Was auch ihr nicht auffällt, wird so gedruckt.
Abertausende Buchstaben – und sie sucht die falsch platzierten.
Prekäre Selbstständigkeit ist die Regel, die Entlohnung mehr als karg.
Bei Schöffling etwa heißt es „Fantasie“, bei Fischer „Phantasie“.
Kaiser liebt die Tüftelei, die „nötige Beckmesserei“.

Viktoria Kaiser, Korrekturleserin

Bis zum letzten Punkt

Seit mehr als 30 Jahren fällt Viktoria Kaiser auf, was andere übersehen haben: als Korrekturleserin für die renommiertesten Verlagshäuser des Landes. Ein Porträt einer Späherin – und eine Hommage an eine zu selten gewürdigte Tätigkeit.

Der Zeigefinger der linken Hand schiebt sich am Rande des Textblockes Zeile für Zeile nach unten. Die rechte Hand verharrt auf der anderen Seite und hält einen Bleistiftstummel, dessen Spitze lauernd über dem Blatt schwebt. Als die Augen ein unangebrachtes Komma erspähen, stößt die Spitze hinab. Schnörkellos und präzise formt sie ein Korrekturzeichen aufs Papier. Ein Fehler als Beute. Dann wieder zurück in Lauerstellung. Die Jagd geht weiter.

Viktoria Kaiser lebt in einem alten Einfamilienhaus am Rand von Seckbach, innen knarrende Dielen, außen ein Garten. Ihr Arbeitsplatz befindet sich unterm Dach, mehr Kammer als Zimmer. Regale voller Nachschlagewerke und Wörterbücher, auf den Ablagen türmen sich Manuskripte und Korrekturläufe. Hier begibt sich die 66-Jährige auf Fehlersuche. Fast jeden Tag und viele Stunden am Stück durchforstet sie fast druckfertige Romane, Lyrikbände, Sach- und Wissenschaftsbücher und Theaterstücke. Seite um Seite, Zeile um Zeile, Wort um Wort, immer mit dem Ziel, Buchstabendreher, deplatzierte Satzzeichen und falsche Formatierungen zu entdecken und mit einem der in DIN 16511 und DIN 16549-1 genormten Korrekturzeichen zu markieren. Sie ist die letzte Instanz, die auszubügeln hat, was der Autor angestellt, das Lektorat übersehen und die Grafik verbockt hat. Was auch ihr nicht auffällt, wird so gedruckt.

Eigentlich hätte es anders kommen sollen. Die junge Viktoria Kaiser wollte Dramaturgin werden, war dann einige Jahre lang Lehrerin und später noch mal Lokaljournalistin bei der F.A.Z. Als junge Mutter begann sie um 1980 herum für den Syndikat Verlag Korrektur zu lesen. Was als Gelegenheitsjob startete, wurde zur dauerhaften Mission. Die zweite Adresse war die Andere Bibliothek im Greno Verlag. Der gute Ruf der Buchreihe öffnete ihr bei Suhrkamp die Türen und das wiederum die bei Fischer. 14 Jahre, bis zum Verlagsumzug 2010, gehörte sie bei Suhrkamp zum damals dreiköpfigen Kreis festangestellter Korrektoren – eine Seltenheit, die sich kein anderer deutscher Verlag leistete. Seit 2010 ist Kaiser wieder selbstständig und liest weiterhin für viele der großen und bekannten Häuser.

An dem eigentlichen Korrigieren hat sich in all den Jahren wenig geändert, an den Bedingungen der Arbeit hingegen viel. Zu Anfang hat Kaiser noch vorwiegend mit den Herstellern in den Verlagen zusammengearbeitet. Heute hat sie in vielen Fällen direkt mit dem Lektorat zu tun. Dabei ist sie auch damit konfrontiert, dass die goldenen Verlagszeiten vorbei sind und weniger Mitarbeiter mehr Output liefern müssen. „Viele Lektoren haben heute oft gar nicht mehr die Zeit, die Bücher genau zu lesen.“ Was hier übersehen oder vermasselt wird, landet irgendwann auf ihrem Schreibtisch.

Deutlich erleichtert wurde ihr die Arbeit durch die technische Entwicklung. Wie schreibt man „Guillotine“? Was sagt der Duden noch einmal zur Trennung bei Eigennamen? War Oona O’Neill wirklich Charlie Chaplins vierte Ehefrau? Alles, was früher langes Blättern oder aufwendige Recherche erfordert hat, lässt sich heute mit wenigen Klicks recherchieren. Gleichzeitig seien damit die Ansprüche an ihre Arbeit gestiegen. „Früher reichte es, wenn man in Orthografie und Kommasetzung sattelfest war. Heute ist ein hoher Grad an Allgemeinbildung erforderlich, um überhaupt zu merken, was falsch sein könnte.“ Nicht einfacher wurde es durch die Rechtschreibreform, die Optionen und damit Unklarheiten geschaffen hat – zumal jeder Verlag seinen eigenen Umgang damit gefunden hat. Bei Schöffling etwa heißt es „Fantasie“, bei Fischer „Phantasie“, bei Suhrkamp gilt die Schreibweise, die im Buch vorherrschend ist. Überhaupt gibt es Regeln und Ausnahmen – und persönliche Eigenheiten. Aktuell liest Kaiser einen Gedichtband von Ror Wolf. War es Absicht oder Versehen, dass an einer Stelle ein Komma fehlt? Doch Kaiser ist erfahren. „Man muss spüren, an welchen Stellen der Duden auch mal bleiben kann, wo der Pfeffer wächst.“

