Der Berufswunsch stand schon zu Schulzeiten fest.
Zsuzsa Bánk benötigt für ihre Romane Ruhe und Konzentration.
Die düstere Geschichte vom kalten Herz spielt eine zentrale Rolle im neuen Roman.
Übereifrige scharfe Rezensionen werden besser gar nicht gelesen.
Naturverbundenheit geht auch mitten in der Stadt.

Zsuzsa Bánk, Autorin

Das Schreiben ist essenziell

Es bleibt dabei: Zsuzsa Bánk hat zwar schon oft mit dem Gedanken gespielt, aber vorerst wird sie weiterhin keine Kinderbücher schreiben. Und das, obwohl sie oft aus der Perspektive von Heranwachsenden erzählt und in ihrem neuen Roman sogar ein Märchen eine zentrale Rolle spielen wird.

Eigentlich hat Zsuzsa Bánk gar keine Zeit für einen Bookster-Treff, sie schreibt an ihrem neuen Buch. Umso schöner, dass sie es dennoch einrichten kann, ins Bockenheimer Stattcafé zu kommen, denn zum Schreiben braucht Bánk Stille, Abgeschiedenheit und vor allem einen Schreibtisch – ganz egal, wo dieser steht, Hauptsache nicht in einem Café: „Ich schreibe niemals unterwegs, höchstens gezwungenermaßen, wenn ich Wartezeit zu überbrücken habe. Letztens saß ich mal zwei Stunden mit meinem Laptop in der „Margarete“, aber da konnte ich nicht arbeiten. Ein tolles Restaurant, aber viel zu laut!“

Um ihre so kunstvoll konstruierten, dichten und doch so leichtfüßig-schwebenden Erzählungen schreiben zu können, muss Bánk die Konzentration über lange Strecken aufrechterhalten, und das geht am besten doch zu Hause. „Ich ziehe mich dann wirklich völlig zurück“, sagt sie. Nach der enormen Erschöpfung, aber auch Erleichterung, die nach der Vollendung eines Romans eintritt, taucht sie wieder ins Leben ein. Geht laufen im Grüneburg- oder Huth-Park, trifft Freunde im Maincafé, geht Kaffee trinken im Liebieghaus oder verreist mit der Familie. „Auch nach Ungarn?“, frage ich, schließlich stammen ihre Eltern von dort, und in ihrem mehrfach preisgekrönten Roman „Der Schwimmer“ ist Ungarn Ausgangspunkt der Geschehnisse. „Nein“, lacht sie, „die ungarische Landschaft gefällt mir nicht. Und überall sind Baumärkte! Ich fahre lieber nach Dänemark oder Italien, und im Herbst gern in die Pfalz und an die Mosel. Dorthin, wo es wirklich schön ist – aber keine Städtereisen!“ Natur und Landschaften sind wichtig in Bánks Büchern, werden quasi zu Protagonisten, Gradmessern für die Befindlichkeiten der Figuren. Dass sie in Frankfurt lebt, ist für die Schriftstellerin kein Widerspruch: „Dort, wo ich wohne, sieht es überhaupt nicht nach Großstadt aus. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich Bäume, auf denen Eichhörnchen klettern, viele verschiedene Vogelarten – es ist keine Anstrengung nötig, um sich mit der Natur verbunden zu fühlen.“

Zum Gespräch bringt Zsuzsa Bánk ein dickes Buch mit: Wilhelm Hauffs Märchen. Ohne an dieser Stelle zu viel auszuplaudern, darf man doch verraten, dass eins dieser Märchen eine zentrale Rolle im neuen Roman spielen wird. Bánk ist fasziniert von „Das kalte Herz“, dieser düsteren Schwarzwald-Sage mit ihren mysteriösen, für Kinder durchaus gruseligen Figuren wie dem Waldgeist, dem Glasmännlein, dem Kohlenmunk-Peter und dem Holländer-Michel.  Bánk wird ihre Hauptpersonen, zwei Freundinnen, in Briefform sich (nicht nur) über „Das kalte Herz“ und den „schwarzen Wald“ austauschen lassen – eine neue Form für Bánk. Nach ihrem letzten Roman „Die hellen Tage“ (2011) hatte sie mit dem Gedanken gespielt, ein Kinderbuch zu schreiben. „Ich erzähle oft aus der Perspektive von Kindern oder Jugendlichen – warum dann nicht auch einmal ein Buch für Kinder?“ Allerdings verwarf sie die Idee wieder: „Es ist ja keineswegs einfacher, ein Kinderbuch zu verfassen. Dann schreibe ich doch lieber weiterhin für erwachsene LeserInnen.“

