„Ich mag schöne Bücher, aber nicht jedes Buch, das schön ist.“
Was ihn reizt: aus Vorhandenem etwas Neues, Eigenes machen.
Der erste Krimi heißt Nordseegrab, der zweite Nordseespuk. Der dritte?
Die Literatur des Mittelalters habe sich auf einfache Weise mit universellen Fragen beschäftigt.
„Meine Eltern waren die ersten großartigen Menschen, denen ich in meinem Leben begegnet bin.“

Tilman Spreckelsen, Autor

Sagenhaft

Er ist Zeitungsredakteur, Krimiautor, Herausgeber von Kinderbüchern und einiges mehr. Tilman Spreckelsen macht, was ihm gefällt und taucht dabei oft in mythische Geschichten ein.

Wenn jemand mit Ende vierzig seinen ersten Roman veröffentlicht, geht es nicht selten darum, das eigene Leben zu sortieren, zu einer kohärenten Erzählung zu verarbeiten und von der lesenden Öffentlichkeit so weit absegnen zu lassen. Die Fiktion ist oft nur Mittel zum Zweck. Ganz anders bei dem 1967 geborenen F.A.Z.-Redakteur Tilman Spreckelsen, der Anfang dieses Jahres seinen ersten Roman – einen historischen Krimi – veröffentlicht hat und gerade an der Fertigstellung des zweiten sitzt. „Es ist nur noch eine Frage von Tagen“, erzählt er beim Treffen in einer Weinstube im Frankfurter Nordend atemlos und erleichtert, noch bevor er ein Glas Weißwein bestellt. Auf „Nordseegrab“ folgt „Nordseespuk“. Die Titel ähneln sich und wieder ermitteln der als Dichter bekannt gewordene Theodor Storm und sein geheimnisvoller Gehilfe Söt in Husum. Der Fall, den die beiden aufklären, ist jedoch vollkommen anders gelagert als der vorherige und erforderte erneut umfangreiche Recherchen des Autors vor Ort und in Archiven.

Der Historiker und Germanist Spreckelsen strickt seine Fälle um verbriefte historische Begebenheiten und Personen herum, lässt sich inspirieren von der Literatur Storms und dem, was man über das Leben des Dichters weiß. Die Entdecker- und Erzählerfreude, die Spreckelsen ganz offensichtlich beim Schreiben der Krimis antreibt, ist in jeder Zeile spürbar. Das Ergebnis ist kurzweilige Unterhaltungsliteratur auf hohem sprachlichen Niveau. Aus Vorhandenem etwas Neues, ganz Eigenes zu machen, ist etwas, das nicht erst seit den Theodor-Storm-Krimis zu seinem Schreiballtag gehört. Sowohl in seinen Rezensionen von Büchern, Filmen, Konzerten und Theateraufführungen als auch in den zahlreichen Anthologien und Nacherzählungen, die er seit Ende der 1990er-Jahre veröffentlicht hat, nimmt er Gesehenes, Gehörtes und Gelesenes behutsam auseinander und setzt es dann zu einem neuen Ganzen zusammen, das immer auch ein Eigenes ist.

Kurz nach der Geburt seines ersten Sohnes hat er eine Anthologie über das Vatersein herausgegeben. Da liegt es auf der Hand, dass die eigene Biografie die Themenwahl beeinflusst hat, und vermutlich gibt es auch eine gewisse persönliche Nähe von Tilman Spreckelsen zum Protagonisten seiner Krimis, die über dieselben Initialen hinausgeht. Doch weder seine erste Anthologie über „Versunkene Städte“ hat unmittelbar mit der Lebenswelt des in Kassel aufgewachsenen Herausgebers zu tun noch die darauffolgende literarische Textsammlung „Sternhagelvoll“, wie er beim zweiten und letzten Glas Weißwein des Abends überzeugend versichert.

Und doch ist da immer diese dezente, unaufdringliche Präsenz. Nicht nur in der Sprache, sondern auch in der Gestaltung seiner Bücher ist Spreckelsens Handschrift bemerkbar. Viele richten sich an bibliophile Leserinnen und Leser. „Ich mag schöne Bücher“, sagt er, „aber ich mag nicht jedes Buch, das schön ist.“ Und „superedle“ Ausgaben mit zwei Lesebändchen und anderer überflüssiger Ausstattung sind auch nicht seine Welt. Lieber weitet er den Kreis sowohl derer aus, die ein schönes Buch gestalten, als auch derer, die es später lesend in Händen halten, und gibt beim Fischer Verlag die leinengebundene, vierfarbig illustrierte und mit Leseband versehene Reihe „Bücher mit dem blauen Band“ für Kinder und Jugendliche heraus.

