunsch gegenüberstellt, sondern ein künstlerischer Selbstausdruck.“

Gelesen und geschrieben hat sie gleichwohl von frühester Kindheit an, noch bevor sie in die Schule kam. Den Eltern, beide Journalisten, hat sie häufig Texte rezitiert („Ich konnte die Bürgschaft auswendig, bevor ich überhaupt schreiben konnte“). Mit fünf Jahren schrieb sie ihr erstes eigenes Gedicht. Als Jugendliche traf sie sich vor Sonnenaufgang mit einer Gruppe Gleichgesinnter, sie lasen sich gegenseitig Lyrik vor: „Gedichte waren immer ein Teil von mir.“

Eigentlich wollte sie jedoch Tänzerin werden. Als sie dabei an ihre körperlichen Grenzen stieß, hat Saskia Hennig von Lange die Praxis zur Theorie gemacht und Angewandte Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte studiert. Seit einigen Jahren arbeitet sie an ihrer Dissertation zum Verhältnis von Bild, Rahmen und Körper der spätmittelalterlichen Kunst. In ihrer wissenschaftlichen Arbeit lernte sie die französischen Dekonstruktivisten kennen, die sie als sehr bereichernd empfand. Die durch diese Theorie gesäten Zweifel an einer Erzählbarkeit der Welt musste sie beim literarischen Schreiben allerdings erst einmal überwinden. Der Wechsel zwischen wissenschaftlichem und literarischem Schreiben fällt der Autorin ansonsten aber nicht schwer, im Gegenteil: Oftmals hat sie beide Dokumente offen und schreibt den einen Satz hierhin, den anderen dorthin. Ohne das wissenschaftliche Schreiben gelingt das andere nicht so gut: „Die enge Struktur schärft den Geist und verhindert, dass man schwadroniert.“

Das erste Buch – eine Novelle, die sich um ein anatomisches Museum und seinen Hüter, der es nie verlässt, spinnt – gerät zum großen Erfolg, wird von der Presse gefeiert und mit Preisen bedacht. Darüber wundert sich Hennig von Lange ein wenig, das Befremdlichkeitspotenzial des Textes erscheint ihr groß: „Kann man das den Leuten überhaupt vorlesen?“ Dass dieses erste Buch trotzdem Leser gefunden hat, hat sie angespornt, auf dem Weg des Schreibens weiterzugehen.

Die Idee zum zweiten Buch hatte sie schon in der Schublade, „da kam der Schmeling dazwischen“. Anfang 2013 entdeckte sie einen Artikel über das Haus des ehemaligen Boxweltmeisters Max Schmeling, mitten auf der Seite prangte ein Foto des Hauses. Sofort begann ihre Phantasie zu schweifen: Was passiert mit dem Haus? Was gibt es für eine Geschichte im Haus? Auch der Aspekt des Verrottens faszinierte sie. Alles Themen, für die sich Hennig von Lange interessiert, die sie von unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und dadurch für sich selber meistern möchte: Menschen und ihre Lebensorte, Menschen und Dinge, Menschen und ihre Nachkommenschaft, und die Sterblichkeit. Als sie im Herbst 2013 dann las, dass das Haus verkauft sei, dachte sie: „Jetzt muss ich hin, bevor es zu spät ist.“ Über den Bürgermeister des Ortes nahm sie Kontakt zu den neuen Besitzern auf und traf sie mitten im Renovieren. Vieles – Tapeten, Fußböden, Einbauschränke – war noch original im Haus, die Möbel aber waren schon weg. So hatte sie die Chance, das Haus im Geist und für ihr Buch selber einzurichten. Ihrem Verlag schickte sie 20 Manuskriptseiten, mit denen sie sich für ein Stipendium bewerben wollte. Der Verleger kam daraufhin nach Frankfurt und sagte ihr: „Schreiben Sie dieses Buch, jetzt oder nie!“ Und so schrieb sie ihr zweites Buch innerhalb von wenigen Monaten.

Vor acht Jahren ist Saskia Hennig von Lange nach Frankfurt gezogen, genauer gesagt nach Bockenheim: „Ich bin keine Lokalpatriotin, aber hier fühle ich mich wohl, es ist bunt und überschaubar und man trifft auf der Straße immer jemanden, mit dem man ein Schwätzchen halten kann.“ Das Café Crumble ist ihr zweites Wohnzimmer. Um die Ecke dann gleich die Karl-Marx-Buchhandlung, in der sie die erste Lesung ihres aktuellen Buches hatte. In die „Karl Marxsche“ geht sie regelmäßig – während ihre beiden Kinder sich in der Kinderbuchecke vergnügen, stöbert sie in den Leseexemplaren der Krimis. Die liest sie gern, am liebsten Fred Vargas. In den eigenen Schreibphasen fällt es ihr schwer, aktuelle Literatur von anderen Autoren zu lesen. Da liest sie lieber Krimis oder einen Theoretiker, der „sprachlich nichts von mir will, sondern mir eine Idee in den Kopf pflanzt.“ Ideen sammelt sie in Ordnern, Sätze in Notizbüchern: „Zwischen den Wörtern und Bildern der anderen entspinnen sich dann eigene Geschichten.“ Eine Sammlerin der Dinge ist sie indes nicht, aber Nachhaltigkeit ist ihr wichtig. Sie lebt ohne Plastik, versucht es zumindest weitgehend. Eine schöne Utopie ist es, würde ihr nächstes Buch nicht in Plastik eingeschweißt, sondern in Papier eingeschlagen.

Seit einigen Wochen nun hat Saskia Hennig von Lange ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds für ihr nächstes, ihr drittes Buch, das sie von ihrer Tätigkeit als Dozentin für ein Jahr entbindet. Sie kann sich jetzt voll und ganz dem Schreiben widmen. „Das macht mir fast ein wenig Angst. Der Druck, aber auch der Input, den das Leben und das Vorbereiten von Seminaren gemacht haben, ist weg. Der Montag gibt mir jetzt eine leere Woche vor.“ Auch die Gabe des Schreibens selbst beschäftigt sie: „Ich denke manchmal, ich kann das einfach und selbstverständlich für immer. Aber was, wenn das nicht mehr so ist? Was dann?“ Aber einen großen Masterplan hatte Saskia Hennig von Lange für ihr Leben ohnehin nicht: „Mein Leben ist dadurch bestimmt, dass Dinge auf mich zukommen.“

von Silke Hartmann (17.03.2015)

Ein Buch, das ein Gedicht ist

T.S Eliot: The Waste Land / Das öde Land, Suhrkamp Verlag, 2008, Neuübersetzung)

Buchtipp von Saskia Hennig von Lange

Ein Buch, zu dem ich immer zurückkehren kann und das eigentlich gar kein Buch ist, sondern ein Gedicht, das das Format eines Buchs nur deshalb füllt, weil ich es in einer zweisprachigen Ausgabe lese, ist „The Waste Land“. Elliot stellt da ein Land vor mich hin, durch das ich gehen kann, das gar nicht öde ist, sondern voll mit Fremdem und Vertrautem: "I will show you fear in a handful of dust." Und in dieser Handvoll Staub steckt vieles, was mein Schreiben antreibt, nicht zuletzt, kurz vor Schluss, diese Frage: "Shall I at least set my lands in order?" Eine Frage, die in all meinen Büchern sitzt. Auch in dem, das ich gerade schreibe.