Auch einmal einen Krimi zu schreiben, wie es zurzeit viele AutorInnen tun, kann sich Bánk nicht vorstellen, beziehungsweise: „Ich kann es einfach nicht. Und, ganz ehrlich, viele Krimis sind so holzschnittartig aufgebaut – das interessiert mich nicht.“ Als ich sie später nach ihrem Lieblingsbuch frage, witzelt sie: „Vielleicht sollte ich ein Buch von Stieg Larsson nennen, eins, womit niemand bei mir rechnen würde.“

Dass sie schreiben wollte, ja musste, wusste Zsuzsa Bánk schon immer. „Nur hätte ich es nie so klar formuliert, dass ich Schriftstellerin werden will“, sagt sie. Mit zwölf, dreizehn Jahren begann sie, Tagebuch zu schreiben, „seitdem hatte das Schreiben einen festen Platz in meinem Leben“. Später verfasste sie Gedichte, viele Briefe, Geschichten, Romananfänge – „ich hätte mir auch vorstellen können, Journalistin zu werden (was sie ja auch einige Zeit war), oder besser Reporterin. Bloß keine Auftragstexte!“ Das Schreiben ist essenziell für Bánk, „das Leben käme mir leer und sinnlos vor, wenn ich aus welchem Grund auch immer nicht schreiben könnte. Ich wüsste wahrhaftig nicht, wer ich bin ohne zu schreiben.“

Kürzlich traf sie zufällig bei einem Fußballspiel ihres Sohnes einen ehemaligen Mitschüler wieder, der sie fragte, ob sie denn schreiben würde – weil sie das doch schon zu Schulzeiten machen wollte. Sie lacht. „Offenbar habe ich diesen Wunsch nachhaltig vermittelt.“ Dass besagter Schulkollege augenscheinlich nichts von ihrer erfolgreichen Karriere mitbekommen hat, kränkt sie nicht: „Ach, es lesen doch nur so wenige Leute. Bücherregale bis unter die Decke sind doch Ausnahmen.“

Auch wenn sie in Bezug auf das Leseverhalten der Bevölkerung eine milde Haltung zeigt, Kritiken ihrer eigenen Bücher liest sie indes fast nie. „Ich muss das von mir fernhalten“, sagt sie, „mir kommen Rezensionen oft übereifrig scharf vor, das finde ich seltsam. Es liegt ein Missverhältnis darin, wenn ein Autor fünf Jahre an einem Buch schreibt, das dann im Handstreich abgeurteilt wird.“ Bestens aufgehoben fühlt sie sich dagegen in ihrem (Frankfurter!) Verlag, was für Bánk in erster Linie personengebunden ist: „Mein Verleger, mein Lektor, die Organisatorin meiner Lesereisen – ich wüsste nicht, wie es wäre, wenn sie nicht mehr da wären.“ Die Meinung, dass es in Frankfurt zu viele Literaturveranstaltungen geben könnte, kann sie nicht teilen: „Es kann gar nicht zu viele Lesungen geben. Die Schriftstellerei ist nun mal kein Präsentiergewerbe und deshalb ist es doch begrüßenswert, wenn Aufmerksamkeit geschaffen wird. Ich persönlich finde es außerdem immer wieder hochinteressant zu erfahren, wie andere Autoren arbeiten.“

Apropos Arbeit: Wir können noch kurz über ihren auffälligen Ring (siehe Foto!), über Castingshows und die Bekleidungsgepflogenheiten Jugendlicher plaudern, dann muss Zsuzsa Bánk wieder aufbrechen – der heimische Schreibtisch ruft. Wir wünschen Ruhe und Konzentration, denn wir freuen uns schon sehr auf den kommenden Roman.

von Christina Mohr (07.04.2015)

Mein Lieblingsbuch der letzten Jahre.

Charles Dantzig: Wozu lesen?, Steidl Verlag, 2011

Buchtipp von Zsuzsa Bánk

„Ich habe das Buch im Zug gelesen und unter Fremden immer wieder laut aufgelacht. Eine Sammlung kleiner Feuilletons, immer sind sie geistreich, oftmals böse, vor allem neu und überraschend gedacht und aufgeschrieben. Dantzig findet unendliche Möglichkeiten, die titelgebende Frage „Wozu lesen?“ zu beantworten, und zwar in einer großartigen Mischung aus Leichtigkeit und Tiefsinn. Dantzig ist Lektor bei Grasset, veröffentlicht Romane und Gedichte und lebt in Paris. Hier schreibt er über seine Liebe zur Literatur, zum Buch, zum Lesen. Es geht vor allem um die französische Literatur, aber alles, was er schreibt, lässt sich auf die Literatur der Restwelt übertragen. Das ist schwebend formuliert, fein gedacht und liest sich unfassbar unterhaltsam und lustig – ständig will man den Bleistift nehmen und etwas unterstreichen. Zum Beispiel diesen eröffnenden Satz: „Ja, man liest aus Protest gegen das Leben.“