Ob es so etwas wie einen reinen Korrekturblick gibt, der nur nach Fehlern scannt, ohne auf den Inhalt zu achten? Kaiser schüttelt resolut den Kopf. „Natürlich nicht.“ Weil man gar nicht nichtinhaltlich lesen kann – und weil sie auch Inhaltliches auf dem Radar haben muss. Mag ja sein, dass eine Zigarettenmarke korrekt geschrieben ist, aber gab es sie in der Zeit, in der die Geschichte spielt, überhaupt schon? Bei übersetzten Werken merkt Kaiser auch an, wenn ihr ein Adjektiv unpassend zu sein scheint. Trotz solch intellektueller Anforderungen gilt die Korrektoratstätigkeit eher als technische Kompetenz. „Lektoren werden in die Künstlersozialkasse aufgenommen, ich werde es nicht.“

Die stille und einsame Arbeit ist kein einfaches Los. So unverzichtbar sie ist, so wenig bringt sie ein. Prekäre Selbstständigkeit ist die Regel, die Entlohnung mehr als karg. Mal gibt es etwas mehr als einen Euro pro Seite, meist aber weniger. Auch vom Ruhm fällt wenig ab. Wer für das Korrektorat verantwortlich ist, wird im Buch nicht erwähnt. Und während Lektorat, Gestaltung und sogar Herstellung in einer Besprechung positiv hervorgehoben werden können, ist ein Buch noch nie dafür gelobt worden, dass es keine Fehler enthält. Im Gegenteil: Bemerkt wird die Arbeit nur, wenn etwas übersehen wurde. Ansonsten bleibt sie unsichtbar.

Kaiser aber liebt die Tüftelei und mag vom Rentnerinnen-Dasein nichts wissen. In den Verlagen weiß man die Bedeutung eines guten Korrektorats durchaus zu schätzen. Und auch als Fehlersucherin ist man Teil des literarischen Betriebs. Von morgens bis abends brütet Kaiser über Sätzen von Samuel Beckett oder aktuell von Bora Ćosić und ist sie mit der einen oder anderen Verlagsgröße bekannt. Gleichzeitig braucht es diese Neigung zur Ordnung, einen Ehrgeiz, noch das letzte fehlende Komma zu entdecken. Kaiser nennt es „nötige Beckmesserei“. Abstellen lässt sich dieser Blick auch nicht nach Feierabend. „Ich kann tatsächlich keine Speisekarte lesen, ohne innerlich Korrekturzeichen drauf zu schreiben.“

Ob sie den Anspruch hat, ein Buch absolut fehlerfrei zu machen? Sie schüttelt den Kopf, wissend, dass sie angesichts von Abertausenden Buchstaben daran nur scheitern kann. „Wenn ich übersehe, dass ein „immer“ mit drei m geschrieben wurde, verzeihe ich mir das.“ Als Sünde hingegen gilt, wenn Schreibweisen und Regeln innerhalb eines Buches nicht einheitlich befolgt werden. „Und inhaltlich sollte alles stimmen.“ Doch auch das klappt nicht immer. Wie bei dem Lyrikband, bei dem auf dem Titel aus dem „zweistimmigen Gesang der Möwen“ ein zweisprachiger geworden war, ohne dass es jemandem aufgefallen ist. Oder als ein Rezensent monierte, dass in einem Sachbuch statt von 9/11 vom 9. November die Rede war. „Das war schlimm“, erinnert sich Kaiser. Alles kann auch ein Adlerauge wie sie nicht finden, mögen ihre Augen noch so konzentriert über den Worten kreisen.

von Christian Sälzer (07.07.2015)

Ein Buch, das mal nur ein Arbeitsauftrag war, mittlerweile aber mit mir verbandelt ist

Gabriela Adameșteanu: Der gleiche Weg an jedem Tag, Schöffling & Co., 2013

Buchtipp von Viktoria Kaiser

Scheinbar weit weg von uns, von mir hier und jetzt, ist dieser Roman – fünfziger Jahre, Osteuropa, repressive Enge, Klima der Denunziation. Und dann wächst allmählich beim Lesen eine starke Nähe zu dieser Letitia, zu einem Außenseiterkind in der rumänischen Provinz anfangs, später zur einsam-distanzierten Studentin in Bukarest. Überraschend vertraut wird, wie sie sich aus der Familie wegbewegt, ohne sie zu verraten, wie sie sich einkapselt, dann ihre Kapsel aufbricht, doch ohne zu werden wie alle anderen, sondern immer auf ihrem eigenen Weg bleibt. Eine ins vergangene Rumänien eingebettete, dennoch zeitlose Geschichte in einer besonderen, bilderreichen Sprache (übersetzt von Georg Aescht), die auch feinste Regungen im Inneren nachempfinden lässt.