Spreckelsen, der sich als Autor, Rezensent, Juror und Vater von drei Kindern viel mit Kinder- und Jugendliteratur beschäftigt, seine Krimis im 19. Jahrhundert ansiedelt und im Wissenschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung häufig über die Antike schreibt, hat ein ganz besonderes Faible für das Mittelalter. Das finnische Kalevala, die isländische Sagenwelt und die mittelhochdeutsche Artusepik hat er mit Freude am Thema und am Erzählen bereits so aufbereitet, dass sie für ein breites Publikum zugänglich geworden sind. Weitere Heldensagen und Nationalepen werden folgen. Das hat nicht nur damit zu tun, dass sich die Literatur des Mittelalters mehr als die anderer Epochen „auf einfache Weise mit universellen Fragen beschäftigt“, wie Spreckelsen sagt. Es hat auch damit zu tun, dass er sich als Erwachsener wieder verstärkt den Themen seiner Kindheit zuwendet. „Im Moment stelle ich viele Dinge auf den Prüfstand, die mir früher wichtig waren“, erklärt er. Dazu gehört der Bergpark Wilhelmshöhe in seiner Herkunftsstadt Kassel ebenso wie die Literatur des Mittelalters, die er im Bücherregal seiner Eltern fand. Und es darf wohl als Zeichen einer glücklichen Kindheit gedeutet werden, dass nicht Introspektion und Nabelschau den Blick zurück bestimmen, sondern Weltkulturerbe und Hochliteratur. „Meine Eltern waren die ersten von vielen großartigen Menschen, denen ich in meinem Leben begegnet bin“, erzählt er eher sachlich als sentimental. Viele weitere sollten folgen. Zumindest lassen das die meist sehr respektvollen Kurzcharakterisierungen der Menschen vermuten, die er en passant erwähnt, seien es Familienangehörige, Freunde oder berufliche Kontakte: Autorinnen, Forscher, Illustratorinnen, Lektoren oder Kolleginnen aus der Redaktion.

Wenn er einem Kollegen anerkennend eine „beteiligte, sinnliche Sprache“ attestiert, ist damit vermutlich auch ein Anspruch an sich selbst formuliert. Denn beteiligt und sinnlich trifft es sehr gut, was Spreckelsen als Krimiautor wie auch im sprachlichen Herantasten an Fiktion und Wirklichkeit anderer ausdrückt. Da er selten selbst explizit in seinen Texten kenntlich wird (von der Ich-Form der vergnüglichen Kolumnen über Gesellschaftsspiele, die er seit Kurzem regelmäßig für eine Beilage der F.A.S. verfasst, sollte man sich da nicht täuschen lassen), sind es eher Stil und Haltung, die vorsichtige Rückschlüsse auf den Autor erlauben. Mit der Tür ins Haus fallen, ist nicht seine Art. Behutsam und gern auch mal über elegante Umwege, kommt er viel eher zum Ziel. Das ist gut für seine Krimis, aber beispielsweise auch dann erhellend, wenn er angesichts der aktuellen Fluchtbewegungen einen Artikel über die vietnamesischen Boatpeople der 1970er- und 1980er-Jahre verfasst. Empathie und Begeisterungsfähigkeit sind dabei nicht für Themen und Texte reserviert, sondern gelten auch konkreten Menschen, über die Tilman Spreckelsen schreibt und denen er begegnet.

von Ramona Lenz (01.12.2015)

Ein Buch, das berührt

Dezső Kosztolányi: Anna, Greno, 1987

Buchtipp von Tilman Spreckelsen

Es ist ein Roman, der versucht, in der restaurativen Epoche Ungarns nach dem verlorenen Weltkrieg und der Räterepublik den Blick auf den Einzelnen zu richten, der unmenschlich behandelt wird und leidet, bis er irgendwann nicht mehr kann – in diesem Fall ein Dienstmädchen aus der Provinz, das nach Budapest zu vornehmen Herrschaften kommt. Das alles wird diskret und effizient erzählt, ohne Pathos und doch mit so viel Nachdruck, dass man sich nach der Lektüre kaum gleichgültig dazu verhalten wird.