Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Volker Michels mit Hermann Hesse.
Ein Bücher-Leben: Michels hat mehr als hundert thematische Editionen publiziert.
Widerstand gegen Konformität – das ist der rote Faden im Werk Hesses.
Eine Jugend im Internat: Hesse war in Maulbronn, Michels auf Schloss Salem.
Der gute alte Zettelkasten. Hier ist er noch in Betrieb.

Volker Michels, Hermann-Hesse-Editionsarchiv

Hermann Hesse in Offenbach

Der frühere Suhrkamp-Lektor Volker Michels hat mit dem Hesse-Editionsarchiv die größte Sammlung an Werken von und über den Literaturnobelpreisträger zusammengetragen. Die Geschichte einer Puzzlearbeit aus Passion – und Geschichten aus Frankfurts einst berühmtestem Verlag.

Auf dem Weg zur Offenbacher Innenstadt zeigt die Septembersonne, was sie noch drauf hat. In der Nähe des Wilhelmsplatzes grüßt Volker Michels am Eingang eines schönen Gründerzeithauses und bittet in die sonnendurchflutete Küche zu Kaffee und Kuchen. Durch die Terrassentür kommt von unten der Pausensound der nahen Wilhelmschule. Wenn die ABC-Schützen nicht die Schule abbrechen, liegt in ein paar Jahren Hesses „Unterm Rad“ auf dem Schreibtisch. Damit sind wir beim Thema: Hermann Hesse und  Volker Michels, eine untrennbare Arbeitsgemeinschaft.

Fangen wie mit O wie Offenbach an. Wie kommt ein Hesse-Archiv ausgerechnet hierher – in eine ehemalige Bäckerei, in der sich früher Mehlsäcke und Kuchenbleche stapelten?
Der Großvater meiner Frau hat das Haus hier gebaut, auch die Bäckerei. Sein Sohn Arthur hat die Bäckerei noch eine Zeitlang weitergeführt. Nach dessen Tod wurden die Räume dann vermietet, zuletzt an die Offenbacher Jugendkunstschule.

Und wie wurde aus der Bäckerei das Editionsarchiv?
Ich bin 1969 als Lektor in den Suhrkamp Verlag eingestiegen, wo auch meine Frau Ursula arbeitete. Seit den frühen Siebzigerjahren habe ich dann mithilfe von Hermann Hesses Sohn Heiner und gemeinsam mit meiner Frau das Editionsarchiv aufgebaut. Bei Suhrkamp war leider kein Platz dafür. Und die Räume hier waren ideal – wir haben mietfrei gewohnt und konnten alles entsprechend ausbauen.

Hesse bildet seit Jahrzehnten den Schwerpunkt Ihrer Arbeit. Wie kam es dazu?
Bei Suhrkamp war in den Sechzigern vieles in Bewegung – Gegenwartsliteratur, 68er-Revolte, soziologische, politische Texte. Mein Hesse-Schwerpunkt hat sich mit den Jahren neben der Lektoratstätigkeit entwickelt. Kurz vor Unselds Tod 2002 konnten wir uns noch darauf einigen, dass wir eine Hesse-Gesamtausgabe machen. Zu Lebzeiten des Dichters lag nur etwa die Hälfte des Gesamtwerks in Buchform vor. Das hat mich dann gepackt.

Wie lange haben Sie an der Gesamtausgabe der Werke gearbeitet?
Jahre, Jahrzehnte. Unseld hat uns teilweise wohlwollend ausgelacht. „Ihr Vollständigkeits-Fetischisten!“ Die Gesamtausgabe war auch kein Projekt, das versprach, umsatzintensiv zu werden, wie die populäreren Themenbände, Bild- und illustrierte Textbücher zu allen möglichen Schwerpunkten seines Werkes. Da war es schon schwierig, grünes Licht für die Gesamtausgabe zu erhalten. Hesse war kein Autor, der in der Zeit der Studentenunruhen angesagt war. Unseld ist Hesse aber immer treu geblieben. Dieser hatte Unseld ursprünglich ja als Mitarbeiter an Peter Suhrkamp empfohlen, so kam er in den Verlag und trat später dessen Nachfolge an. Letztendlich hat Hesse den Verlag im mehrfachen Sinn gestützt, zunächst bei der Verlagsgründung, indem er Geldgeber beschaffte, später konnten durch die Erlöse aus seinen Werken zeitgenössische Autoren, also die Gegenwartsliteratur mitfinanziert werden.

Nachdem Sie als Schüler „Unterm Rad“ gelesen hatten, haben Sie einen Brief an Hesse geschrieben. Der wurde sogar beantwortet, könnte also auch in Ihre Gesamtausgabe der Briefe mit reinkommen …
(Lacht.) Er hat mir damals freundlich ein paar Zeilen erwidert, ich habe vier bis fünf kleine Briefchen von ihm, aber die kommen nicht in die Briefedition. Für mich als Schüler war das Buch „Unterm Rad“ wichtig, es hat mich gefangengenommen, weil ich in einem ähnlichen Internat war und dort Konstellationen erlebt habe, die Hesse für Maulbronn beschreibt. Das hab ich ihm geschrieben, 1958 war das. Bis zu seinem Tod 1962 hat er mir dann immer die Privatdrucke seiner neueren Arbeiten geschickt, bevor sie veröffentlicht wurden.

