97 Bände der Heidegger Gesamtausgabe
Spezialanfertigung: Notebook-Koffer mit Fächern für Mobiltelefon, Diktiergerät und 3,5 Zoll Disketten
Das Büro als Ort des Lesens und des Power Naps
Auslieferungslager im Klostermann Verlag
Klostermann will sich nicht mit dem Verlust der Breitenwirkung von Philosophie abfinden.

Vittorio E. Klostermann, Verleger

Der akademischen Philosophie verpflichtet

Dem Vater von Vittorio Eckard Klostermann hat Frankfurt viel zu verdanken: Er holte die Buchmesse nach Frankfurt und war Mitbegründer der Deutschen Bibliothek. Der Sohn führt den Wissenschaftsverlag weiter, der in letzter Zeit hauptsächlich durch Heideggers Schwarze Hefte von sich reden machte. Ein Verlegerporträt:

Eine Villenhälfte im „Diplomatenviertel“, im Norden des Frankfurter Stadtteils Bockenheim. Die Straßen sind breit und ruhig, Geschäftigkeit vermutet man allenfalls in Form von Anwaltskanzleien oder der Verwaltungen exklusiver Anlagefonds. Erst das Klingelschild gibt die Gewissheit, an der richtigen Adresse zu sein: Das unverwechselbare Verlagssignet verbindet das astrologische Symbol des Steinbocks, Sternzeichen des Firmengründers, und jenes des Wassermanns, unter dem seine Frau und alle drei Kinder geboren wurden. Der Verlag Vittorio Klostermann ist nach wie vor ein Familienbetrieb. Vittorio E. Klostermann, Sohn des Gründers, führt den mit zehn festen Mitarbeitern „mittelkleinen“ Verlag seit 1980.

Dass er einmal den Verlag übernehmen würde, war jedoch nicht von Anfang an klar. „Natürlich bin ich mit dem Verlag aufgewachsen“, sagt Klostermann, der im Besprechungszimmer mit Gartenblick empfängt, „doch als Nachfolger war mein elf Jahre älterer Bruder vorgesehen.“ Klostermann studierte in Tübingen Philosophie. „Erst da fragte mich mein Vater, ob ich nicht doch Lust hätte, in den Verlag zu kommen.“ Klostermann absolvierte eine Buchhandelslehre und ein Druckereivolontariat. Im Verlag betätigte er sich zunächst im Lizenzverkauf und in der Werbung. Die Übernahme war noch längst keine ausgemachte Sache.

Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1977 hatten die Brüder Vittorio und Michael Klostermann vereinbart, dass der Jüngere den Verlag für ein Jahr verlassen würde, um Klarheit über seine Lebensplanung zu gewinnen. Er zog nach San Francisco und arbeitete dort bei einer europäischen Buchhandlung, aber „der Abstand, den ich auf diese Weise bekommen habe, hat mir erst gezeigt, welches tolle Instrument dieser Verlag ist und welche Möglichkeiten ich hier habe. Ich bin nach weniger als einem Jahr zurückgekommen und wusste, das ist es, was ich machen will. Seitdem bin ich mit allen Fasern hier verwurzelt.“ Bis zum frühen Tod Michael Klostermanns führten die Brüder den Verlag gemeinsam.

Zur informellen Verlagslehre gehörte, dass Klostermann junior seinem Vater als Chauffeur diente und ihn bei seinen Besuchen begleitete. So lernte er auch die Autoren des Verlags kennen, darunter den wohl prominentesten und umstrittensten, den 1976 verstorbenen Philosophen Martin Heidegger. Den ersten Band der Gesamtausgabe hat er Heidegger ein Jahr vor dessen Tod noch persönlich überbracht. Die Gesamtausgabe der Schriften Heideggers wurde 1973 vereinbart, unlängst erschien der 97. Band, die vierte Folge der zur posthumen Veröffentlichung vorbereiteten „Schwarzen Hefte“. Die antisemitischen Bemerkungen, die der Philosoph sich in den Jahren 1942 bis 1948 notiert hatte, sorgten auch international für scharfe Debatten, die aber, so betont Klostermann, meistens in die Aufforderung mündeten, Heidegger nicht zum Altpapier zu geben, sondern ihn neu zu lesen.

Klostermann, der sich als „Kind der 68er-Zeit“ begreift, war von Beginn an klar, dass sein Erbe kein leichtes sein würde. Dass 1975 die Gesamtausgabe der Werke Arnold Gehlens, eines weiteren namhaften, aber „belasteten“ Philosophen, akquiriert wurde, trug seinen Teil dazu bei. Nach dem Tod des Vaters stellte sich Klostermann die Aufgabe, die Fixierung auf Heidegger zu brechen und den Verlag zu einem breiter aufgestellten Wissenschaftsverlag umzubauen – eine Arbeit, die nur mit Freunden und Vertrauten, die sich als Ratgeber und Herausgeber betätigten, zu stemmen war.

Die Spezialisierung in der akademischen Philosophie macht diese Aufgabe immer schwieriger: „Wenn wir akademisch seriöse und qualitativ hochwertige Bücher verlegen wollen, die auf dem Diskussionsstand der Gegenwart sind, dann sind sie nicht mehr für ein allgemeines Publikum verständlich. Das Fach hat sich auf eine Weise ausdifferenziert, dass der Professor im Raum nebenan schon nicht mehr versteht, was der Nachbar schreibt.“ Daraus ergeben sich kleinere Auflagen zu höheren Ladenpreisen, während die Bibliotheken auch immer knappere Budgets zu verwalten haben. Doch die Herausforderung ist nicht nur wirtschaftlicher Art. Es ist auch unmöglich, ein festes Lektorat zu unterhalten, das diesen Prozess der Spezialisierung mitmachen kann. Klostermann selbst hat sein Studium nicht abgeschlossen, aber Mitarbeiter in Werbung und Vertrieb können Abschlüsse in Philosophie vorweisen. Gemeinsam werden im Haus die Manuskripteingänge sortiert, aber das Fachlektorat müssen externe Kenner der Materie besorgen.