Sind Sie ihm auch einmal persönlich begegnet?
Nein, leider nicht direkt. Meine Eltern haben 1959 in Ascona Urlaub gemacht und da bin ich mit dem Fahrrad nach Montagnola gefahren. Am Gartentor stehend, habe ich mir alles von außen angeschaut. Da kam das Hausmädchen ans Tor. Sie hat mich durch die unteren Räume des Hauses geführt und mir die Bibliothek gezeigt. Ich war 15 damals und fand das natürlich aufregend.

Entdecken Sie jetzt beim Zusammenstellen und Edieren der Briefe noch Neues?
Ich entdecke vieles, auch Politisches. Man hat immer gemeint, Hesse sei kein politischer Autor, er beschäftige sich nur mit seinem eigenen Nabel und so. Von wegen. Neben den politischen Schriften hat er sich auch in den Briefen weit in die Zukunft blickend mit den Gegenwartsproblemen beschäftigt. Oder im „Steppenwolf“ das Selbstmordmotiv – in den Briefen entdecke ich, dass er wirklich drei- oder viermal in seinem Leben Selbstmordversuche unternommen hat.

Wie kommt man an all die auf der ganzen Welt verstreuten Briefe überhaupt heran?
Das ist eine wahnsinnige Such- und Puzzlearbeit. Zum Glück konnte ich mit Heiner Hesse ab 1970 intensiv zusammenarbeiten. Als Sohn konnte er sich natürlich sehr gut an die engsten Freunde und deren Nachkommen wenden. Auch haben wir Einwohnermeldeämter angeschrieben und nachgefragt, wo seine Briefpartner oder deren Angehörige heute leben. Andere Briefe haben wir auf Auktionen entdeckt.

Was befindet sich hier alles im Archiv?
Der Hauptteil des Archivs besteht aus sämtlichen Erstdrucken, also auch in Zeitungen und Zeitschriften, der gesamten Sekundärliteratur ab der Jahrhundertwende über Hesse und sein Werk, mehr als Hundert Ordner. Im Nebenraum die Erstausgaben. Porträts von Hesse, Handschriften von Gedichten, Nachschlagewerke, etwa 1.000 Farbnegative von seinen Aquarellen. Und etwa 20.000 Kopien seiner Briefe, chronologisch. Dann Dutzende Ordner mit Personen um Hesse, Freunde und Briefpartner. Hier in den Kästen einige Hundert Fotos aus und zu Hesses Leben. Etwa 3.000 Buchbesprechungen aus Zeitungen und Zeitschriften. Ach ja, und dann habe ich den ganzen Keller noch voller Auslandslizenzausgaben. Seine Bücher sind ja in mehr als 70 Sprachen übersetzt, mit einer Gesamtauflage von 150 Millionen.

Wer kommt zu Ihnen ins Archiv, zum Suchen und Besuchen: Gott und die halbe Welt?
Nein, Götter sind noch nie zu mir gekommen. Aber es kommen viele Forscher und Studenten, auch aus Übersee, die über Hesse arbeiten. Es wäre uferlos, wenn ich das Archiv im Lauf der Zeit nicht ein bisschen daraufhin strukturiert hätte.

Themen, die in Hesses Werk wiederkehren, sind Adoleszenz, Autonomie, Individuationsprozesse, Eigensinn. Ist das der Grund, warum er immer wieder neu und gerade von jungen Lesern entdeckt wird?
Ja, der Widerstand gegen den Anpassungsdruck von außen, sei es beruflich, konfessionell oder politisch, zieht sich als roter Faden durch seine Bücher. Für Hesse ist jeder Mensch unverwechselbar und hat einen einzigartigen „genetischen Code“. Und den muss er verwirklichen, wenn er sein Bestes geben und erfüllt leben will. Die Bestärkung des Eigensinns und das Sich-Wehren gegen die Konformität sind die Hauptbotschaften. Für asiatische Leser sind das ziemlich exotische Botschaften. In China und Japan werden die Kinder schon vom Kindergarten an uniformiert. Sicherlich kein Zufall, dass Japan die höchste Schülerselbstmordrate der Welt hat. Umso interessanter ist es, dass „Unterm Rad“ dort das meistverkaufte Buch von Hesse ist.

von Ida Todisco (28.10.2014)

Bücher, die mir große Freude gemacht haben

Adolf Muschg: Im Erlebensfall (Essays 2002-2013), C.H. Beck , 2014

Buchtipp von Volker Michels

Ein Leseerlebnis war die Biografie über Horst Janssen. Da hab ich viel Neues erfahren. Große Freude haben mir auch die Essays von Adolf Muschg gemacht,Im Erlebensfall“, Versuche und Reden. Der ist unglaublich weit vernetzt. Auf seinen Bildungs- und Analogienfundus könnte man neidisch werden. Unerschöpflich sind auch die Tagebücher von Martin Walser.