Dem Verlag ist es in zäher Arbeit gelungen, seinen Ruf im Fach auszubauen. Auch am Markt sind Erfolge vorzuweisen: „Kampfplätze der Philosophie“ von Kurt Flasch etwa, oder die Werke Werner Beierwaltes’ – beides Autoren, die dem Verlag schon lange verbunden sind. Doch wird nicht nur philosophische Literatur verlegt. Neben einem umfangreichen rechtshistorischen Programm ist Klostermann auch für scheinbar abseitige Themen offen: Zu den Überraschungserfolgen der jüngeren Verlagsgeschichte gehört die Reihe „Die Kanji lernen und behalten“, die neue Techniken zum Erlernen japanischer Schriftzeichen vorstellt.

Dass aber die Philosophie auf absehbare Zeit ihre Breitenwirkung verloren haben soll, damit will sich Klostermann nicht abfinden. Die (durchaus verkaufsfördernden) Diskussionen um Heidegger sollen nicht verdecken, dass Philosophie sich mit Fragen von allgemeinem Belang beschäftigt, „denen man sich immer wieder neu stellen kann.“ Den Anstrengungen von Zeitschriften wie „Hohe Luft“ oder des „Philosophie Magazins“, populären Themen eine philosophische Behandlung zu geben, gibt sich Klostermann folglich aufgeschlossen. 

Mit dem Standort Frankfurt verbindet den Verlag eine Tradition, die eher an eigenes Engagement denn an bestimmte Autoren gebunden ist: Klostermann senior, der zuvor im Antiquariatsbuchhandel tätig gewesen war und 1930 seinen Verlag gegründet hatte, erhielt bereits 1945 von den amerikanischen Besatzungsbehörden die Lizenz zum Neubeginn. Tatsächlich gründete sich gerade das gesamte westdeutsche Verlagsgewerbe neu, da mit Leipzig der ehemalige Standort vieler Verlage hinter dem Eisernen Vorhang verschwunden war. Klostermann war Mitbegründer des Hessischen Verlegerverbandes, aus dem der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hervorging, holte die Buchmesse nach Frankfurt und gründete mit dem Bibliothekar Hanns Wilhelm Eppelsheimer die Deutsche Bibliothek, heute Deutsche Nationalbibliothek. Die Bücherstadt Frankfurt hat dem Verlagsgründer viel zu verdanken.

Die Suhrkamp-Kultur und die Theoriewelle der 60er- und 70er-Jahre hingegen gingen am Haus Klostermann vorbei. Viele Autoren saßen in Freiburg (neben den Philosophen auch der Romanist Hugo Friedrich oder der Jurist Erik Wolf), während die Verbindung zu Heidegger in Frankfurt eher ein Makel war, wo dessen Kritiker Adorno, Horkheimer und Habermas den Ton angaben. „In den 70er-Jahren waren wir auch durchaus ein konservativer Verlag“, sagt Klostermann, „aber ich habe mich sehr bemüht, die Qualität als einziges Kriterium zu etablieren und den Verlag in diesem Sinne neu aufzubauen.“ Eine Versöhnung mit der Frankfurter Schule scheint sich inzwischen anzudeuten: Für eine neue Reihe „Geist und Geschichte“ zeichnet als Herausgeber Axel Honneth verantwortlich, der heutige Direktor des Instituts für Sozialforschung.

von Joe Paul Kroll (21.07.2015)

Das Werk, das ich auf die Insel mitnehmen würde

Thomas Mann: Joseph und seine Brüder, S. Fischer Verlag, in diversen Ausgaben

Buchtipp von Vittorio E. Klostermann

„Sie sind wirklich eine Hürde, die ersten vierzig Seiten der Josephs-Tetralogie von Thomas Mann: Unter dem Titel „Vorspiel. Höllenfahrt" werden wir eingestimmt auf den uralten kulturellen Raum, aus dem die Geschichten Jaakobs und seines Sohnes Joseph erwachsen. Wenn man sie geschafft hat, weiß man, dass sie notwendig waren, und man wird reichlich belohnt: Schon die Geschichte des Vaters, sein Betrug an Esau, sein langes Ringen um Rahel, lässt uns mitleben und mitbeben. Es folgt die Geschichte des jungen Joseph, des eitlen Kerls, den seine Brüder nicht ertragen können und in den Brunnen werfen. Er wird nach Ägypten verkauft, aber was soll ich weiterskizzieren, was Thomas Mann tausendmal besser und genauer beschrieben hat als das Alte Testament. Thomas Mann – das ist keine Frage – ist dabei gewesen, als Joseph die Gunst Potiphars erringt, erneut tief stürzt und schließlich ganz Ägypten rettet. Nicht nur Ägypten, auch seine Brüder, die ihn tot wähnen und denen er sich zu erkennen gibt, als die Not sie dorthin treibt.

Als junger Mann habe ich die Josephs-Romane zum ersten Mal gelesen. Und heute noch, vierzig Jahre später, sind sie für mich das Werk, das ich auf die Insel mitnähme, wenn ich nur eines wählen dürfte. Ein kongenialer Vorleser der Josephs-Romane – an ihm scheiden sich allerdings die Geister – ist in meinen Augen Gert Westphal: viel Vergnügen!“